Darum ist die Schnecke für die Natur in Graubünden wichtig
Die Hain-Schnirkelschnecke wurde von Pro Natura zum Tier des Jahres gewählt. Warum gerade diese Schnecke für einen gesunden Boden sorgt, erklärt sie höchstpersönlich.
Die Hain-Schnirkelschnecke wurde von Pro Natura zum Tier des Jahres gewählt. Warum gerade diese Schnecke für einen gesunden Boden sorgt, erklärt sie höchstpersönlich.
Alles andere als ein Schädling
Laut Baur liebe ich menschengeprägte Ortschaften. Ich halte mich sehr gerne in Gärten, an Wegrändern und in Hecken auf. Aber keine Angst, ich bin kein Schädling. Im Gegenteil, der Biologe Bruno Baur sagt, ich sei sogar nützlich. Ich ernähre mich nämlich hauptsächlich von abgestorbenem Pflanzenmaterial. Wie das genau funktioniert, erklärt Baur mit einem anschaulichen Beispiel: Stellt euch einen Buchenwald im Herbst vor. Dort liegt nach dem Laubfall etwa 30 Zentimeter Laub auf dem Boden. Würde dieses Laub nicht abgebaut, wären es nach 10 Jahren schon drei Meter und nach 20 Jahren sechs Meter Laub. Aber das passiert nicht, denn es gibt viele Organismen, die ständig dabei sind, dieses tote Pflanzenmaterial zu zersetzen – dazu gehöre auch ich. Wir bauen das Material ab und geben Mineralstoffe zurück in den Boden, damit der Wald weiterhin gesund bleibt. Also, auch wenn wir Schnecken klein sind, leisten wir einen grossen Beitrag.
Viele Schneckenarten sind bedroht
Ich habe von Baur etwas gehört, was mir ein wenig Angst macht: Ich sei für einige Tiere eine wichtige Nahrungsquelle. Igel, Mäuse und Käfer fressen uns gerne, und vor allem Vögel benötigen uns, da unsere Schneckenhäuser aus Kalk bestehen, den sie für die Ablage ihrer Eier brauchen. Zwar ist meine Art, die Hain-Schnirkelschnecke, nicht bedroht, jedoch sind 40 Prozent der Schweizer Schneckenarten gefährdet. Genau deshalb bin ich laut Baur dieses Jahr so wichtig. Denn ich soll mit meiner Schönheit auffallen. Die Abnahme der Biodiversität und die Übernutzung unserer Lebensräume stellen eine Bedrohung für Schnecken im Allgemeinen dar.
In der Liebe tobe ich mich gerne aus
Eine Besonderheit von mir – ich bin ein Zwitter. Wenn ich möchte, kann ich mich sogar selbst befruchten. Aber laut Baur machen wir das eher selten. Viel lieber toben wir uns so richtig mit anderen Schnecken aus. Und das gleich mit vier bis fünf verschiedenen Partnern. Ich tausche jeweils mit jedem Partner Spermien aus – das heisst, ich empfange und gebe welche. Laut dem Biologen kann ich die erhaltenen Spermien mehrere Jahre lang aufbewahren, und sie bleiben lebensfähig. So kann ich in Ruhe entscheiden, von wem ich die Spermien in mein Reservoir leiten möchte und von wem nicht. Normalerweise wähle ich zwei bis vier Partner für die Befruchtung. Mit anderen Worten: Die 50 Schnecken, die aus den Eiern schlüpfen, haben immer zwei bis vier Väter, und sie sind Halbgeschwister. Meine Kinder sind mit etwa drei Jahren erwachsen und werden in der Natur normalerweise bis zu sechs Jahre alt. Baur meint, manche von uns können sogar 20 Jahre alt werden.
Wanderung in die Höhe
Als ehemaliges Mitglied der Forschungskommission des Nationalparks konnte Baur unter anderem auch in Graubünden feststellen, dass wir mit der Zeit immer mehr in die Höhe wandern. Das hat damit zu tun, dass der Klimawandel dazu führt, dass in immer höheren Gebieten wärmere Temperaturen herrschen. Ich kann mich zwar selektiv an die Wärme anpassen, aber das ist sehr unwahrscheinlich, da dieser Prozess oft Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren dauert. Daher ist es wahrscheinlicher, dass wir in Skandinavien weiter nach Norden ziehen oder, bei uns in Graubünden, immer weiter in die Höhe.
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