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Sie erobern Graubünden: Zecken sind auf dem Vormarsch – so kannst du dich schützen

Zecken verbreiten sich immer mehr, auch im Kanton Graubünden– wieso das so ist und was man dagegen tun kann.

Bündner Woche
04.05.25 - 14:00 Uhr
Klima & Natur
Profiteure des Klimawandels: Zecken breiten sich immer mehr aus.
Profiteure des Klimawandels: Zecken breiten sich immer mehr aus.
Olivia Aebli-Item

Von Andri Dürst

Sie sind wohl die gefährlichsten Spielverderber in der Schweizer Natur: Zecken. Die kleinen Spinnentiere können Krankheiten übertragen und lauern in immer höher gelegenen Gebieten, auch in Graubünden. Die Zeckensaison hat übrigens schon längst begonnen. In vielen Infoportalen wird der März als Anfang der Gefährdung angegeben; andauern werde sie bis in den Oktober. Doch das heisse nicht, dass man sich den Winter hindurch in hundertprozentiger Sicherheit wiegen könne, sagt Zeckenforscher Werner Tischhauser. «Das Auftreten von Zecken ist nicht nur jahreszeitenabhängig, sondern wird auch von der Exposition beeinflusst. So erhielten wir beispielsweise aus der Surselva eine Meldung, dass sich dort jemand mitten im Winter bei einem sonnigen Wanderbänkli an einem Südhang eine Zecke eingefangen hatte.» Zecken hätten am liebsten wechselfeuchtes Klima, so der Zeckenexperte.

Auch in höheren Lagen ein Problem

Bis vor einigen Jahren gingen viele Bündnerinnen und Bündner davon aus, in höher gelegenen Gemeinden über etwa 800 m ü. M. vor Zecken gefeit zu sein. «Diese Annahme ist unterdessen überholt», gibt Werner Tischhauser, der auch Vizepräsident der Schweizer Zeckenliga ist, zu bedenken. So muss man mittlerweile eigentlich nicht mehr die Frage stellen, wo es in Graubünden Zecken hat, sondern eher, wo es keine mehr hat. «Wirklich zeckenfrei sind nur noch Gebiete oberhalb von 2000 m ü.M., wo es praktisch nur noch Steine hat.» Doch wie kommen die Tierchen denn beispielsweise ins Engadin, das ja eine grosse Entfernung zum Unterland aufweist? Dies geschehe dank Wirtstieren wie etwa Rehen und Hirschen, so der Experte. «Zum Teil dienen auch Zugvögel als Wirtstiere, welche die Zecken über längere Distanzen transportieren können.» Über die Smartphone-App «Zecke» erhält Werner Tischhauser auch Zecken-Meldungen aus der Bevölkerung. Und so weiss er: «Es gibt immer häufiger plausible Meldungen aus Lagen über 1500 m ü. M.» Dies sei jedoch noch kein Grund für Panik. «In vielen Regionen Graubündens herrscht noch nicht die ganz grosse Plage.»

Borreliose und FSME
Zecken können zwei für Menschen gefährliche Krankheiten übertragen. Diese sind:

Borreliose: Eine bakterielle Infektion, die Hautrötungen, Nervenschäden und in seltenen Fällen Lähmungen verursachen kann. Eine Behandlung mit Antibiotika ist möglich, eine Impfung gibt es aber nicht. Von allen Schweizer Zecken sind etwa 20 bis 25 Prozent mit sogenannten Borrelien infiziert. In drei Prozent aller Bisse kommt es zu einer Übertragung, was zwischen 10 000 und 15 000 Fällen pro Jahr entspricht.

FSME: Eine Virusinfektion, die eine Entzündung von Gehirn und Hirnhaut verursacht. Sie kann zu bleibenden Schäden oder sogar zum Tod führen. FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) kann nicht medikamentös behandelt werden, aber eine Impfung bietet Schutz. Schweizweit gibt es zwischen 200 und über 400 Fälle pro Jahr, wobei gemäss BAG 1 bis 3 tödlich verlaufen.

Schutz für Mensch und Tier

Vorsichtig sollte man dennoch sein. Um Zeckenstiche zu vermeiden und somit Ansteckungen vorzubeugen, werden von der Suva folgende Tipps empfohlen:

  • Schutzkleidung: Helle, geschlossene Kleidung erschwert Zecken den Zugang zur Haut und macht sie besser sichtbar.
  • Zeckenschutzmittel: Spezielle Sprays reduzieren das Risiko eines Zeckenstichs.
  • Zeckenkontrolle: Nach Aufenthalten in der Natur sollte der Körper sorgfältig abgesucht werden, besonders Kniekehlen, Achseln und Haaransatz.
  • Zeckenentfernung: Zecken mit einer Pinzette oder Zeckenzange nahe der Haut fassen, langsam herausziehen und die Einstichstelle nach der Zeckenentfernung desinfizieren.

Doch nicht nur als Mensch sollte man sich vor Zeckenstichen schützen, auch bei Hunden und Katzen ist Vorsicht geboten. Zur Prävention gibt es Zeckenhalsbänder, Fellpräparate, Tabletten oder natürliche Hilfsmittel.

Armee im Einsatz: Ende der Nullerjahre sammelten Armeeangehörige Zecken für Testzwecke ein. Ausrotten lassen sich die Spinnentierchen so aber nicht.
Armee im Einsatz: Ende der Nullerjahre sammelten Armeeangehörige Zecken für Testzwecke ein. Ausrotten lassen sich die Spinnentierchen so aber nicht.
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Risikogebiete

Zurück zum Zweibeiner: Eine effektive und bewährte Präventionsmassnahme gegen eine der beiden Zecken-Krankheiten (siehe Box) ist die FSME-Impfung. Diese wird mittlerweile in allen Schweizer Gemeinden mit Ausnahme des Kantons Tessin empfohlen. «Letztes Jahr wurde zudem beschlossen, diese Empfehlung schon für Kinder ab drei Jahren auszusprechen, was besonders bei solchen, die eine Waldspielgruppe oder -kindergarten besuchen, Sinn macht», ergänzt Werner Tischhauser. «Als Vater von zwei Kindern kann ich das bestätigen», unterstreicht er die Wichtigkeit dieser Massnahme. Und auch wenn man nicht direkt in einem Hochrisikogebiet wohne, sei die Impfung sinnvoll, fährt er fort. «Viele Bündnerinnen und Bündner machen ja auch mal einen Ausflug ins Unterland, wo sie sich potenziell eine Zecke einfangen können.»

Seltsam aber erscheint der Umstand, dass im Tessin keine Impfempfehlung ausgesprochen wird. Selbst in den Bündner Tälern Misox und im Calanca, die unmittelbar ans Tessin grenzen, ist die Empfehlung aktiv. «Rein fachlich lässt sich dieser Umstand nicht begründen», konstatiert der Zeckenexperte. «Es sind wohl gesundheitspolitische Gründe, die gegen eine Impfempfehlung im Tessin sprechen.» Ein Blick auf die offizielle Karte der gemeldeten FSME-Stichorte zeigt: Auch zwei Tessiner Gemeinden sind betroffen. Orange eingezeichnet sind auch rund 25 Kommunen in Graubünden. Betroffen sind die Gebiete Surselva, Heinzenberg, Churer Rheintal, aber auch Teile Mittelbündens und des Prättigaus, ebenso das Bergell. Viel häufiger als FSME-Erkrankungen sind jedoch Borreliose-Infektionen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) klassifiziert inzwischen die gesamte Schweiz als Risikogebiet für die Übertragung von Borreliose durch Zecken.

Zeckenstadien: 1 = Larve, 2 = Nymphe, 3 = adulte Zecken; Männchen, Weibchen und gesogenes Weibchen.
Zeckenstadien: 1 = Larve, 2 = Nymphe, 3 = adulte Zecken; Männchen, Weibchen und gesogenes Weibchen.
Frank Brüderli, App «Zecke»

Was bedeutet diese Krankheiten für die Schweiz als Tourismusland? «Wichtig wäre, dass die Tourismus-Verantwortlichen nicht nur die schönen Landschaften zeigen. Sondern auch auf die unschönen Seiten hinweisen», fordert der Zeckenliga-Vizepräsident. Beispielsweise für Gäste aus Nordamerika würde eine solche Warnung Sinn machen, findet er, denn dort gebe es FSME nicht.

Nun wollen wir noch einen Blick in die Zukunft wagen: Wie werden sich die Zecken wohl in den nächsten Jahren ausbreiten? «Publikationen der Klimaforschungen gehen davon aus, dass es bei uns tendenziell eher mehr Niederschläge geben wird. Zecken werden daher eher bessere Bedingungen vorfinden. Da die Fallzahlen somit wohl steigen werden, sind dies auch bessere Bedingungen für die Krankheitserreger selbst.» Keine guten Nachrichten also für uns Menschen. Wäre es angesichts dieser Bedrohung nicht sinnvoller, eine Ausrottung der Zecken herbeizuführen? Dies sei nicht möglich, heisst es vom Experten. «Das ist nicht realistisch.» Das grossflächige Ausbringen von Bioziden im Wald und auf anderen bewachsenen Flächen ist verboten und würde einen zu grossen Schaden an der Umwelt anrichten. So bleibt einem nichts anderes übrig, als auch künftig wachsam zu sein und sich möglichst gut zu schützen.

App «Zecke»: Das Präventions-Tool steht kostenlos für Android- und iOS-Geräte zum Download bereit. Weitere Informationen zum Thema gibt es unter www.zecken-stich.ch und www.zeckenliga.ch.

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