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Flurin Caviezel erzählt 100 «wohri Gschichta»

In seinem neuen Buch «Isch impfall wohr» vereint Flurin Caviezel persönliche und in Bündner Dialekt geschriebene Kurzgeschichten.

Südostschweiz
Montag, 28. Mai 2018, 04:30 Uhr Buch
Flurin Caviezel an einem seiner Lieblingsorte: Auf der Bühne.
Olivia Item

Es sind Geschichten, die das Leben schreibt. Oder die das Leben zumindest so oder in der Art schreiben könnte. Wenn der Bündner Kabarettist und Musiker Flurin Caviezel seine Geschichten erzählt, weiss man nie so genau, wo Wahrheit in Fik- tion übergeht und umgekehrt.

Doch spielt es überhaupt eine Rolle, ob eine Geschichte zu 100 Prozent der Wahrheit entspricht, wenn sie unterhaltsam ist? «Guat, i verzella jo au gära, aber i verzella immer nur wohri Gschichta. Guat, as khas gge, dass i amol bim a Detail villicht a bitzli usschmücka, das scho, aber nur, damit d’Gschicht no schöner wird», heisst es zu diesem Thema in Caviezels neuem Erzählband «Isch impfall wohr». Ebenso schreibt er darin, dass er immer wieder gefragt werde, ob seine Geschichten wahr seien. Seine Antwort laute dann im-mer: ja. Entweder handle es sich um ein eigenes Erlebnis oder um eine Geschichte, die jemand so erlebt und ihm davon erzählt habe.

In Wort und (etwas) Ton

Was den besonderen Reiz der 100 Kurzgeschichten ausmacht, die Caviezel in seinem Buch versammelt hat: Sie sind in Bündner Dialekt geschrieben. Das macht die Lektüre nicht unbedingt einfach – selbst als Bündnerin beziehungsweise Bündner nicht. Doch innerlich hört man Caviezels unverwechselbare Stimme, die vielen noch von den «Morgengeschichten» auf Radio SRF 1 bekannt sein dürfte. In gemütlichem Tempo erzählte er dabei beispielsweise, wie sein Freund Niculin seine Hände nicht mehr von seinem Handy lassen kann, sich Tochter Gianna einen 32 Kilometer langen Ausflug hoch zu Ross wünscht und Familienhund Zillo schwanzwedelnd einen unliebsamen Vertreter vertreiben kann.

Aber ganz muss man bei «Isch impfall wohr» nicht auf die Stimme Caviezels verzichten: Zum Erzählband gibt es eine CD, auf welcher Caviezel zehn ausgewählte Geschichten erzählt, dazu begleitet er sich selbst auf der Accor-dina.

«Dr König vu Frankrych»

Die Musik, sie ist, wie eigentlich immer bei Caviezel, der als Musiklehrer an der Bündner Kantonsschule in Chur gearbeitet hat und von 1983 bis 2000 Mitglied der Unterengadiner Volksmusikgruppe Ils Fränzlis da Tschlin war, auch in seinem neuen Buch ein grosses Thema. Mal erinnert er sich, wie er sich als Strassenmusiker auf Fahrradtouren durch Frankreich und Italien sein Brot verdiente oder auf Wiesen und in einem Graben neben der Autobahn schlief und sich trotzdem wie «Dr König vu Frankrych» fühlte.

Mal schreibt Caviezel von Auftritten, die bisweilen chaotisch waren, ihn aber auch bis nach Australien führten. Dann wiederum erzählt er, wie er mit seiner Familie im Alter von fünfeinhalb Jahren nach Chur zog und als Rätoromane plötzlich Deutsch lernen musste und so seine liebe Mühe beim Kauf von «Stückli» (Gebäck) in einer Konditorei hatte.

Sprachen – auch sie sind ein wiederkehrendes Thema bei Caviezel, sowohl in seinen Büchern wie auch in seinen Bühnenprogrammen. Aufgewachsen im Unterengadin, im Bergell und in Chur, beherrscht er alle drei Bündner Kantonssprachen. Und damit findet Caviezel immer und überall Anschluss – selbst in den kleinsten, abgelegensten Dörfchen Italiens, wie in einer der Kurzgeschichten zu erfahren ist.

Liebevoll und luftig-leicht

«Isch impfall wohr» vereint unterhaltsame Geschichten, liebevoll und luftig-leicht geschrieben und mit einem Hauch von Fernweh und Sehnsucht nach den guten, alten Zeiten. Caviezel lässt die Leser an seinem Leben teilhaben und weckt dabei die eine oder andere eigene Erinnerung an längst vergangene Tage.

Caviezel zeigt aber auch auf, dass sich im Alltag mit Humor, einer positiven Grundeinstellung und einem offenen Geist so manche Situation besser lösen lässt. Trotzdem, so erfährt man im Laufe der Lektüre: Wenn es um Ordnung, Vordrängeln, Kritik an seinen Fahrkünsten oder piepsende Handys geht, hört auch für den Kabarettisten der Spass auf.

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