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Wo die Stadt noch lebt

Im April ging das Forum Bau und Kultur auf die Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Der Spaziergang durch 115 Jahre Genossenschaftsgeschichte gab eindrückliche Einblicke in ein «anderes» Davos. Die Zeiten ändern sich, doch genossenschaftliche Selbsthilfe bleibt ein nachhaltiges Erfolgsmodell.

Davoser
Zeitung
20.05.24 - 13:37 Uhr
Graubünden
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Pionierbauten des genossenschaftlichen Wohnens in Davos. 

Es ist Zwischensaison, Davos ist wie leer gefegt. Die geschlossenen Rollläden der verwaisten Wohnungen zeugen davon, dass rund drei Viertel der Davoser-Wohnungen nur sporadisch belegt sind. Doch kaum kommt die Gruppe Forum Bau und Kultur ins Ried-Quartier, ändert sich dieser Eindruck schlagartig. Kinder, die zwischen den Häusern spielen, füllen das Quartier mit Leben. «Hier stehen wir zwischen Wohnblöcken mit Gemeindewohnungen und einem ganzen Quartier von Genossenschaftswohnungen», erklärt Jürg Grassl den Spaziergängern. Zweitwohnungen gibt es hier nicht. Darum ist die Bevölkerungsdichte hier deutlich höher, man fühlt sich wie in einer anderen Stadt.

Erst mit der Landwasserkorrektion 1884 wird das vormalige Sumpfgebiet «im Ried» überhaupt nutzbar. Wer es sich leisten kann, siedelt am Sonnenhang, dem Prekariat bleibt zum Wohnen die Talsohle. So ist das Riedquartier seit Anbeginn ein Arbeiterquartier.

Heute trumpft das Quartier mit rücksichtsvollen Umbauten und Erweiterungen auf, die zeigen, dass die ehemals einfachen Wohnhäuser an der Flurstrasse noch heute zeitgemäss bewohnt werden können. Bitter enttäuscht zeigt sich die Besuchergruppe allerdings darüber, dass mit der Casa Letizia bald ein qualitätsvoller, frühmoderner Bauzeuge aus dem Stadtbild verschwindet, weil sie dem Klotz des künftigen EWD-Sitzes weichen muss.

«Sind Sie Mieter oder Eigenheimbesitzer?», fragt Jürg Grassl zu Beginn des Spaziergangs sein Publikum. Zwei Drittel sind Mieter, ein Drittel Eigenheimbesitzer, was den Schweizer Durchschnitt widerspiegelt. Doch ein Gast will sich nicht in eine der beiden Kategorien einfügen. «Genossenschafter», ruft er dazwischen. Genossenschafter können nämlich zeitgleich sowohl Mieter, als Miteigentümer sein. Und: Man wohnt erst noch günstiger, rund 20 Prozent im Schnitt. Gemeinnützige Genossenschaften verpflichten sich nämlich zur Kostenmiete und verzichten darauf, mit der Vermietung eine Rendite abzuschöpfen.

Familien finden hier ein ansprechendes Zuhause.

Die Zeit der Baugenossenschaften

Als Karl Bürkli 1851 in Zürich den Konsumverein gründet, beginnt in der Schweiz ein regelrechter Genossenschaftsboom. Bald gibt es in allen Landesteilen Konsumvereine. Und auch die vermeintlich engstirnigen Walser schliessen sich schon bald zu Atzungs-, Sennerei- und Molkerei-Genossenschaften zusammen. 1890 wird in Zürich die erste Baugenossenschaft der Schweiz gegründet. Davos wächst vom Dorf mit 2500 Einwohnern (1860) zur Stadt mit über 10 000 Einwohnern (1910). Die wohl­habenden Zuzüger lassen entlang der Promenade und Talstrasse grosszügige Villen bauen. Die Villa Edel (1910) und die Villa Lutta (1912) an der Flurstrasse, welche der aus Dresden stammende Architekt Arthur Wiederanders gebaut hat, zeugen davon. Für die Arbeiter, welche die Sanatoriumsstadt von damals am Laufen halten, ist die Wohnsituation aber oftmals prekär.

Einem Aufruf in der Zeitung, mit Absicht zur Gründung einer Wohngenossenschaft zu schreiten, folgen 1910 über 55 Interessierte. Gründungspräsident der Davoser Wohngenossenschaft wird Architekt Arthur Wiederanders, weiss Jacobina Knölle vom heutigen Vorstand der Wohngenossenschaft. Er kam 1904 aus Dresden nach Davos und fand mit dem bekannten Plakatmaler Walther Koch einen schon bestens am Ort vernetzten Büropartner. Eben erst ist ihr gemeinsames Meisterwerk, das Waldsanatorium Prof. Jessen, fertiggestellt. Um als Architekt die Bauvorhaben der Genossenschaft vorantreiben zu können, legt Wiederanders das Präsidium schon bald wieder nieder. 1914 wird das erste Mehrfamilienhaus mit sieben Wohnungen bezogen.

Der Traum ist erreichbar

Es ist der gebaute Beweis, dass der Traum vom «Eigenheim» gemeinschaftlich erreichbar ist. Die Forum Bau und Kultur-Besucher staunen: Walter und Susanne Reiss sind in den 110 Jahren erst die dritten Mieter in der Hochparterre-Wohnung mit 4.5-Zimmern. Die Wohnung überrascht mit einem Eingangsbereich, gross wie ein Zimmer. Er ist mehr als nur ein Verbindungsraum, er ist das Herz der Wohnung. Im warmen Zentrum des Hauses ist er Wohnraumerweiterung und Spielzimmer, bietet Platz fürs Bügeln und andere Hausarbeiten sowie Stauraum.

Dafür sind die Zimmer zum Schlafen an der Seitenfassade klein wie Kajüten. Dank 2.70 Metern Raumhöhe wirken sie trotzdem grosszügig. Zur kalten Nordseite sind Küche, WC und Spensa angeordnet, zur wärmenden Sonne die Wohnräume. Ins Gemeinschaftsbad im Keller muss man heute zum Glück nicht mehr gehen. Ein riesiger Balkon ergänzt, als sommerliches Freiluftzimmer, den Wohnraum.

Aktive Förderprogramme

Der Erste Weltkrieg und die darauffolgende Wirtschaftskrise haben auch die Wohngenossenschaft arg gebeutelt. Auch die Davoser Baubranche stürzt in die Krise: Die Architekten Overhoff, Bode, Kuhn und Kessler, Gaberel und Wiederanders und der Ingenieur Nussbaumer schliessen sich zur Davoser Architekten- und Ingenieur-Vereinigung zusammen und publizieren einen Hilferuf, dem schwerbedrängten Technikerstand durch Arbeitsüberweisung zu Hilfe zu kommen. Es geht aber nicht nur ums wirtschaftliche Überleben, auch die Wohnungsnot ist eklatant. Der Bundesrat beschliesst 1919 gar die Bekämpfung der Wohnungsnot durch Beschränkung der Freizügigkeit.

Konstruktiver ist wohl, dass Bund, Kantone und Gemeinden aktive Förderprogramme für den gemeinnützigen Wohnbau aufgleisen. Daraus resultiert schweizweit ein regelrechter Boom des genossenschaftlichen Wohnbaus. In nur drei Jahren baut Architekt Wiederanders für die Davoser Wohngenossenschaft 1929 fünf weitere Wohnhäuser: das Riedheim, Wiesenheim und Trautheim im Ried, und das Beamtenhaus Ducan an der Grüenistrasse. Auf Bitte der Gemeinde errichtet die Wohngenossenschaft auch ein Haus im Dorf; das Haus Sarsura. Bald wird dieses durch einen Ersatzneubau ersetzt, davon zeugen die Neubaupläne, welche die Verwalterin der Wohngenossenschaft Katharina Guyer in ihrem Büro vorstellt. Architekt Wiederanders erlebt den Bau des Haus Sarsura nicht mehr, er verstirbt im Frühjahr 1932.

Die Grundrisse der ersten Wohngenossenschaftshäuser zeugen vom Wandel der Wohnbedürfnisse. Die Devise in den 1930-Jahren lautet: Das Nötige soll in guter Qualität, das Entbehrliche gar nicht gemacht werden. Der Eingangsbereich ist nur noch Korridor, die Spense schrumpft im Wiesenheim auf einen wortwörtlichen Kühlschrank mit Zuluft von der kalten Nordseite zusammen. Dafür erhält nun jede Wohnung ein eigenes kleines Badezimmer. Die Häuser tragen alle ein flaches Dach und jeweils eine zartbunte Fassadenfarbe, welche die Häuser harmonisch verbindet. Künftig teilen sich die Häuser auch ihr Heizsystem. Die aktuelle Baustelle einer Grundwasserwärmepumpe zeugt von der stetigen Erneuerung. Bald fliegen die Ölheizungen wieder raus, welche die ursprünglichen Kohlefeuerungen ersetzten.

(Jürg Grassl schreibt für das Forum Bau und Kultur)

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