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Liebevoller Umgang mit schrägem Humor

Der Appenzeller Kabarettist Simon Enzler begeistert in Rapperswil-Jona mit verschrobenen Pointen, die er nur auf den ersten Blick über eine abgelegene Bergregion reisst. Bei genauerem Hinsehen passen die Scherze auf jedermann.

Südostschweiz
Montag, 08. Januar 2018, 04:30 Uhr Simon Enzler
Pointiert und themenvariabel: Simon Enzler unterhält die Besucher in der Villa Grünfels bestens. Bild Tobias Humm
Simon Enzler unterhält die Besucher in der Villa Grünfels bestens.

Simon Enzler stellt sich zum Beginn seines abendfüllenden Programms als Wohnungsvermieter dar, der eine Wohnung in Appenzell mindestens zum doppelten Preis anbieten will, den die gleiche Wohnung in der Stadt Zürich erzielen würde. Gleich mit der ersten Nummer legt er seine kabarettistischen Karten auf den Tisch, beziehungsweise auf die Bühne.

Enzler nimmt von der behaupteten stets die gegenteilige Position ein und führt das Publikum so den ganzen Abend lang an der Nase herum. Dieses lässt es sich gerne gefallen, der Kabarettist mit dem eigenwilligen Dialekt versprüht einen schrägen, aber gewinnenden Charme. Er beschreibt seine Mitappenzeller wortreich als verschroben, tier- und menschenfeindlich, entlarvt sie als verkappte Rassisten und Kulturbanausen und kann doch seine Liebe zu ihrem besonderen Charakter nie ganz unterdrücken.

Heiter und verschroben

Bald stellt sich die Frage, wieweit die Pointen, über die das Publikum im übervollen Saal der Villa Grünfels in Rapperswil-Jona lacht, auch in einer anderen Sprache funktionieren würden, oder ob es das Lachen über eine abwesende Minderheit ist. Die meisten Witze könnte man auch über Zürcher oder Basler, Bündner oder Glarner sagen. Der besondere Dialekt, von dem nicht jedem jedes Wort verständlich ist, trägt einfach zur Exotik der Aussagen bei, ohne dass diese in ihrer Verschrobenheit unübertragbar wären. Man lacht also weniger über ein hinterwäldlerisches Völklein in einer abgeschiedenen Bergregion als über sich selber.

Dabei gibt sich Enzler durchaus weltoffen und bringt Pointen zu allen denkbaren Themen. Er schreckt dabei auch vor heissen Eisen nicht zurück über die ein anderer Komiker an gleicher Stelle unlängst bös gestrauchelt ist. Jedenfalls, so betont er, ist ihm als Appenzeller der Islam völlig gleichgültig. Im kleinen Land am Alpstein gelten als höchstes und heiligstes Gesetz ohnehin die Jassregeln, die noch weniger hinterfragt werden als der allgegenwärtige Katholizismus.

Enzler schwadroniert im Laufe des Abends frei von Thema zu Thema, kommt die Entwicklungshilfe zu sprechen und definiert diese als Hilfe beim Lösen von Problemen, die fremde Völker nur dank uns überhaupt haben. Unterwegs hat er noch halt gemacht beim Flachbildschirm, welcher Verderbnis über die Menschheit bringe, der Militärdienstverweigerung wischt er eins aus, und dem allgegenwärtigen Klettverschluss, der ganze Generationen vom Binden der Schnürsenkel entbindet. Nicht alles ist in seiner Abfolge ganz logisch, er spricht auch viele Sätze nur halb aus, das Publikum kann oft Satz und Sinn in den eigenen Köpfen fertig machen.

Doppeldeutig und verbal derb

Ganz besonders liegen ihm die Insekten am Herzen. Im negativen Sinn. Eigens zu ihrer Vernichtung hat Enzler ein chromblitzendes Gerät erstanden und auf die Bühne gebracht, das die fliegenden Plagegeister mit blauem Licht anzieht und in elektrischen Drähten tötet.

Das Programm geht weiter: Nur wenige Requisiten helfen dem Komiker, sich durch die Themen zu hangeln, und er setzt sie sparsam ein. Sein Mittel ist neben seinem skurrilen Dialekt das Doppelbödige seiner Aussagen, mit denen er das Publikum immer wieder aufs Glatteis führt und die Behauptungen durch ein einziges Wort ins Gegenteil verkehrt.

Klartext redet er allerdings, als er zum Schluss die Steuerrechnung behandelt. Diese sei eine Papier gewordene Menschenverachtung und werde mit einer verlogenen Freundlichkeit präsentiert. «Ich erwarte doch auch nicht von einem Bluthund, dass er Birchermüsli frisst!» Man solle doch ehrlich sein und Botschaft und Präsentation in Übereinstimmung bringen.

Zum Schluss – er hat sich bis dahin in der Villa Grünfels schon über vieles mokiert – nimmt Enzler seine eigene Rolle als Kabarettist auf die Schippe. Mit dazu gehört eine Erklärung seiner auch im Publikum als sehr derb empfundenen Sprache. Nein, das seien keine Flüche im religiösen Sinn, da meistens weder der Herrgott noch dessen Verwandte darin vorkommen, erklärt er. Und somit seien diese Wörter keine Flüche, sondern höchstens Beamtenbeleidigungen.

Man lacht also weniger über ein hinterwäldlerisches Völklein in einer Bergregion als über sich selber.

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