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Bruderhahn im Glück: Auch Bündner Hühner freuen sich über eine neue Regel

Jahrelang wurden männliche Küken getötet. Nun ist Schluss damit: Auch in Graubünden gilt das Verbot. Auf dem Biohof Clavadetscher in Malans werden Bruderhähne seit Jahren aufgezogen.

Bündner Woche
10.01.26 - 14:00 Uhr
Klima & Natur

Von Susanne Turra

«Das Kükentöten hat ein Ende.» So die Schlagzeile im neuen Jahr. Männliche Küken wurden in der Schweiz oftmals jahrzehntelang direkt nach dem Schlüpfen getötet. Damit soll nun Schluss sein. Gute Neuigkeiten zum Jahresbeginn. Doch, warum wurden männliche Küken bis anhin überhaupt getötet? Ganz einfach. Während bei Masthühnern beide Geschlechter gemästet werden können, eignen sich die männlichen Tiere der Legehühner kaum für die Mast. Sie setzen nur wenig Fleisch an. Die Brüder dieser spezialisierten Legehennen aufzuziehen, war für die Landwirtschaftsbetriebe aber nicht wirtschaftlich. Entsprechend wurden in der Schweiz bisher jedes Jahr zwei Millionen männliche Küken der Legehühner kurz nach dem Schlüpfen getötet. Auf dem Biohof Clavadetscher in Malans ist das keine Option. Hier werden schon länger Bruderhähne aufgezogen. Zeit für einen Besuch.

Die Brüder der Legehennen: Auf dem Biohof Clavadetscher in Malans werden sie aufgezogen.
Die Brüder der Legehennen: Auf dem Biohof Clavadetscher in Malans werden sie aufgezogen.
Bild: Olivia Aebli-Item

Die Brüder der Legehennen

«Wir müssen unterscheiden zwischen biologischer und konventioneller Haltung von Hühnern», erklärt Roman Clavadetscher eine Woche vor Weihnachten in seiner Stube in Malans. Bei der biologischen Hühnerhaltung ist es so, dass das Kükentöten seit dem 1. Januar schweizweit verboten ist. Bei der konventionellen Hühnerhaltung hat sich die Branche geeinigt, es ebenfalls zu verbieten. Allerdings mit einem anderen Ansatz. «In der konventionellen Haltung wird das Ei mit der In-Ovo-Technologie durchleuchtet», so der Landwirt. «So kann das Geschlecht bestimmt werden, bevor das Küken geschlüpft ist.» In diesem Fall schlüpft das männliche Küken gar nicht erst. Bei der biologischen Haltung hingegen zieht man die männlichen Küken auf und verwertet später das Fleisch. «Wir haben nie verstanden, dass man ein Tier, das noch nichts vom Leben hatte, am ersten Lebenstag schon wieder tötet», betont Roman Clavadetscher. «Das hat uns immer gestört.» Und so wachsen nicht nur Clavadetschers Hennen, sondern auch ihre Brüder seit jeher in der Bündner Herrschaft auf.

Eine gute Lösung gefunden: Landwirt Roman Clavadetscher.
Eine gute Lösung gefunden: Landwirt Roman Clavadetscher.
Bild: Susanne Turra

Wir gehen aufs Feld. Weisser Hochnebel hat den blauen Himmel verdrängt. Es liegt kein Schnee. Aber es ist kalt. «Ein Wetter, das die Hühner nicht mögen», verrät Roman Clavadetscher und lacht. «Das ist gut so. Wegen der Vogelgrippe dürfen sie momentan sowieso nicht draussen sein.» Eine Ausnahmesituation, die vielleicht noch bis März andauert. Roman Clavadetscher öffnet die Türe eines kleinen Stalles. Sofort rennen ein paar neugierige braune Hühner zum Eingang. Masthühner. «Im Normalfall können sie täglich raus auf die Weide», sagt Roman Clavadetscher. «Sie können Gras fressen und Würmer suchen.» Das ist das natürliche Verhalten einer Henne. Sie scharrt gerne am Boden und sucht sich das Fressen selbst. Im Stall ist der Boden mit Stroh bedeckt. Auch hier können die Hühner scharren. Gefüttert wird ausschliesslich mit Biofutter. Der Wassertank sorgt für frisches Wasser. Und die Hühner können auf den langen Sitzstangen Platz nehmen. «Das Huhn geht gerne vom Boden weg in die Höhe. Aus Angst vor den tierischen Räubern», erklärt Roman Clavadetscher. Und so sitzen nachts die Hühner immer alle auf den Stangen. In Reih und Glied.

500 Hühner pro Stall

«Wir haben nur kleine Herden, rund 500 Hühner pro Stall», so der Landwirt weiter. «So ist es auch von den Biorichtlinien definiert.» Insgesamt werden 2000 Hühner in vier mobilen Ställen gehalten. Übrigens hat die Familie kurzerhand Maschendrahtzäune um die Ställe hochgezogen. In einem schmalen Gang können die Hühner so trotz Vogelgrippe ein bisschen ins Freie.

Trotz Vogelgrippe: Die Masthühner dürfen eingezäunt nach draussen.
Trotz Vogelgrippe: Die Masthühner dürfen eingezäunt nach draussen.
Bild: Olivia Aebli-Item

Als Eintagsküken von der Brüterei

Zurück in die Stube. «Vor gut 20 Jahren haben meine Frau und ich den Biohof von meinen Eltern übernommen», erzählt Roman Clavadetscher. «Seit zehn Jahren ziehen wir Bruderhähne auf.» Und das in einer gemischten Herde mit den anderen Hühnern. Das funktioniert gut. «Wir bekommen die Bruderhähne jeweils als Eintagsküken direkt von der Brüterei in Sempach», sagt Roman Clavadetscher. «Ich habe früher in einer Nebentätigkeit in der Brüterei gearbeitet. Dort habe ich hautnah miterlebt, wie die Küken getötet wurden.» Mit ein Grund, warum sich der Landwirt schon vor Jahren entschlossen hat, dem Kükentöten den Kampf anzusagen. «Es war ein langer Prozess», sagt er. «Wir mussten viele Fragen klären. Wie ist die optimale Haltung? Was für ein Futter brauchen die Bruderhähne?» Momentan sind aber keine Bruderhähne auf Clavadetschers Hof anzutreffen. Erst im Frühling wieder. «Die Bruderhähne werden ja nicht speziell für uns ausgebrütet, sondern nur dann, wenn es Legehennen braucht», so Roman Clavadetscher. Da richtet sich die ganze Planung nach der Eierproduktion. Und Eier braucht es an Ostern und Weihnachten am meisten. «Die Bruderhähne werden rund 70 Tage bei uns aufgezogen, und nachher zu Fleisch verarbeitet», so der Landwirt. «Im Vergleich zu einem Masthuhn ist das doppelt so lange, weil die Brüder der Legehennen auch nur halb so schnell wachsen.»

Kein Bio-Ei ohne Bruderhahn

Ist das wirtschaftlich? «Grundsätzlich nicht», so Roman Clavadetscher. «Aber wir haben eine gute Lösung gefunden. Es schlüpfen ja männliche und weibliche Küken. Die weiblichen werden gross und legen Eier. Wer diese Eier verkauft, verlangt ein bisschen mehr Geld dafür. Dieses bekommen wir, damit wir den Bruder der Henne kostendeckend aufziehen können.» Kurz zusammengefasst: Wer ein Bio-Ei kauft, verhilft automatisch dazu, den Bruderhahn mit aufzuziehen. Früher war das freiwillig. Heute ist es Pflicht. Übrigens ist die Familie Clavadetscher nicht die einzige, die in Graubünden schon seit Jahren freiwillig Bruderhähne aufzieht. Roman Clavadetscher zählt einige weitere Landwirte auf: Curdin Capeder in Cumbel, Enrico Sax in Obersaxen, Damian Janka in Obersaxen und Damian Cadalbert in Sevgein. Sie alle betreiben einen Hofladen mit eigenen Produkten und stellen das Tierwohl über die Rendite. Dazu gehört übrigens auch das Halten von Zweinutzungshühnern (siehe Box).

Zurück auf das Feld. Von Weitem ist Roman Clavadetschers Frau, Valérie Cavin, zu sehen. Sie macht mit einem Mitarbeitenden einen kleinen Hühnerstall flott. Bald werden sich wieder kleine gelbe Küken darin tummeln.

Das Zweinutzungshuhn
Früher waren alle Hühner Zweinutzungshühner. Sie legten Eier und setzten gleichzeitig Fleisch an. Der Haken an der Sache: Entweder ein Huhn legt maximal viele Eier im Jahr oder es lässt sich gut mästen. Beides zu maximieren geht nicht. Die einseitige Zucht brachte Probleme mit sich. Masthühner, deren Muskeln schneller wachsen als die Knochen, haben ab einem gewissen Gewicht Mühe, ihr Gewicht selber zu tragen. Legehennen, die jeden Tag ein Ei legen, mobilisieren für die Eierschale mitunter Kalzium aus ihren Knochen. So sorgen sie für eine harte Eierschale, neigen mit zunehmendem Alter jedoch zu Knochenbrüchen, weil ihre Knochen porös werden. Seit einigen Jahren setzen bäuerliche Zuchtorganisationen und grosse Zuchtkonzerne wieder auf Zweinutzung, also auf eine ausgewogene Leistung beim Eierlegen und beim Fleischansatz. Statt auf über 300 Eier im Jahr wie die spezialisierte Legehenne kommt das Zweinutzungshuhn «nur» auf etwa 240 Eier. Die Zweinutzungshähne setzen ordentlich Fleisch an, wenn auch nicht ganz so viel wie Mastpoulets. Das Zweinutzungshuhn versetzt der Effizienz in der Eier- und Fleischproduktion einen Dämpfer. Das führt für die Bäuerinnen und Bauern zu höheren Kosten und letztlich zu einem höheren Preis für die Produkte. Dem gegenüber steht der Vorteil einer ethisch verantwortungsvollen Tierhaltung.
Mehr Informationen gibt es hier.

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