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Anorexia nervosa: Im Schatten des Hungers

Leben mit Magersucht: auf der Suche nach Akzeptanz und Selbstliebe. Eine Betroffene erzählt.

Bündner Woche
28.09.24 - 04:30 Uhr
Graubünden

von Lara Buchli

Das Blätterdach des Fürstenwalds fängt den Grossteil der Spätsommersonne ab, die sonst gnadenlos auf die Erde herunterbrennen würde. Ein paar wenige Spaziergängerinnen und Spaziergänger treiben sich im kühlen Schatten herum, und immer wieder trifft man auf Mütter, die ihre Kleinen gedankenverloren in den Kinderwagen vor sich herschieben. Die Blätter der Bäume sind noch mehrheitlich grün, doch hier und da kann man bereits einige Verfärbungen erkennen, die den nahenden Herbst ankündigen. Obwohl es an diesem Samstagnachmittag 29 Grad warm ist, trägt Valeria Mock lange Stoffhosen. Sie hat dunkelbraunes, kurzes Haar, grosse, freundliche Augen und auf ihrer Nase sitzt eine Brille mit einem dünnen goldenen Rahmen. 

«Ich habe meine Lehre als Fachfrau Gesundheit gemacht, da ich, so würde ich jetzt einmal behaupten, ein sehr sozialer Mensch bin. Anschliessend wollte ich die gestalterische Berufsmaturität machen.» Diese konnte sie jedoch auch nach zwei Anläufen nicht beenden, meint sie und lacht. Ihr breites Lächeln wirkt echt. Die 22-Jährige ist vor ungefähr zwei Jahren an Anorexie nervosa (Magersucht) erkrankt. Die Erkrankung ist in den meisten Fällen sehr schwerwiegend und der Heilungsprozess kann sich über mehrere Jahre hinweg erstrecken. Die Patientinnen und Patienten nehmen sich selbst als viel unförmiger wahr, als was sie tatsächlich sind. Und über genau diese Krankheit will Valeria Mock nun sprechen. Ihr ist es ein grosses Anliegen, dass die Gesellschaft sich mehr mit solchen Themen auseinandersetzt und psychische Krankheiten nicht weiter als Tabus angesehen werden. Mit den Aktionstagen «Wie geht's dir?» mache der Kanton Graubünden genau das Richtige, findet die 22-Jährige. An den Veranstaltungen werden die Menschen aufgefordert, das eigene, aber auch das psychische Wohlergehen ihrer Mitmenschen zu fördern. 

Schwierig, sich in ihre Lage hineinzuversetzen

Sie nestelt nervös an der Etikette ihrer Wasserflasche herum, während sie spricht. Ihre Fingernägel sind lackiert und sie trägt goldene Ringe. «Als ich gemerkt habe, dass ich sogar vor meinem Safe-Food Angst bekomme, wusste ich, dass ich ein Problem habe, und habe es meiner Mutter anvertraut.» Ein Safe-Food ist ein Essen oder ein Produkt, vor dem Essgestörte keine Angst haben und regelmässig und gerne zu sich nehmen. Sie entschied sich also dafür, in eine andere Klinik zu gehen, die auf Essstörungen spezialisiert ist und spezifische Behandlungen anbietet.

Für gesunde Menschen mag es schwierig sein, sich in Valeria Mocks Lage hineinzuversetzen, doch sie versucht, ihr Leben mit der Krankheit genauer zu beschreiben: «Wenn ich irgendwo auswärts essen gehe und jemand einen Kommentar abgibt, wie beispielsweise ‹Jetzt hast du aber gut gegessen!›, zieht sich mein ganzer Körper zusammen und ich bekomme ein ganz schreckliches Gefühl.» 


«Ich möchte kämpfen und leben!»
Valeria Mock

Sie blickt zu den Baumkronen hoch und legt den Kopf schief. Die Sonne, die durch die Blätter hindurchscheint, spiegelt sich in ihren warmen Augen wider. «Das sind solche Aussagen, die man sonst nur gegenüber Kindern macht. Zu einem erwachsenen Mann würde man so etwas ja auch nicht unbedingt sagen.» Worte, bei denen man sich nichts dabei denkt oder es nicht böse meint, die jedoch viel anrichten können. Man sollte also darauf achten, wie man das Essverhalten seines Gegenübers kommentiert, und abwägen, ob es überhaupt nötig ist, etwas darüber zu sagen. Solche Aussagen sind ein grosser Trigger in Valeria Mocks Welt. Aber auch Stress und kurzfristige Planänderungen sowie grosse Enttäuschungen haben einen Einfluss darauf, wie jemand mit einer Essstörung is(s)t. 

Immer am Lächeln: Valeria Mock.
Immer am Lächeln: Valeria Mock.
Kunsttherapie: In der Klinik lernen die Patientinnen mit ihren Emotionen umzugehen.
Kunsttherapie: In der Klinik lernen die Patientinnen mit ihren Emotionen umzugehen.

So war es auch bei ihr. Alle um sie herum haben irgendwie versucht, ihr ins Gewissen zu reden, aber da sie volljährig ist, konnte nur sie selbst die Entscheidung treffen. «Wenn ich mich überfordert fühle oder nicht weiss, wohin mit meinen Gedanken, gehe ich meistens raus und laufe eine Runde.» Typisch für die Bündnerin. Auch wenn Leute mit einer Magersucht bereits sehr dünn sind, machen sie noch immer viel Sport, um nicht wieder zuzunehmen. Der Waldboden riecht holzig und die Luft ist ein wenig feucht. Ein kleiner Käfer fliegt surrend an ihr vorbei. «Hier hat man seine Ruhe», fügt sie hinzu und wirkt zufrieden. Wenn sie sich nicht bewegen kann, weil sie zum Beispiel gerade im Unterricht sitzt, macht sie am liebsten Sudoku. «Bei Kreuzworträtseln muss man zu viel nachdenken, und dann macht es gar keinen Spass mehr», scherzt die 22-Jährige. «Ausserdem», beginnt sie und steht auf, «haben wir in der Klinik gerade einen neuen Skill gelernt.» Sie ballt die Hände zu Fäusten und beginnt, auf der Stelle zu rennen. «Wir nennen das ‹lieber fünf Minuten, als eine Stunde›.» So können die Patientinnen ihre Energie gezielter in fünf Minuten abbauen, anstatt über einen längeren Zeitraum hinweg. 


Solche Übungen hätten Valeria Mock wahrscheinlich auch früher geholfen. «Ich hatte eigentlich schon immer Mühe mit meinem Körperbild, aber habe es nie so wirklich wahrgenommen. Die meisten Mädchen in meiner Freundesgruppe waren im Geräteturnen und hatten auch einen dementsprechenden Körper. Einen flachen Bauch, straffe Beine und betonte Arme. Ich hingegen hatte noch im Teenageralter einen Babybauch.» Sie meint damit ihren Bauch, der nicht sonderlich trainiert oder definiert war, sondern einfach so war, wie er eben war. Weich. Und vor allem: gesund. 


Unverantwortliche Werbung und Verkauf von Medikamenten

Social Media hatte früher noch keinen grossen Einfluss auf sie, erst als sie bereits tief in ihrer Essstörung drin war. «Dieser ‹What I eat in a day›-Trend war die Hölle für mich.» Sie grübelt immer wieder mit ihren Fingernägeln im Holz der Sitzbank herum. «Als ich gesehen habe, wie wenig andere Frauen in meinem Alter essen, hat das Gedankenkarussell in mir begonnen, sich zu drehen. Das macht etwas mit dir.» Allgemein können auch Inserate, die mit ihren Superpillen zum Abnehmen werben, erhebliche Schäden in der Psyche anrichten. Sie sollten deshalb besser kontrolliert oder gar gesperrt werden, meint die Bündnerin. «Es gab eine Zeit, da habe ich nächtelang damit verbracht, die optimalste und effektivste Diätpille zu finden, die es gab.» 

Sie blickt auf ihre Hände und spielt mit ihrem Ring. «An einem sehr düsteren Punkt während meiner ersten Phase habe ich sogar Laxoberon, ein Abführmittel, eingenommen.» Als das Laxoberon dann leer war, hat sie sich in der Apotheke nach einer Alternative umgesehen und wurde schnell fündig. Ihr ist wichtig, diesen Punkt zu erwähnen, da es, ihrer Meinung nach, total verantwortungslos ist, so ein Mittel ohne Rezeptpflicht in der Apotheke zu erhalten.


«Es muss mehr darüber kommuniziert werden.»
Valeria Mock

Gedankenverloren streicht sie mit ihrer linken Hand über ihren rechten Unterarm. Ein feiner Flaum aus dünnen Härchen bedeckt ihre Haut. Sogar im Gesicht kann man sie ganz schwach erkennen. Diese sogenannte Lanugo-Behaarung kann bei stark untergewichtigen Patientinnen und Patienten auftauchen. Doch wozu? 

«Der Körper versucht, mich mit allen Mitteln warmzuhalten», erklärt die 22-Jährige. Dieser Flaum ist normalerweise nur bei Neugeborenen zu sehen. Die Bündnerin berichtet ausserdem, dass dieses «Babyverhalten», so bezeichnet sie es, sich bei ihr noch auf ganz andere Art und Weise bemerkbar macht. «Ich konnte zu Beginn, als es mir richtig schlecht ging, nur noch Kindersendungen und Kinderfilme anschauen, alles andere habe ich einfach nicht mehr vertragen.» Essgestörte Patientinnen und Patienten berichten immer wieder davon, sich zurückzuentwickeln. 

Leider ist das noch längst nicht alles. Denn Essstörungen kommen selten allein. Stimmungsschwankungen, Ängste, die vorher nicht da waren, zwanghaftes Verhalten oder auch depressive Stimmungslagen sind keine seltenen Nebenwirkungen. Diese Merkmale kommen übrigens nicht nur bei einer Essstörung vor, sondern auch bei einer Menge anderer psychischer Krankheiten. In solchen Fällen ist es immer empfehlenswert, sich einer Therapeutin oder einem Therapeuten anzuvertrauen. Und wenn man zu diesem Schritt noch nicht bereit ist, sollte man zumindest der Familie oder den engsten Freunden gegenüber ehrlich sein und das Thema ansprechen. Man muss da schliesslich nicht alleine durch.

Erkrankte Personen können leicht Opfer von Stigmatisierungen werden, was wiederum Einfluss auf das eigene Empfinden hat. Man nimmt sich selbst und die Erkrankung dann weniger ernst oder gar nicht erst wahr. «Einen schlechten Tag hat ja schliesslich jede und jeder einmal.» Eine Aussage, die sich viele Betroffene immer wieder anhören müssen. Doch nun zurück zu Valeria Mock. Letzten Sommer hat sie sich dazu entschieden, es noch einmal mit der gestalterischen Berufsmaturität zu versuchen. Ende April wurde es dann jedoch wieder schlimmer mit ihrer Anorexie nervosa und schliesslich musste sie künstlich ernährt werden. Sie beschloss kurzerhand, sich wieder bei der Klinik zu melden, und fieberte sehnsüchtig auf den Eintritt hin. «Von da an hatte ich nur noch eins im Kopf: die Klinik», erzählt die 22-Jährige. «Ich wollte unbedingt dahin, weil ich wusste, dass sie mir helfen würden.» 

Seit Mai ist sie nun wieder in der Klinik und versucht mit aller Kraft, gesund zu werden. Sie scheint auf einem guten Weg zu sein. Ihre Augen strahlen zumindest wieder genauso wie vor dem Abbruch der Berufsmaturität. Sie wirkt lockerer und fröhlicher als im Frühling. Zuversichtlich. Das ist es, was man in ihren freundlichen Zügen lesen kann. Und mit ihrer Geschichte kann sie hoffentlich anderen Betroffenen helfen und zeigen, dass man sich nicht länger verstecken muss.

Und wie geht's dir?

Die Aktionstage «Wie geht's dir?» sind eine Veranstaltungsreihe, die sich mit verschiedenen Aspekten der psychischen Gesundheit beschäftigt. Durch die Vielfalt an Themen sollen die Teilnehmenden nicht nur wertvolle Informationen erhalten, sondern auch konkrete Impulse und Tipps, wie sie ihre eigene psychische Gesundheit stärken können. Darüber hinaus bieten die Aktionstage auch Anregungen, wie man das Wohlbefinden von Angehörigen und anderen Menschen im Umfeld fördern kann und auf was man besonders achten sollte. Unter anderem werden schwere Erkrankungen oder Unfälle, Gewalterfahrungen psychischer, körperlicher und sexueller traumatischer Erfahrungen, aber auch Verlustängste sowie Mobbing thematisiert. Das Ziel ist es, zu wissen, wie es einem geht.

Weitere Informationen dazu: www.wie-gehts-dir.gr.ch


 

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