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Klimawandel sorgt für mehr Geschiebe im Linthkanal

Das Fazit der Linthkommission zehn Jahre nach der Linthsanierung fällt positiv aus. Vor dem Walensee gibt es im Escherkanal noch Handlungsbedarf. Der Klima­wandel bringt neue Herausforderungen.

Christine
Schibschid
19.09.23 - 04:30 Uhr
Klima & Natur
Platz schaffen: Ein Bagger entnimmt 2021 Kies im Chli Gäsitschachen kurz vor dem Walensee.
Platz schaffen: Ein Bagger entnimmt 2021 Kies im Chli Gäsitschachen kurz vor dem Walensee.
Bild Linthverwaltung

Zehn Jahre Planung, fünf Jahre Bauzeit und Kosten von 127 Millionen Franken. Die Gesamtsanierung des Linthwerks am Escherkanal (Näfels bis Walensee) und am Linthkanal (Walensee bis Obersee) war ein Mammutprojekt. Zur Einweihungsfeier der neuen Anlagen kam im April 2013 sogar die damalige Bundesrätin Doris Leuthard ins Festzelt ins Benkner Hänggelgiessen. Viel Wasser ist seitdem die Linth hinuntergeflossen. Zehn Jahre sind vergangen.

Zehn Jahre Monitoring

Nun liegt der Schlussbericht des zehnjährigen Monitorings vor, welchen die Linthkommission bei der Fertigstellung des Projekts Linth 2000 in Auftrag gab – zumindest der Linthkommission liegt das Papier vor, öffentlich ist es noch nicht. Die Kommission zieht in einer Medienmitteilung, welche sie am Montag versandte, ein positives Fazit der Sanierung. Die investierten Millionen hätten sich definitiv gelohnt, sagt der Präsident der Linthkommission, der Glarner Regierungsrat Kaspar Becker. «Es gibt glücklicherweise nur ganz wenige Sachen, die wir weiter im Auge behalten müssen.» Nach der systematischen Beobachtung in den vergangenen Jahren könne dies nun im Normalbetrieb geschehen.

Handlungsbedarf beim Geschiebe

Die Sanierung hatte drei Ziele: mehr Hochwassersicherheit, mehr Natur und mehr Erlebnis für die Menschen. Gemäss Linthkommission wurden diese mehrheitlich erreicht. Im Monitoring ging es vor allem um Sicherheit und Unterhalt – etwa um Dämme, die Entwicklung des Flussbetts und den Grundwasserspiegel.

«Handlungsbedarf gibt es vor allem beim Geschiebe», sagt Becker. Ablagerungen würden die Flusssohle erhöhen, dadurch könne dann weniger Wasser abfliessen. Im Linthkanal liege die Entwicklung im Toleranzbereich. «Da dieser aus dem Walensee fliesst, hat er praktisch kein Geschiebe», erklärt Becker. Handlungsbedarf gebe es daher vor allem auf der Glarner Seite.

Stärkere Unwetter, weniger Abfluss

Die Linthkommission erwähnt in ihrer Medienmitteilung, dass bei der Aufweitung im Chli Gäsitschachen kurz vor dem Walensee im Herbst 2021 eine Kiesentnahme vorgenommen worden sei, um die Abflusskapazität zu erhalten. Das Ausmass der Sohlenanhebung sei dort grösser gewesen als erwartet. Das habe mit starken Schwankungen durch wetterbedingte Einzelereignisse zu tun. Unwetter in den Wildbacheinzugsgebieten hätten überdurchschnittlich viel Geschiebe gebracht. «Solche Unwetter haben in den letzten Jahren zugenommen, sie sind heftiger geworden – wir meinen durch klima­bedingte Veränderungen», sagt Becker. Wie die Linthkommission schreibt, führt die langfristige Klimaveränderung ausserdem zu geringeren Abflüssen im Sommer, wodurch sich mehr Geschiebe ansammelt.

Deshalb ist eine Geschiebe­entnahmestelle im Kundertriet bei Mollis geplant. «Gleichzeitig zur Renaturierung entsteht dort eine Einrichtung, damit Laster zur Kiesentnahme heranfahren können», erklärt Becker. Die Renaturierung sei eine Auflage aus dem Projekt Linth 2000. Man nehme das Thema nun wieder an die Hand.«Die Arbeiten laufen. In den nächsten Monaten wird ein Projekt das Vorhaben genauer aufzeigen», kündigt Becker an.

Kies wird regelmässig auch schon bei der Mündung des Escherkanals in den Walensee entnommen. «Es gibt Vereinbarungen mit Bauunternehmen, die das Material als Baustoff verwenden», sagt Becker.

Markus Jud zieht sich nach 25 Jahren zurück

Das Monitoring ist nun zwar abgeschlossen. Das Linthwerk wird aber weiter regelmässig überwacht. Neben den regulären Unterhaltsarbeiten gibt es eine jährliche Sicherheitskontrolle mit externen Fachleuten. Allerdings wird all das bald unter neuer Führung stattfinden: Bei der Sitzung, an der die Kommission über das Monitoring beriet, gab Linthingenieur Markus Jud nach 25 Jahren im Amt seinen Rückzug per Ende Juni 2024 bekannt.

Becker von der Linthkommission wurde von der Ankündigung nicht überrascht, wie er sagt. «Wir sind in einem engen Austausch. Markus Jud hat mich vor einiger Zeit informiert, dass das sein Plan ist, wenn wichtige Meilensteine wie das Monitoring oder das 200-Jahr-Jubiläum abgeschlossen sind.» Dennoch bedaure er Juds Rückzug. «Mit ihm geht ein hervorragender, ausgewiesener Fachmann, der voll fürs Linthwerk gelebt hat.»

Wie Becker ankündigt, will die Kommission die Nachfolge demnächst regeln, voraussichtlich in ihrer letzten Sitzung in diesem Jahr. Heisser Kandidat für den Posten dürfte Juds Stellvertreter Ralph Jud sein. Er trägt den gleichen Nachnamen, ist aber nicht mit dem aktuellen Linthingenieur verwandt. «Ich gehe davon aus, dass er ein valabler Kandidat ist. Wir werden uns das ansehen», sagt Becker.

Fünf Fragen an Linthingenieur Markus Jud

Bild Markus Timo Rüegg

1. Markus Jud, Sie haben bekannt gegeben, dass Sie Ende Juni 2024 nach 25 Jahren als Linthingenieur zurück­treten. Wann haben Sie entschieden, dass es Zeit für etwas Neues ist?

Das war ein Prozess. Seit der Neuorganisation vor dreieinhalb Jahren habe ich einen Stellvertreter. Da hat viel Wissenstransfer stattgefunden. Wir sind heute so aufgestellt, dass eine Übergabe problemlos machbar ist. Mit dem Schlussbericht des zehnjährigen Monitorings der Gesamtsanierung ist das Projekt definitiv abgeschlossen. Das Jubiläum 200 Jahre Linthwerk mit dem Bau der neuen Linthwerkschau war ein weiterer Höhepunkt. Das ist ein guter Zeitpunkt.

2. Was sind die Herausforderungen im Job des Linth­ingenieurs?

Er ist mit sehr viel Verantwortung verbunden. Vor allem bei Hochwasser. Da sind einerseits der Unterhalt und die Über­wachung des Linthwerks sowie die Leitung der Verwaltung. Und andererseits sind da die Unwetterereignisse wie das Hochwasser vor vier Wochen, bei dem man zu Beginn nicht weiss, wie es abläuft. Ich habe als Linth­ingenieur mit 33 Jahren angefangen. Wenn man jung ist, steckt man die grosse Verantwortung weg, aber mit den Jahren spürt man sie.

3. Wo zieht es Sie nun hin? Gibt es da schon etwas Konkretes?

Ich werde Projektleitungen und Beratungen im Wasserbau machen, das heisst Hochwasserschutz oder Renaturierungen. Angestellt als Linthingenieur war ich nie zu 100 Prozent. Ich arbeite also heute schon in dem Bereich.

4. Was nehmen Sie aus der Zeit als Linthingenieur mit?

Es war eine spannende Zeit. Ich habe die Hochwasser 1999 und 2005 miterlebt und das Hochwasserschutzprojekt Linth 2000 von der ersten bis zur letzten Sitzung begleitet.

5. Was muss Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin mitbringen?

Ein breites Wissen im Wasserbau, Verständnis für Recht und viel Herzblut. Während eines Hochwassers muss die Person ausserdem vor Ort sein. Sie sollte also in der Region wohnen.

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