Schulzentrum Davos Platz wird mit «polis Award» ausgezeichnet
Ende letzten Jahres wurde der «neue» Mitteltrakt des Schulzentrums im Platz freigegeben. Schon bei der Eröffnung sprach Hauptschulleiter Martin Flütsch von einem «grossen Wurf». Das der Wurf, gerade in architektonischer Hinsicht, so gross sein würde, haben damals allerdings die Wenigsten gedacht.
Ende letzten Jahres wurde der «neue» Mitteltrakt des Schulzentrums im Platz freigegeben. Schon bei der Eröffnung sprach Hauptschulleiter Martin Flütsch von einem «grossen Wurf». Das der Wurf, gerade in architektonischer Hinsicht, so gross sein würde, haben damals allerdings die Wenigsten gedacht.
Über Ästhetik lässt sich bekanntlich streiten, aber über Nachhaltigkeit nicht. Und so ist es auch beim kürzlich eröffneten Mitteltrakt des Schulzentrums im Platz. Ob man den Bau schön findet oder nicht, er ist zweckmässig und vor allem nachhaltig. Flütsch lobte bereits bei der Eröffnung, dass die beiden Architekten Marc Ritz und Otto Closs während der Planung stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Schule hatten und mit dem Projekt beinahe schon pionierhafte Wege gegangen seien. So musste nicht der komplette Altbau abgerissen werden. Vielmehr wurden 40 Prozent der alten Bausubstanz für das neue Gebäude verwendet. Dies war und ist die ideale Lösung, um der Forderung nach einem modernen, aber trotzdem möglichst nachhaltigen Neubau nachzukommen. Dieses Vorgehen wurde nun mit dem «polis Award» in der Kategorie «Ökologischer Wirklichkeit» geehrt.
Gebäude sind keine Wegwerfprodukte
In der Beschreibung im deutschen Architekturmagazin «polis» wird das Projekt als «wegweisendes Beispiel für nachhaltige Architektur im alpinen Raum» bezeichnet. Für Architekt Marc Ritz ist klar: «Wir müssen verantwortungsvoller mit gebauten Ressourcen umgehen – vor allem mit Blick auf die gespeicherte, graue Energie.Wir können uns aus ökologischer Sicht nicht mehr leisten Gebäude als Wegwerfprodukt zu betrachten und müssen Anfangen Gebäude als Ressource zu betrachten – ob das gesamte Gebäude oder einzelne Bauteile. Wo es keinen Bestand gibt, müssen wir mit nachhaltigen Bauweisen bauen und Bauteile kreislaufgerecht planen, sodass diese auch bei zukünftigen Änderungen in den Baukreislauf zurückgeführt werden.» Weiter erklärt er, dass bei jedem Projekt versucht werden müsse, nachhaltiges Bauen als «normal» zu betrachten und nicht die Frage nach dem «ob», sondern «wie» gestellt werden sollte.
Ein Viertel der CO2-Emissionen kommen aus dem Bausektor
Der Bausektor ist in der Schweiz für rund ein Viertel der CO₂-Emissionen verantwortlich. Ein grosses Thema ist in dieser Hinsicht die graue Energie der Gebäude. Daher sind sich die Akteurinnen und Akteure einig, dass ein Umdenken in der Planung und der Bauweise dringend erforderlich ist. Und genau in diesem Punkt nimmt das Projekt des Schulzentrums eine Vorreiterrolle ein.
Die graue Energie im Bau beschreibt die Energie, welche notwendig ist, um ein Gebäude zu errichten. Vom Gewinnen der Materialien über den Transport bis zur Entsorgung. Durch den Einbezug bestehender Bausubstanz kann diese graue Energie also weiter genutzt werden und Emissionen stark reduziert werden. «Wir versuchen auf unnötigen Abriss aufmerksam zu machen und Wertschätzung von Bestand als Basis in unserer Baukultur zu verankern», erklärt Ritz die Einstellung der Architekten.
Ein Leuchtturmprojekt für ressourcenschonende Architektur
Dass rund 40 Prozent der bestehenden Bausubstanz für den Neubau genutzt werden, kommt – noch – nicht oft vor. So ist laut «polis» die Besonderheit beim Projekt in Davos gerade sein radikal nachhaltiger Ansatz. Das Schulzentrum sei ein Leuchtturmprojekt für ressourcenschonende Architektur und nach-haltige Stadtentwicklung. Der Erhalt des Bestandsgebäudes reduziere den CO₂-Fußabdruck erheblich und setze ein starkes Zeichen für den verantwortungsvollen Umgang mit bestehenden Strukturen. Die Erweiterung ermögliche zudem eine moderne Tagesbetreuung, stärke die Attraktivität der Schule für Familien und Lehrkräfte ebenfalls unterstütze durch flexible Raumstrukturen und individuelle Lernnischen alternative Unterrichtsformen. Das Zusammenspiel von Alt und Neu bleibe dabei im Inneren bewusst sichtbar und sensibilisiere kommende Generationen für den Umgang mit der gebauten Umwelt. Das Projekt zeige, dass innovativer Schulbau mit ökologischer Verantwortung und hoher architektonischer Qualität vereinbar sei. Unter anderem aus diesen Gründen wurde das Projekt mit dem Preis für «Ökologische Wirklichkeit» geehrt. Genau der Ansatz von diesem Projekt soll als Modell für zukünftige Bildungsbauten dienen.
Radikal nachhaltiger Ansatz war nicht die einzige Herausforderung
Allerdings ist es nie einfach, ein bestehendes Gebäude in Neubauten einfliessen zu lassen. Bauen im Bestand braucht normalerweise seine Zeit. Man weiss nie, welche Überraschungen in der bestehenden Bausubstanz warten. Und genau der Zeitplan war für die Planenden fast die grösste Schwierigkeit. «Die grösste Herausforderung war sicherlich die ambitionierte Zeitvorgabe. Nur durch das herausragende Planerteam und der intensiven Kommunikation aller Beteiligten, haben wir die Aufgabe bewältigt. Auch im Bauprozess standen wir auf der Baustelle vielen Herausforderungen gegenüber. Beispielsweise die für uns ungewohnte Höhenlage von Davos bekamen wir zu spüren. Wir haben grossen Respekt vor der Leistung aller auf der Baustelle Arbeitenden, die trotz teilweise zweistelligen Minusgraden eine herausragende Arbeit geleistet haben», erklärt Ritz.
Bauweise ist nicht das einzige Thema bei der Nachhaltigkeit
Zu der nachhaltigen Bauweise gesellen sich aber auch noch andere wichtige Ansätze im Gebäude selbst. «Zur einzigartigen Bauweise macht der gewählte Holzskelettbau das Gebäude auch für zu-künftige Änderungen flexibel anpassbar. Auch der Einsatz von ökologischen, natürlichen Baustoffen wie Holz bindet und speichert CO₂. Gleichzeitig sorgen die Holzoberflächen zusammen mit dem natürlichen Kalkputz für ein angenehmes Raumklima. Des Weiteren haben wir versucht, wartungsintensive Haustechnik kritisch zu hinterfragen und nur dort einzusetzen, wo es nötig war. Dies war zum Beispiel mit unserem natürlichen Lüftungskonzept per Querlüftungseffekte zusammen mit dem zentralen Atrium möglich. Alle Massnahmen zusammen erzeugen das ganzheitlich durchdachte, nachhaltige Gebäude», zeigt Ritz die weiteren Ansätze zur Nachhaltigkeit im Bau auf.
Folgen bald Auszeichnungen aus der ganzen Welt?
Insgesamt ist das Projekt also, gerade in ressourcenschonender Architektur, definitiv ein «grosser Wurf», der nun die verdiente Anerkennung bekommt. Auch für die Architekten kein tägliches Vergnügen: «Der Preis ist eine tolle Bestätigung für uns. Wir sind stolz, dieses Projekt entwickelt und begleitet zu haben. Jedoch muss auch allen Planungsbeteiligten gedankt werden. Ohne die ambitionierten Partner – dem Hochbauamt Davos, der Baulink AG und noch vielen Weiteren – wäre das Projekt nicht umsetzbar gewesen.»
Und nicht nur der «polis Award» ist den Architekten sicher. Zudem stehen sie in der Kategorie «Primary and High Schools» unter den vier Finalisten des weltweit bekannten «Architizer-Award». Die anderen Projekte kommen aus Australien, China und den USA. Und wer weiss, vielleicht ist das unscheinbare Schulzentrum am Platz bald weltweit bekannt.
Was ist der «polis Award»?
Seit 35 Jahren berichtet das «polis Magazin» für «Urban Development» über die wesentlichen Entwicklungen und Trends im Städtebau und in der Immobilienwirtschaft. Um den Projekten besondere Anerkennung und Aufmerksamkeit zu schenken, gibt es seit 2015 den «polis Award». Dieser ehrt Mut und Kreativität sich neuen Lösungswegen zu öffnen. Seither gehen jedes Jahr über 100 kooperative Bewerbungen ein.
Was bedeutet «Ökologische Wirklichkeit»?
Im Zuge der Realisierung des Bauprojektes berücksichtigt diese primär Faktoren wie Energieeffizienz und die Einsparung von Ressourcen. Infolge der «Ökologischen Wirklichkeit» fusst ein Projekt auf einer nachhaltigen Wertschöpfungskette und soll künftig über seine Existenz hinaus den nachfolgenden Generationen dienen.
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