Zum Tee bei den Heiligen Drei Königen
Wer neugierig ist auf den Turm am Julierpass, muss nicht auf das nächste Theaterstück warten. Origen macht seine Spielstätte jetzt auch zum Tearoom.
Wer neugierig ist auf den Turm am Julierpass, muss nicht auf das nächste Theaterstück warten. Origen macht seine Spielstätte jetzt auch zum Tearoom.
Giovanni Netzer ist vieles: Theologe, Theatermann, Turmbauer. Und er ist «systemrelevant». Das zumindest hat die Regierung letzte Woche als Begründung angegeben, warum sein Origen-Kulturfestival für wesentliche Infrastrukturprojekte in der Region 800 000 Franken an Kantonsbeiträgen erhält. Netzer zapft nicht nur sehr erfolgreich Geldquellen an, schart erstaunliche Künstler um sich, schreibt und inszeniert. Seit Neuestem ist er zu allem auch noch Beizer.
Nicht nur geistige Genüsse
Seit Anfang Dezember hat Origen beim Hauptquartier in Riom das Restaurant «Taratsch» übernommen und lässt dort Spitzenköche Italianità der feineren Art zelebrieren. Nebenan in der Villa Carisch geht die Wiedererweckung der Zuckerbäckerkunst der einstigen Bündner Auswanderer schon in die zweite Saison.
Kurz vor Weihnachten ist jetzt noch ein weiteres Angebot des kulinarischen Zweigs der Oberhalbsteiner Kultur-Kommune hinzugekommen. Auch der Theaterturm auf dem Julier öffnet seine Pforten. An den Nachmittagen von Mittwoch bis Sonntag gibt es dort nicht mehr nur geistige Nahrung. Geladen wird zum «Tee im Turm». Indem er die heiligen Hallen auch für profanere Genüsse als seine wuchtigen Weihespiele nutzt, kommt Netzer wohl einem verbreiteten Bedürfnis nach.
Denn neugierig sind ja viele, einmal einen Blick in das Innere des Gebäudes in der unwirtlichen Passlandschaft werfen zu können. Gerade die typischen Einmal-im-Jahr-Gäste, welche dieser Tage über die Feiertage ins Oberengadin fahren, werden nicht schlecht staunen über diesen Pop-up-Turm, der bei ihrer letzten Ferienanreise noch nicht da war. So soll jetzt auch ein neues Schild darüber informieren, dass dies nicht etwa ein extravaganter Unterhaltstützpunkt des Tiefbauamts ist, sondern ein Theater – und ein Tearoom.
Wer einen Stopp einlegt, den erwartet jetzt ein Raumerlebnis, das durch den Einzug der Gastronomie nichts von seiner Erhabenheit eingebüsst hat. Denn das weite Rund und der Blick in die Höhe überwältigen innen noch weit mehr, als man von aussen ahnt. Man kann sich an Tischen in den Nischen vor den gewaltigen Bogenfenstern im Parterre oder im ersten Stock niederlassen. Kredenzt wird Tee und Kaffee mit orientalischem Touch. Dazu hat sich der italienische Patissier einige Leckereien einfallen lassen, die inspiriert sind von den Herkunftsländern der Heiligen Drei Könige.
Gebeine im Gepäck
Netzer wäre nicht Netzer, würde er nicht auch noch Tee und Kuchen mythisch überhöhen. Serviert zum köstlichen Muffin mit Ananasstückchen und Datteln oder der orientalischen Variante der Bündner Nusstorte wird nämlich eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Die Weisen aus dem Morgenland sollen über die Alpen gezogen sein – vielleicht sogar über den Julier.
Allerdings waren sie da schon tot. 1164 wurden ihre angeblichen Reliquien in den Dom von Köln gebracht. Die fantastischen Begleitumstände dieser Reise kann man in einer Broschüre am Tisch nachlesen.
«Tee im Turm». Jeweils Mittwoch bis Sonntag (ausser Silvester), 13.30 bis 16 Uhr. Preis für Turmbesichtigung, Tee oder Kaffee und Gebäck: 15 Franken.
Ruth Spitzenpfeil ist Kulturredaktorin der «Südostschweiz» und betreut mit einem kleinen Pensum auch regionale Themen, die sich nicht selten um historische Bauten drehen. Die Wahl-St.-Moritzerin entschloss sich nach einer langen Karriere in der Zürcher Medienwelt 2017, ihr Tätigkeitsfeld ganz nach Graubünden zu verlegen. Mehr Infos
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SO schreibt:…
SO schreibt:
"Pop-Up-Turm. Tearoom. Zuckerbäckerhandwerk. «Tee im Turm». Giovanni Netzer ist «systemrelevant» (...) und Beizer.
Gebeine im Gepäck
Netzer wäre nicht Netzer, würde er nicht auch noch Tee und Kuchen mythisch überhöhen. Serviert zum köstlichen Muffin mit Ananasstückchen und Datteln oder der orientalischen Variante der Bündner Nusstorte wird nämlich eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Die Weisen aus dem Morgenland sollen über die Alpen gezogen sein – vielleicht sogar über den Julier.
Allerdings waren sie da schon tot. 1164 wurden ihre angeblichen Reliquien in den Dom von Köln gebracht. Die fantastischen Begleitumstände dieser Reise kann man in einer Broschüre am Tisch nachlesen."
Ich schreibe:
Der "mythisch überhöhende" Netzer als "systemrelevante" x-te "Strategie" von GRF oder von himself only? Anyway: ich finde es irrelevant, Heisse Luft, Ablenkung von dem, was wirklich zählt bzw. vor allem das Gegenteil meines Gesundheitstourismus.
Netzer: "Die Weisen aus dem Morgenland sollen über die Alpen gezogen sein – vielleicht sogar über den Julier."
Um nun in quasi netzer'scher Weise auch mal etwas "überhöhend" auf die Tube (bzw. historischen Literaturgebeine) zu drücken, zitiere ich hier aus einem Leserbrief (zu einem Artikel in SPIEGEL 38/1983 "Schweiz: Schwyzerdütsch wird immer mehr angewandt") von S. Soppa aus Campione d'Italia:
"Da den Schweizern eine eigentliche völkische Identität fehlt, da sie grösstenteils von durchziehenden Stämmen der Völkerwanderungen abstammen, zum Beispiel von Hannibals Fusskranken oder von umherstreifenden Araberhorden (den Nachweis findet man in den Namen wie Saladin und Sarasin), möchten sie sich nun auf Biegen und Brechen ein eigentliches Erkennungsmerkmal geben."
Das mag stimmen oder nicht - jedenfalls kommen mir Netzers "Showdarbietungen" bzw. "Conférenciertalent" bzw. "Marketingselfsales" auch nicht besser vor.