×

100 Kilometer langer Radweg erinnert an Fluchtgeschichten

Tausende Flüchtlinge haben zwischen März 1938 und Mai 1945 versucht, über das Vorarlberg die rettende Schweiz zu erreichen. Das Jüdische Museum Hohenems gibt ihnen mit 52 Hörstationen entlang einer 100 Kilometer langen Route eine Stimme.

Agentur
sda
13.07.22 - 08:26 Uhr
Kultur

«Über die Grenze» erzählt von den Fluchtgeschichten verfolgter Jüdinnen und Juden, politischen Gegnern der Nazis, Flüchtlingsrettern, Deserteuren, Kriegsgefangenen sowie Zwangs- und Fremdarbeitern aus besetzten Ländern Europas.

Entlang der Radroute Nummer 1, vom Bodensee bis zur Silvretta, und an ausgewählten Orten in der Schweiz und in Liechtenstein markieren symbolische Grenzsteine 52 Hörstationen zu diesen Flüchtlingsschicksalen, und laden per QR-Code dazu ein, sich auf die Geschichte des jeweiligen Ortes einzulassen.

Der mobile Hörweg «Über die Grenze» ist ein Projekt des Jüdischen Museums Hohenems in Zusammenarbeit mit dem Bildungsprogramm erinnern.at sowie 22 Gemeinden auf Vorarlberger und Schweizer Seite der Grenze. Für die Projektleitung und die Texte ist Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, verantwortlich.

«Unterwegs mit dem Fahrrad zwischen Seen und Bergen, auf beiden Seiten des Rheins, auf beiden Seiten einer Grenze, die noch heute zugleich trennt und verbindet», heisst es im Medientext zur Hörroute.

Flucht endet im Alten Rhein

Die älteste Geschichte reicht auf den 2. März 1938 zurück. Im Alten Rhein bei Hohenems wurde von einigen Schulkindern die Leiche eines Mannes gesichtet. Anhand der Papiere, die er bei sich trug, konnte der Tote identifiziert werden.

Max Schirokauer muss etwa 10 Tage zuvor den Versuch unternommen haben, über das zugefrorene Hohenemser Schwimmbad in die Schweiz zu gelangen und war dabei offenbar eingebrochen. Wie sich herausstellte, war er auf der Flucht vor dem Deutschen Reich. Ein Tag nachdem man ihn tot im Alten Rhein gefunden hatte, wurde Max Schirokauer auf dem jüdischen Friedhof in Hohenems bestattet, wenige Tage vor dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich.

Danach fliehen Tausende aus Wien. Juden und auch politische Gegner der Nazis versuchen zumeist mit dem Zug die rettende Schweiz zu erreichen. Unter den Flüchtlingen ist auch der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer. 1933 war der «Halbjude» nach Österreich emigriert und seine Werke wurden im Deutschen Reich verbrannt.

Am 15. März 1938 gelingt es ihm in letzter Sekunde zu fliehen. In seiner Autobiografie «Als wär's ein Stück von mir» schrieb er: «Als der Zug langsam in Feldkirch einfuhr und man den grellen Kegel der Scheinwerfer sah, hatte ich wenig Hoffnung.»

Zuckmayer gelingt es, mit unerschrockenem Auftreten und dem Verweis auf seine Kriegsdekorationen einen jungen SS-Mann zu beeindrucken. Er bekommt die Erlaubnis weiterzufahren, heisst es in dem knapp fünfminütigen Beitrag der Hörstation 41. «Alles war vorbei. Ich sass in einem Zug und er ging nicht in Richtung Dachau.»

Nadelöhr in die Schweiz

Die Grenze am Alten Rhein bei Hohenems wurde im Sommer 1938 zum Nadelöhr in die Schweiz. Die Hörstationen führen vorbei an den Schauplätzen und vermitteln Geschichten von Glück und Zufall, von Scheitern und Sterben.

Gescheitert ist etwa die Flucht von vier jüdischen Frauen aus Berlin. Sie bleiben am 10. Mai 1942 im Stacheldraht hängen. Nur einer gelingt die Flucht in die Schweiz. Tragisch ist auch die Geschichte von Hilda Monte. Wenige Tage vor dem Ende des Krieges stirbt die Widerstandskämpferin am Grenzübergang Tisis.

Zwei Stunden wird sie im Zollamt festgehalten, da versucht sie in den frühen Morgenstunden zu fliehen. Dann fällt der tödliche Schuss. Man hält die Tote für eine Protestantin und beerdigt sie auf dem evangelischen Friedhof.

Die Website www.ueber-die-grenze.at bietet eine interaktive Radkarte der Hörstationen. Unzählige Dokumente, Fotografien, Protokolle und Interviews vermitteln die damaligen Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven. Im Juli und August finden verschiedene geführte Radtouren statt.

www.ueber-die-grenze.at

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Artikel deaktiviert.
Mehr zu Kultur MEHR