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Wie eine Bewegung die Gesellschaft veränderte

Alt Grossrat Werner Caviezel hat ein Buch über die 68er-Bewegung in Graubünden geschrieben. Darin blickt er zusammen mit 31 Weggefährten auf eine Zeit zurück, die die Gesellschaft verändert hat.

Valerio
Gerstlauer
Freitag, 15. September 2017, 08:00 Uhr 68er-Bewegung
Werner Caviezel präsentiert sein Buch «68er-Bewegung in Graubünden».
OLIVIA ITEM

Im Mai des Jahres 1968 reiste Andrea Hämmerle mit zwei Kommilitonen nach Paris – eine Stadt in Aufruhr. «Überzeugt, Weltgeschichte zu erleben, stürzten wir uns ins Chaos», erzählte der Bündner SP-Politiker gestern an einer Medienorientierung im Restaurant «Marsöl» in Chur. «Wahrscheinlich warfen wir keine Steine.» Sicher aber sei Werner Caviezel der Mutigste von ihnen gewesen. «Am längsten blieb er auf den Barrikaden und bot den bedrohlich heranrückenden Polizisten Paroli.»

Ebendieser Werner Caviezel hat die Geschichten von damals für das Buch «68er-Bewegung in Graubünden – Erinnerungen und Erlebnisse» zusammengetragen. Gemeinsam mit den damaligen Weggefährten Hämmerle, Anna Ratti, Christian Crottogini und Peter Egloff präsentierte er gestern das Werk zunächst den Medien, danach wurde die Publikation mit einem Fest im Freundeskreis gefeiert.

«Die aufregendste Zeit»

Er habe das Buch aus sehr persönlichen Gründen geschrieben, erklärte der ehemalige SP-Grossrat Caviezel. Er habe die 68er-Bewegung hautnah erlebt und zumindest in Graubünden auch mitgestaltet. «Es war die aufregendste und prägendste Zeit in meinem Leben.» Begonnen habe er als Studentenpolitiker in Bern, danach sei er von Ende der Sechziger- bis Mitte der Achtzigerjahre in Chur in verschiedensten angeblich subversiven Organisationen engagiert gewesen.

«Ich sehe mich nicht als Historiker, sondern als politischen Aktivisten», sagte Caviezel weiter. Erinnerungen und Ereignisse würden sich zu einem Zeitdokument verdichten. «Ich gebe Einblick in Gefühle, Absichten und Hoffnungen, die wir 68er in Graubünden hatten.» Obwohl sich in unserem Landkanton nichts Spektakuläres ereignet habe, sei es interessant, auf Spurensuche zu gehen und Besonderheiten zu entdecken.

Das Buch stellt laut Caviezel die 68er-Bewegung in einen historischen Kontext, berichtet über deren Entstehung und Radikalisierung, die Zeitschrift «Viva» und das 68er-Leben, über das Ferien- und Bildungszentrum Salecina, den Kampf für den Umweltschutz und die Rolle der 68er in der SP Graubünden. Auch 31 Weggefährten kommen mit eigenen Beiträgen zu Wort. «Diese und auch zeitgeschichtliche Fotos sollen den emotionalen Kontext verstärken.»

Ein weiteres, allerdings kurzes Kapitel ist dem Ökoterroristen Marco Camenisch gewidmet. Er war laut Caviezel kein Teil der 68er-Bewegung in Graubünden. Camenisch habe durch seine kriminellen Taten der linken Umweltschutzbewegung geschadet, schreibt Caviezel.

Arbeit im Kollektiv

Im Restaurant «Marsöl» gab die ehemalige SP-Politikerin Ratti insbesondere Anekdoten zur Zeitschrift «Viva» zum Besten. «Bei ‘Viva’ war ich Mitglied der Redaktion, Tipperin und besorgte mit anderen das Layout. Kopf und Handarbeit wurden im Kollektiv geteilt und jegliche Hierarchie vermieden.» Dreisprachigkeit und Platz für Kunst und Kultur hätten zur «Viva» gehört, wie auch Kritik zu allem.

Ratti wie auch andere 68er-Zeitzeugen, die nun in Caviezels Buch ihre Geschichten erzählen, dürften demnächst erneut Auskunft geben. Silke Redolfi, Historikerin und Leiterin des Frauenkulturarchivs Graubünden, plant weiterhin eine Studie zu Graubünden in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Wie Redolfi auf Anfrage erklärte, will sie im nächsten Jahr mit Feldinterviews beginnen. Im Fokus ihrer Arbeit werden unter anderem die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen sowie das Lebensgefühl der Jungen von damals stehen.

Werner Caviezel: «68er-Bewegung in Graubünden – Erinnerungen und Ereignisse». Desertina-Verlag. 219 Seiten. 38 Franken.

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