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«… führte ein dirnenhaftes Leben»

Im «Jahrbuch 2017 der Historischen Gesellschaft Graubünden» finden sich erneut drei Abhandlungen zur Bündner Geschichte. Thematisiert wird unter anderem das Sippenarchiv der Klinik Waldhaus in Chur.

Valerio
Gerstlauer
Sonntag, 17. Dezember 2017, 04:30 Uhr Jahrbuch Historische Gesellschaft Graubünden
1891 war die Psychiatrische Klinik Waldhaus im Bau.
PRESSEBILD

«Psychiatrische Diagnose: Stark debile, infantile, haltlose, triebhafte und verstimmbare Psychopathin; ausgesprochene Rechenschwäche; stammt aus unerfreulichen Vagantenverhältnissen, war früher sexuell ausgesprochen treibhaft [sic!], führte zeitweise ein dirnenhaftes Leben; hat sich aber in den letzten Monaten ordentlich geführt.» Ein Gutachten wie dieses ist im Sippenarchiv der Psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur typisch für jenische Frauen.

Das zwischen den Fünfziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts angelegte Sippenarchiv steht im Zentrum einer Bachelorarbeit der Historikerin Carmen Aliesch. Ihre Forschungsergebnisse fanden nun auch Eingang ins neue «Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Graubünden».

Eheverbot und Sterilisation

Laut Aliesch wurde das Sippenarchiv von Gottlob Pflugfelder (1915–2003) angelegt, der von 1951 bis 1977 als Direktor der Klinik Waldhaus tätig war. Sein Archiv «enthält nach Bündner Grossfamilien geordnet vor allem Stammbäume und psychiatrische Patientengutachten zu einzelnen Mitgliedern der Familien». Pflugfelder verwendete diese Dokumente zur Erstellung von neuen Gutachten, ausserdem erforschte er mit ihrer Hilfe erbbiologische Zusammenhänge. Er sah es als seine Pflicht an, im Interesse der Gesellschaft zu verhindern, das sich «erbkranke» Menschen fortpflanzten.

Auf der Grundlage des Sippenarchivs untersuchte Aliesch, inwiefern Bündner Jenische aus erbbiologischen Erwägungen von Massnahmen wie Eheverboten, Sterilisationen oder Anstaltseinweisungen betroffen waren. Damit leistet die Historikerin einen wichtigen Beitrag, die Diskriminierung von Jenischen in Graubünden weiter aufzuarbeiten.

Als der alte Adel verschwand

Das «Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Graubünden» wartet mit zwei weiteren Abhandlungen zur Bündner Geschichte auf. Von Sebastian Brändli stammt der Text «Keyser und Küng in der Surselva», in welchem ein 500 Jahre altes Gerichtsprotokoll im Fokus steht. Dieses gibt Einblicke in die politische Kultur des frühen Grauen Bundes und seiner Gemeinden. Der Autor beleuchtet somit die Zeit zwischen 1450 und 1550, als sich in Graubünden die Gesellschaft neu konstituierte. «Der alte Adel bricht weg, die bischöfliche Herrschaftsstruktur bleibt nur im Gotteshausbund erhalten», schreibt Brändli. Das Vakuum füllten die Gemeinden und die Familien, die sich durch besondere Leistungen hervortaten.

Schliesslich gibt Matteo De Pedrini Einblick in die Geschichte des Flugplatzes in Samedan. Er geht unter anderem den Fragen nach, wie man überhaupt auf die Idee kam, mitten in den Alpen eine Landebahn anzulegen, und wer einem solchen Projekt kritisch gegenüberstand. Spannend sind neben dem Text die zahlreichen historischen Fotos, auf denen nicht nur alte Flugzeugtypen zu sehen sind, sondern auch Prominente wie Farah Diba, die Frau des iranischen Schahs.

«Jahrbuch 2017 der Historischen Gesellschaft Graubünden». 182 Seiten. 40 Franken. Im Buchhandel erhältlich.

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