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Lawinentipps direkt vom «Schneepapst»

Die richtige Einschätzung des Lawinenrisikos bei Touren im Gebirge ist zwingend. Der Wintersportspezialist Hansueli Rhyner erklärte am Donnerstag in einem Vortrag, wie dies gemacht werden kann.

Südostschweiz
19.11.22 - 04:30 Uhr
Ereignisse
Lebensrettendes Wissen: Lawinen-Experte Hansueli Rhyner erklärt in einem Vortrag, wie man das Risiko eines Lawinenabgangs einschätzen kann.
Lebensrettendes Wissen: Lawinen-Experte Hansueli Rhyner erklärt in einem Vortrag, wie man das Risiko eines Lawinenabgangs einschätzen kann.
Bild Köbi Hefti

von Köbi Hefti

Weit über fünfzig Ski- und Schneeschuhtouren-Begeisterte folgten der Einladung von Tödisport zum Thema «Beurteilung des Lawinenrisikos». Der Geschäftsführer Ueli Oester freute sich sehr, dass er mit Hansueli Rhyner einen ausgewiesenen Experten als Referenten gewinnen konnte. «Er ist für mich der absolute Schneepapst», so Oester. Rhyner ist Spezialist im Bereich Wintersport beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF.

Wie gross ist das Risiko einer Lawine, wie kann man es beurteilen und wie dafür sorgen, dass es möglichst klein bleibt – diese Fragen thematisierte Rhyner am Donnerstagabend. Für Skitouren müssen keine speziellen Zusatzversicherungen abgeschlossen werden. Wenn aber ein Unfall wegen fahrlässigen Verhaltens passiert, kann dies zu Leistungskürzungen führen.

Die Beurteilung des Lawinenrisikos geschieht in zwei Phasen. Die erste ist eine grobe Beurteilung. Hansueli Rhyner sagt, dass diese relativ einfach sei und schnell daheim gemacht werden könne. Dabei werden zwei Aspekte beurteilt, die mit den Daumen nach oben, zur Seite oder nach unten visualisiert werden.

Felsen oder Mulden können gefährlich werden

Einerseits werden die Konsequenzen für die Tourengängerinnen und -gänger eingeschätzt, sollte eine Lawine oder ein Schneebrett niedergehen. Ist der Hang oberhalb der Route beispielsweise nur zwanzig Meter hoch, wird die Konsequenz als klein eingestuft, weil nicht mit einer vollständigen Verschüttung gerechnet wird. In diesem Fall geht der Daumen der linken Hand nach oben.

Ist der Hang jedoch höher, senkt sich der Daumen. Geländefallen wie Felsen oder Mulden und die Anzahl betroffener Personen sind weitere Kriterien, die zu einer negativen Beurteilung führen und den Daumen nach unten zeigen lässt.

Die andere Seite der Beurteilung betrifft die allgemeine Lawinensituation mit den Gefahrenstufen und wird mit dem rechten Daumen dargestellt. Nur wenn die Lawinensituation günstig ist, zeigt der Daumen nach oben. Ist die Schneedecke schwach oder liegen Alarmzeichen vor, wird der Daumen zusätzlich um einen Viertel gesenkt. Es gibt aber auch Kriterien, die das Risiko minimieren. So sind bereits stark befahrene Hänge rein physikalisch weniger gefährdet.

Faktor Mensch

Zeigen beide Daumen nach oben, wird das Lawinenrisiko als gering eingestuft. Zeigt der Daumen seitwärts oder leicht nach unten, muss eine Detailbeurteilung erfolgen. Diese erfordert ein grösseres Wissen und mehr Erfahrung. «Es sind einfache Fragen, die Antworten darauf jedoch nicht», sagt Rhyner.

Dabei sind beispielsweise die Schneeart, der Aufbau der Schneedecke sowie die Entwicklung der Temperatur und der Schneefallgrenze wichtig. In Lawinenkursen kann man sich dieses Wissen aneignen. Hansueli Rhyner weist zudem auf den Faktor Mensch hin. «Die Einstellung und die Wahrnehmung bei der Beurteilung des Risikos kann zu Fehleinschätzungen des Risikos in beide Richtungen führen», sagt er.

Referent Hansueli Rhyner, der seit zwei Monaten pensioniert ist, engagiert sich immer noch in diversen Projekten und hat auch beim SLF noch Mandate. Er zeigt sich nach dem Vortrag kritisch: «Es war vielleicht etwas komplex. Aber ich wollte diese neuen Ansichten unter die Leute bringen. Viel besser ist es, wenn man die Risikobeurteilung draussen erklären kann.»

Noch einige Wissenslücken

Eine Umfrage bei einigen Teilnehmenden zeigt, dass der Vortrag sehr hilfreich war. Jemand meint: «Ich gehe schon viele Jahre auf Skitouren, schaue jetzt aber einige Sachen anders an. Bisher habe ich mich zu fest auf den Vordersten der Gruppe verlassen. Jetzt werde ich mich selber mit der Materie auseinandersetzen.»

Eine andere Teilnehmerin sagt: «Es ist mir bewusst geworden, dass ich mich definitiv mehr mit der Beurteilung des Lawinenrisikos befassen muss.» Ein jüngerer Teilnehmer äussert, dass er viel Neues gelernt habe und ergänzt: «Die Wahrscheinlichkeit des Eintretens und das Schadenmass habe ich bisher noch nie so genau angeschaut.» Zur Frage, ob er bei der nächsten Tour vorsichtiger sei, sagt er, dass er bestimmt bewusster und mit mehr Wissen ans Werk gehe, aber vorsichtig sei er schon immer gewesen.

Weitere Informationen zum Lawinenrisiko gibt es hier oder hier.

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