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Erhebliche Lawinengefahr in Graubünden: Eine Expertin beantwortet die wichtigsten Fragen

Über die Osterfeiertage war die Lawinengefahr in Teilen Graubündens besonders hoch. Doch welche Faktoren trugen dazu bei und was erwartet uns in den kommenden Tagen? Eine Lawinenwarnerin klärt auf.

Südostschweiz
02.04.24 - 15:16 Uhr
Graubünden
Expertin für Lawinenaktivität: Christine Pielmeier arbeitet als wissenschaftliche und technische Mitarbeiterin für das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. 
Expertin für Lawinenaktivität: Christine Pielmeier arbeitet als wissenschaftliche und technische Mitarbeiterin für das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. 
Bild Luzia Schär

von Anna Panier und Luciano Cherry

So schön die Schweizer Berglandschaft ist, so gefährlich kann sie auch sein. Denn die weiss gezuckerten Gipfel bergen aktuell eine ernst zu nehmende Gefahr für Lawinenabgänge. Erst am Montag kam es zu einem tragischen Lawinenunglück am Riffelberg bei Zermatt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben verloren. 

Doch welche Lage erwartet uns derzeit in Graubünden in Bezug auf die Lawinengefahr? Im Interview mit Radio Südostschweiz nimmt Christine Pielmeier vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos Stellung dazu. Als erfahrene Lawinenwarnerin behält sie die täglichen Entwicklungen genau im Auge. 

Frau Pielmeier, die Lawinengefahr hat über Ostern vielerorts Alarmstufen erreicht. Was steckt hinter dieser Entwicklung?

Christine Pielmeier: In den letzten drei Tagen gab es in den Bündner und Glarner Bergen viel Neuschnee, im Oberengadin beispielsweise bis etwa 80 Zentimeter. Das führte im Oberengadin teilweise zu spontanen Lawinen und zur Sperrung einiger Verkehrswege. Ein weiterer Faktor war der starke Südwind, der den Schnee verwehte und so für Ansammlungen von Triebschnee führte. Diese Anhäufungen und der Neuschnee stellten das Hauptproblem dar. 

Bereits am Dienstag wurde die Warnstufe vielerorts von 4 auf 3 reduziert. Besteht trotzdem auch weiterhin ein erhebliches Risiko?

Ja, definitiv. Obwohl sich die grossen Neuschneemengen unter ihrem eigenen Gewicht verfestigt haben – was grundsätzlich positiv für die Stabilität der Schneedecke ist –, ist die Gefahr von Lawinenabgängen nicht gebannt. Nach wie vor können Lawinen ausgelöst werden. Besonders für Personen, die sich abseits der Piste bewegen, ist die Situation heikel. Deshalb ist etwa bei Touren Erfahrung zur Beurteilung der Lawinengefahr notwendig – und Zurückhaltung.

Skitourenexperte Christian Andermatt erklärt, was beim Skitourensport beachtet werden muss:

Wann wird sich die aktuelle Lawinensituation entspannen?

Die Gefahr von Trockenlawinen nimmt jetzt langsam ab. Bezüglich Nasslawinen ist in den nächsten Tagen mit einem tageszeitlichen Anstieg zu rechnen  – wegen der sehr hohen Nullgradgrenze, die aktuell vorhergesagt wird. Diese Bedingungen werden uns voraussichtlich bis zum Wochenende erhalten bleiben. Zudem muss mit Gleitschneelawinen gerechnet werden, also Lawinen, die am Boden abgleiten und die gesamte Schneedecke mit sich reissen können. Grundsätzlich muss die Situation aber Tag für Tag neu beurteilt werden. Daher veröffentlichen wir auch täglich unser Lawinenbulletin, um beispielsweise für Tourenplanungen stets die neuesten Informationen bereitzustellen.

Lawinenarten im Überblick 
Nicht alle Lawinen sind gleich. Das SLF kategorisiert die verschiedenen Erscheinungsformen von Lawinen wie folgt: 

Schneebrettlawinen 
Schneebrettlawinen haben einen breiten, linienförmigen Anriss. Sie sind nur möglich, wenn eine gebundene Schneeschicht (das «Schneebrett») auf einer Schwachschicht liegt und diese Schichtkombination genügend flächig vorhanden ist. Zudem braucht es eine Zusatzlast, um die Lawine auszulösen, und der Hang muss mindestens 30 Grad steil sein.  

Lockerschneelawinen 
Lockerschneelawinen breiten sich vom Auslösepunkt nach unten aus, indem der abrutschende Schnee immer mehr Schnee mitreisst. Lockerschneelawinen gehen oft während oder kurz nach einem Schneefall oder bei starker Erwärmung ab. Bei trockenem (Pulver-)Schnee ist im Auslösepunkt meistens eine Neigung von 40 Grad erforderlich. Vor allem bei nassem Schnee können sie in anhaltend steilem Gelände beachtliche Grössen erreichen. 

Gleitschneelawinen 
Gleitschneelawinen haben wie Schneebrettlawinen einen breiten, linienförmigen Anriss, doch rutscht hier die gesamte Schneedecke ab. Das ist nur auf glattem Untergrund wie abgelegtem Gras oder Felsplatten möglich. Je steiler der Hang, desto eher gleitet der Schnee ab. 

Staublawinen 
Staublawinen entstehen meistens aus Schneebrettlawinen. Bei grosser Fallhöhe und genügend Schneemenge vermischt sich der Schnee mit Luft und es entwickelt sich eine Staubwolke.  

Nassschneelawinen 
Nassschneelawinen können als Schneebrett oder als Lockerschneelawine anbrechen. Sie reissen häufig spontan los und lösen sich vor allem bei Regen oder nach einer tageszeitlichen Erwärmung. Sie entstehen vor allem im Frühling. Der Hauptauslöser von Nassschneelawinen ist Wasser in der Schneedecke, welches Bindungen an Schichtgrenzen markant schwächt.

Ist es aussergewöhnlich, dass die Lawinengefahr im April noch so präsent ist?

Aussergewöhnlich nicht unbedingt. Blicken wir beispielsweise auf das vergangene Jahr, so erlebten wir ebenfalls eine späte Schneephase mit viel Neuschnee im April und Mai. Die Bedingungen variieren von Jahr zu Jahr. Was jedoch dieses Jahr besonders auffällt, sind die ungewöhnlich hohen Niederschlagsmengen, die im Bereich des Simplons bis ins westliche Tessin gefallen sind. Über Ostern wurden lokal bis zu 2,5 Meter Neuschnee registriert – solche Mengen treten nicht jedes Jahr auf.

Insgesamt zeigte sich der Lawinenwinter bisher nicht als aussergewöhnlich gefährlich. Vielmehr liegt er im Durchschnitt, tendenziell sogar leicht unterdurchschnittlich. Auch hinsichtlich der Anzahl an Lawinenunfällen liegen wir derzeit im Durchschnittsbereich für Anfang April.

Viele haben in den letzten Tagen, ob beim Blick aus dem Fenster oder in der Natur, Saharastaub wahrgenommen. Inwiefern beeinflusst dieser die Lawinengefahr?

Inzwischen wurde der Saharastaub vielerorts wieder von neuem Schnee bedeckt, sodass er an der Oberfläche nicht mehr sichtbar ist. Liegt er jedoch an der Oberfläche, reduziert er die Rückstrahlkraft des Schnees.

Während perfekt weisser Schnee die kurzwelligen Sonnenstrahlen nahezu komplett reflektiert, verringert sich diese Rückstrahlkraft, wenn der Schnee braun oder gelblich verfärbt ist. Dies hat zur Folge, dass der Schnee schneller erwärmt wird und somit auch rascher schmilzt. Somit trägt der Saharastaub dazu bei, dass der Schnee schneller nass wird und befeuert dadurch die Gefahr von Nassschneelawinen.

(chl / paa)

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