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Trauer um die Menschen hinter den Zahlen

Trauer um die Menschen hinter den Zahlen

Covid-19 riss sie mitten aus dem Alltag: Junge und Alte, Berufstätige und Pensionäre. Öffentlich betrauert werden sie kaum.

Pierina
Hassler
vor 2 Monaten in
Ereignisse
125 Menschen sind in Graubünden schon in Zusammenhang mit Covid-19 gestorben.
SYMBOLBILD/UNSPLASH

Am 16. März stirbt im Puschlav eine 78-jährige Frau. Dem Gesundheitsamt des Kantons Graubünden ist der Todesfall eine Meldung wert. Immerhin ist die Seniorin der erste Mensch, der im Kanton an Corona stirbt. Seither und bis Donnerstagabend sind weitere 124 Menschen an der Folgen der Pandemie gestorben. Und dies weitgehend unbeachtet von der Politik, von der Öffentlichkeit, von den Medien. Meldungen vom Gesundheitsamt gibt es dazu schon lange nicht mehr: 125 Frauen und Männer existieren nur noch als Kurve einer Statistik.

🕯️ Auszug Todesanzeige vom 19. März:

«Nach kurzer, heftiger Krankheit (Corona) durfte sie friedlich entschlafen.»

Die Bewältigung dieser Pandemie braucht aber mehr als Zahlen. Sie braucht – oder verlangt sogar – eine kollektive Trauerkultur. Sonst geht verloren, was jetzt schon kaum mehr existiert. Oder glaubt jemand ernsthaft, es sei Mitgefühl, wenn Senioren die an Corona sterben als «natürliche Selektion» gelten?

🕯️ 17. Mai:

«Nach kurzer schwerer Krankheit (Corona) ist er aus seinem aktiven Leben herausgerissen worden.»

Nun könnten natürlich alle sagen: «Wir Bündner haben es nicht so mit Gefühlen und öffentlichen Tränen.» Alles Ausreden. Eine Gedenkminute während der Grossratssession. Oder an einer der vielen Pressekonferenzen der Regierung. Ein paar Kerzen auf dem Regierungs- oder dem Postplatz. Ja das wären schöne Zeichen des offiziellen Graubündens gegenüber den Verstorbenen und ihre Angehörigen.

🕯️ 1. November:

«Dein liebenswürdiger, grosszügiger und hilfsbereites Wesen und dein würdevoller Abschied nach der Coronadiagnose werden uns immer in dankbarere Erinnerung bleiben.»

Auch uns fehlen die meisten Geschichten hinter den Tragödien. Auch uns  fehlen die Gesichter. Und so bleiben auch uns letztlich nur die Zahlen: Am 19. März starb in Graubünden die zweite Person an Covid-19. Bis Ende März waren es dann schon 23 Tote. Und seit Ende Oktober vergeht kaum ein Tag ohne neuen Todesfall. Die Statistik des Gesundheitsamtes zeigt, dass am 20. November gleich fünf Menschen gestorben sind. Am 30. November erreichte Graubünden das traurige Jubiläum des 100. Todesfalls. Die ersten Dezembertage verliefen ruhig. Aber seit dem 11. Dezember bis zum 16. Dezember verstarben wieder 13 Menschen. Insgesamt sind bis zum 18. Dezember 125 Menschen aus dem Kanton Graubünden in Zusammenhang mit Covid-19 gestorben.

🕯️ 22. November:

«Mit altersbedingten Beschwerden ist sie an den Folgen von Covid-19 innert weniger Tagen aus dem Leben geschieden.»

Liebe Leserinnen und Leser

Die Chefredaktion, alle Redaktorinnen und Redaktoren sowie alle anderen Mitarbeitenden der Südostschweiz gedenken mit dieser Seite all jener Menschen, die an Corona gestorben sind. Deren Angehörigen drücken wir unser tiefes Mitgefühl aus. Jede einzelne Geschichte geht uns nahe. Jede einzelne Tragödie macht uns betroffen. Wir fühlen mit Euch.

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Vielen Dank für den Artikel. Lange Zeit wurde über über die Verstorbenen geschwiegen. Erst in den letzten Tagen konnten auch emotionale Regungen des Mitgefühls in der Politik erkennen. Bis jetzt waren die Verstorbenen einfach Zahlen in einer Statistik oder wurden sogar verschwiegen, aus welchen Gründen auch immer.
Den O-Ton in dieser Pandemie empfinde ich mittlerweile eh als heuchlerisch. Die Empathielosigkeit die die bei vielen v.a. Jüngeren zu Tage tritt, stimmt mich
teilweise traurig und nachdenklich. Was man da alles zu hören bekommt, da bleibt mir die Spucke weg und es bildet sich ein Klos im Hals. Es sind brutale Worte wie, es sind ja nur Alte, Nutzlose, Unproduktive, die solchen sich zum Wohle der Jungen isolieren, die haben ihr Leben gelebt, irgendwann muss jeder sterben etc.
Als doch noch junger Mensch, habe ich mit einer solchen Haltung Mühe. Es sind unsere Eltern, Grosseltern, Freunde, Lieben worüber in einer menschenverachtenden Art und Weise gesprochen wird. Es sind jene Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnte unser Land mit aufgebaut haben, die diesen Wohlstand, den wir heute geniessen und davon profitieren, geschaffen haben. Das sind unsere Mitmenschen unsere Freunde. Solche Äusserungen implizieren, dass Mitmenschen, die nicht mehr produktiv sind, ein Klotz am Bein der Gesellschaft sind, Bürger zweiter Klasse. Solche Ansichten hatten wir zuletzt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Sicherlich sind solche Aussagen vielfach einfach so dahingesagt, gedankenlos und ohne grosse Reflexion - oft aber eben auch nicht.
Mir ist bewusst, dass der Tod ein ständiger Begleiter des Lebens ist und dass wir nicht gerne darüber sprechen. Wer setzt sich den schon gerne mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander. Wie wir den Umgang mit diesem Begleiter wieder lernen müssen, müssen viele auch die Achtung und den Respekt für die Leistung unserer älteren Mitmenschen lernen. Ob sie nun gross oder klein war, spielt keine Rolle. Jede und jeder von Ihnen hat etwas zu erzählen. Wenn diese Stimmen verstummen fehlt uns etwas.
Es ist somit bedrückend, dass diese unsere Mitmenschen, uns als Zahl in einer Statistik verlassen und leider von vielen auch so betrachtet werden. Das tut im Herzen weh!

Ich finde diesen Artikel mit den diversen Unterstellungen auch völlig daneben. So wie auch die Gedenkminute im Parlament. Warum wurde mein Leserbrief vom 11.12.2020 in der SO noch nicht publiziert? Er könnte etwas dazu beitragen, den Menschen die durch die Medien geschürte Todesangst zu reduzieren. Im "Prätigauer" wurde er publiziert und ich erhielt drei positive Telefonanrufe...
https://www.suedostschweiz.ch/leserbriefe/2020-12-11/der-mensch-ist-auc…

Ich gehe mit Herr Keller, Hoffmann und Maloney einig: Danke für Ihre Beiträge
Pius Wihler Zizers

Dies ist ein solch beleidigender und zynischer Artikel. Was ist mit den wesentlich mehr Menschen, die jedes Jahr an Grippe und Lungenentzündung sterben...., ganz zu schweigen von Krebs und Herzkrankheiten. Wo ist Ihr auffälliges Tugendhaftigkeitssignal für sie? Ich bin diese pathologische Besessenheit von einem Virus mit einer sehr hohen Heilungsrate leid. Das ist nur journalistischer Opportunismus und Gedankenkontrolle.

Diese Heuchlerei ko... mich an. Hast du dir denn je Gedanken übet all diese Menschen gemacht? Nicht wirklich, oder? Aber jetzt - jetzt wo du das gut für deine Argumentation misbrauchen kannst, jetzt interessieren sie dich plötzlich. Was ist mit den hunderttausenden Menschen, welche auch Monate (vielliecht auch noch Jahre später) mit den Folgeschäden der Infektion kämpfen? Die interessieren dich wohl auch nicht. Und dass die Spitäler bereits vor der Skisaison am Limit sind - das blendest du absichtlich aus. Echt... Menschen wie du, Menschen ohne Empathie und Verstand, sind der Untergang unserer Zivilisation.

Frau Hassler
Vielen Dank für den Bericht "Trauer um die Menschen hinter den Zahlen".
Manchmal habe ich Gefühl "systemrelevant" (Wort desJahres) sind nur Beizen, Airlines, Skigebiete, etc. Der MENSCH gehört nicht zur Auflistung, der MENSCH wurde dabei vergessen!
Wunsch: Wäre es möglich die Graphik mit den Kerzen mit guter Aullösung herunterladbar zu machen?
Vielen Dank

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