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Das Unglück jährt sich zum vierten Mal

Am 4. August 2018 kam es in Flims zu einem der schwersten Flugzeugunglücke in der Schweiz. 20 Personen sind beim Absturz einer Ju-52 ums Leben gekommen.

Südostschweiz
04.08.22 - 04:30 Uhr
Ereignisse

Es war ein Samstag, der 4. August 2018, als Kurt Waldmeier, damaliger CEO von Ju-Air, kurz nach 17 Uhr einen Anruf erhielt, der ihn zutiefst schockierte. Die «Tante Ju» sei oberhalb von Flims abgestürzt. Weshalb das Unglück passiert sei und ob es Überlebende gebe, erfuhr Waldmeier nicht sofort.

Am Sonntag informierte dann die Kantonspolizei Graubünden zusammen mit Vertretern der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) über den Flugzeugabsturz. An einer Medienkonferenz erklärte die Polizei, dass sich den Einsatzkräften bei der Bergung des Flugzeugwracks auf dem Segnesboden ein trauriges Bild geboten habe. Es gebe keine Hoffnung mehr, jemanden lebend zu bergen.

Senkrechter Aufprall, keine Kollision

Das Flugzeug sei nahezu senkrecht und mit hoher Geschwindigkeit auf den Boden geprallt, teilte Daniel Knecht von der Sust an jener Medienkonferenz mit. Eine Kollision in der Luft könne ebenso ausgeschlossen werden wie das Wegbrechen von Teilen des Flugzeuges. Weil das Flugzeug aber nicht über moderne Aufzeichnungsgeräte wie eine Blackbox verfügte, könne der Unfall nicht so einfach rekonstruiert werden, so Knecht. Die Unfalluntersuchung könne sich aber auf die Aussagen von mehreren Augenzeugen stützen.

20 Personen befanden sich in dem Flugzeug, das am 4. August 2018 um 16.10 Uhr in Locarno gestartet war, um zurück an den Firmenstandort von Ju-Air nach Dübendorf zu fliegen. Kurz vor 17 Uhr ereignete sich der Absturz an der Westflanke des Piz Segnas. Drei der 20 Flugzeuginsassen waren Besatzungsmitglieder. Als Gäste waren acht Paare und vier Einzelpersonen an Bord; neun Männer und acht Frauen aus den Kantonen Zürich, Thurgau, Luzern, Schwyz, Zug und Waadt sowie ein Ehepaar mit einem Sohn aus Niederösterreich. Die Opfer waren zwischen 42 und 84 Jahre alt.

Der tragische Flugzeugabsturz der «Tante Ju» ist seit dem Crossair-Absturz  im Jahr 2001 das schwerste Unglück der Schweizer Luftfahrt.

Betriebsunterbruch und der Beginn einer langen Wartezeit

Kurz nach dem Unglück gab Ju-Air bekannt, den Betrieb bis auf Weiteres einzustellen.

Die Trägerorganisation der Ju-Air, der Verein von Freunden der schweizerischen Luftwaffe, hatte in den 1980-er Jahren drei ausgemusterte Maschinen übernommen und diese hauptsächlich für Alpenrundflüge genutzt. Ju-52, die verunfallte Maschine, wurde 1939 erbaut und war bis zum Unglück 10'187 Stunden geflogen. Wegen ihres hohen Alters wurde die Maschine technisch streng kontrolliert. Alle 35 Flugstunden musste sie technisch gewartet werden.

Ju-Air wollte den Flugbetrieb mit den zwei verbleibenden Flugzeugen im März 2019 wieder aufnehmen.

November 2018: Bazl erteilt Flugverbot

Rund drei Monate nach dem Unglück legte die Sust erste Ergebnisse der Untersuchung vor. Die Untersuchung des Wracks habe schwerwiegende strukturelle Schäden im Bereich der Flügelholme ergeben, die bei normalen Wartungsarbeiten und Inspektionen nicht hatten festgestellt werden können. Zusätzlich wurden gemäss der Sust schwerwiegende Strukturschäden in Form von Rissen und Korrosion am Hauptholm, dem tragenden Element des Flugzeugflügels, und an weiteren Teilen des Flugzeuges entdeckt. Aus diesem Grund wurde den anderen beiden Flugzeugen der Ju-Air vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) ein Flugverbot erteilt. Es müssten zuerst noch diverse Fragen geklärt werden, bevor der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden könne, hiess es vonseiten des Bazl.

Zwei Jahre am Boden

Im April 2019 gab Ju-Air bekannt, den Flugbetrieb erst in zwei Jahren wieder aufzunehmen. Die Flugzeuge sollten so umfassend revidiert werden, dass sie wieder wie neuwertige Flugzeuge in Dienst gestellt werden können. Einzelne Teile müssen dazu in aufwendiger Einzelfertigung neu hergestellt werden, teilte Ju-Air mit.

Januar 2021: Abschlussbericht spart nicht mit Kritik

Ende Januar 2021 veröffentlichte die Sust den 83-seitigen Abschlussbericht zum Flugzeugabsturz. Darin kritisiert sie das riskante Flugverhalten der Piloten, die das Flugzeug «in geringer Höhe und ohne Möglichkeit für einen alternativen Flugweg in ein enges Tal steuerten», technische Mängel bei der Software des internen Flugmanagementsystems, sie kritisiert die Betreiber der Ju-Air, die technische Mängel nicht beseitigt hätten, sowie das Bazl, das zahlreiche Sicherheitsmängel bei Ju-Air nicht zu erkennen vermocht habe.

Ju-Air wolle Untersuchungsakten und die Sicherheitshinweise «detailliert analysieren und die Lehren aus dem Unfall in den künftigen Betrieb einfliessen lassen», verkündete das Unternehmen nach der Veröffentlichung des Abschlussberichtes. Mit Blick auf die geplante Wiederaufnahme des Flugbetriebs im Jahr 2023 werde Ju-Air dem Bazl «sämtliche Teile des künftigen Betriebs zur Prüfung vorlegen und unter anderem nachweisen, dass sie die Sicherheitshinweise umgesetzt» habe.

Das Ende für die Ju-52?

Gemäss einem Artikel der Nachrichtenagentur SDA wurde die verschobene, neu für das Jahr 2023 geplante Wiederaufnahme des Betriebs der Ju-52 auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Grund: Eine Umstrukturierung bei der Junkers Flugzeugwerke AG, die das historische Flugzeug wieder flugtauglich hätte machen sollen. Weil ein Teil der Belegschaft nun entlassen wurde, gehe der Chef der Flugzeugwerke nicht davon aus, dass die Maschine wieder flugtauglich werde, heisst es in einem Artikel des Branchenmagazins «Skynews». «Tante Ju» werde voraussichtlich dem Verein der Freunde der Schweizerischen Luftwaffe in Dübendorf zurückgegeben. (sz)

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