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Die Heiligen als die «Zerbrochenen» unter uns

Die Heiligen als die «Zerbrochenen» unter uns

Gedanken von von Winfried Weimert, Diakon aus Mollis, zu Allerheiligen.

Südostschweiz
vor 3 Monaten in
Ereignisse
Allerheiligen auf einem Friedhof.
OLIVIA AEBLI-ITEM

von Winfried Weimert*

«Komm deinen Dienern zu Hilfe, die du erlöst im kostbaren Blut. In der ewigen Herrlichkeit zähle uns deinen Heiligen zu.» So heisst es im wunderschönen Te Deum der katholischen Lesehore (Gebetszeit vor der Laudes, dem Morgenlob).

In der Taufe sind wir geheiligt und als Kinder Gottes angenommen. Denn Jesus Christus, der heilig ist und heilig macht, ist somit immer mit uns.

Allerheiligen ist das tröstlichste aller Feste. Da feiern wir nicht so sehr die ganz Erfolgreichen, die sich kaum etwas zu- schulden kommen liessen und sozusagen schon als Heilige geboren wurden. Heilige sind zuerst durch die Hölle gegangen ... (Erst wenn auch wir uns zerbrechen lassen, kann etwas Köstliches und Gutes aus uns herausfliessen.) Sie werden an einem eigenen Tag im Laufe des Jahres gefeiert.

An Allerheiligen stehen die ganz anderen im Mittelpunkt: die Mühseligen und die Beladenen, die Kleinen und Stillen im Lande, die trotz ihrer Fehler und Schwächen auf Gott vertraut und täglich neu begonnen haben. Auch und gerade sie haben das Ziel ihres Lebens erreicht, für immer bei Gott zu sein. Dies sagt die Kirche mit dem heutigen Fest. Mit diesen Heiligen dürfen wir uns ganz besonders verbunden wissen. So beruft Jesus Christus nicht irgendeine Elite, sondern jeder und jede von uns zur Heiligkeit.

Wir kennen in unserem Leben, in unserer Welt Armut, Trauer, Gewalt, Hunger und Durst, Frieden und Verfolgung. Wir wissen um Krankheit und Leid, um Behinderung und Sucht, um Vereinsamung und Verlorenheit, um Scheitern in Ehe und Beruf. Es gibt heute immer mehr Verlierer als Sieger.

Wenn am Allerheiligentag die Seligpreisungen Jesu verkündet werden, dann bedeutet das, dass dieser Tag nicht nur ein Fest derer ist, die man offiziell als Heilige erklärt hat. Dieser Tag ist auch das Fest jener vielen kleinen, unbedeutenden Leute, deren Name niemand kennt, die keine Lobby haben, welche ihre Heiligsprechung in Rom vorantreibt. Wir können sagen: Die Heiligen sind vielleicht mitten unter uns.

Zu diesen vielen unbekannten Heiligen gehören alle, die ihr Leben so annehmen, wie es ihnen auferlegt ist, die still und bescheiden ihren Weg gehen, ohne viel Aufhebens zu machen.

Zu den vielen kleinen unbekannten Heiligen gehören alle, die den Sinn des Lebens darin sehen, im Dasein für andere zu leben – als Vater und Mutter, als Erzieherin, als Seelsorger, als Krankenschwester, als Altenpfleger ...

Zu den vielen kleinen, unbekannten Heiligen gehören alle, die in der Tiefe ihres Herzens eine grosse Sehnsucht spüren nach Glück, Heil, Leben und Liebe, von der sie wissen, dass nur Gott sie erfüllen kann.

Manchmal sagt man: «Heilige, das sind Menschen, die den Kopf im Himmel haben und gleichzeitig mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen.» Das will heissen, dass Heilige ihr Leben nach dem richten, was für den Himmel wichtig ist und gleichzeitig voll und ganz auf dieser Erde leben und auf ihr wirken. Dies drücken und verkündigen auch die Seligpreisungen Jesu: Alle unsere Ohnmachtserfahrungen, unsere Enttäuschungen und Niederlagen sind nicht das Letzte. So haben wir nie einen Grund, zu versagen, zu resignieren und aufzugeben. Denn Gott ist ja im Menschensohn Jesus Christus in unsere Welt, nicht nur in unser alltägliches Leben hineingekommen, sondern erst recht in unsere Zerbrochenheit. Aus nichts hat er sich herausgehalten. Er wurde selbst zum total «Zerbrochenen schlechthin». Besonders in jedem Heiligen – aber auch in jedem von uns heute, hier und jetzt – zerbricht er immer wieder neu. (Im Psalm 51,19 heisst es, dass er Freude hat an den zerbrochenen und zerschlagenen Herzen – wörtlich: Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist – ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz, wirst du, o Gott, nicht verschmähen.») Wir finden ihn überall. Aus jedem Karfreitag in unserem Leben kann ein heller Ostermorgen werden. Was für den gescheiterten und gekreuzigten Jesus möglich geworden ist, kann auch für uns möglich werden. («... und ich sage euch, ihr werdet noch grössere Dinge tun, wenn ihr Glaube habt ...») «Suchet mein Angesicht.» Nicht das der inneren oder gar äusseren Masken, sondern das Antlitz Jesu, welches sich in uns widerspiegeln soll und keine Verdunkelung erträgt.

So gelten die Seligpreisungen Jesu für uns nicht erst später in der Ewigkeit, sondern schon heute, hier und jetzt. So kann im Nu die dunkelste Finsternis in helles Licht verwandelt werden. Dietrich Bonhoeffer hat es in der Gefängniszelle erfahren und es in dem wunderbaren Wort zum Ausdruck gebracht, welches wir alle kennen. Oder die Mutter Jesu, als sie empfing vom Heiligen Geist und ihr Fiat (ihr Ja- Wort) gegeben hat. Als sie im Stall zu Bethlehem ihr Königskind geboren hat, als nirgends eine Herberge für die Heilige Familie da war. Auf der Flucht vor Herodes nach Ägypten ... oder als sie ihren Sohn drei Tage lang suchen mussten, weil der zwölfjährige Jesus in dem sein musste, was seinem Vater gehörte, nämlich dem Tempel. Maria ist Vorbild des Glaubens und Königin aller Heiligen, weil sie das Urbild und Abbild der Heiligkeit ist. Sie ist durch alle Tiefen der Kreuzigung bis unter das Kreuz ihrem Sohn gefolgt. Wo die Jünger die Flucht ergriffen, hat sie treu standgehalten, weil sie heil war und voll der Gnade. Sie ist uns genau darin Vorbild. Es liegt jetzt an uns in dieser schwierigen Zeit der Verwirrung, unser Ja-Wort zu sprechen, welches sie stellvertretend für uns alle zur Rettung der Welt und Menschheit gesprochen hat: «Siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.» Gar nicht auszudenken, wenn Maria Nein gesprochen hätte ... Die Freiheit dazu hat sie von Gott gehabt. Diese Freiheit der Kinder Gottes war ihr genauso in dem Masse wie uns heute von Gott geschenkt und gegeben. Mögen wir diese Freiheit, zum Willen Gottes Ja zu sagen, so nutzen und umsetzen, wie es Maria uns vorgelebt hat. Nun sind wir an der Reihe – sozusagen eingeladen, es ihr nachzuahmen zum Heil der Welt und zu unserer eigenen Rettung.

* Winfried Weimert ist Diakon aus Mollis

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