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Gewässerverschmutzung ARA Obersee: "In 30 Jahren noch nie erlebt"

Eine sehr grosse Menge Bohrschlamm oder ähnliches ist unkontrolliert in die ARA Obersee geflossen. Der angerichtete Schaden an der Anlage, die dadurch anfallenden Arbeiten und die fachgerechte Entsorgungen ist hoch. Er kann frankenmässig noch nicht abgeschätzt werden, übersteigt aber zehntausend Franken bei Weitem. Die Kantonspolizei sucht Zeugen.

Urs
Schnider
Montag, 18. Mai 2020, 10:39 Uhr Zeugenaufruf
Stark verschmutzt: Die ARA Obersee, die Ursache ist unklar.
BILD ZVG

Entdeckt wurde die Verschmutzung erstmals am 4. Mai um etwa 14.30 Uhr. In einem der Becken der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Obersee in Schmerikon hatte sich das Wasser verfärbt und nahm eine cremige Konsistenz an. Seither lief «ei-
ne sehr grosse Menge Bohrschlamm oder Ähnliches» unkontrolliert in die ARA. Das Material dürfte von einer Baustelle stammen, so die Mutmassung. Es handelt sich um mehrere Tonnen. So etwas habe er in den 30 Jahren, die er bereits für die ARA Obersee tätig sei, noch nie erlebt, sagt Betriebsleiter Karl Koller. «Während der letzten zehn Tage haben wir immer wieder Verschmutzungen festgestellt.» Diese kämen in Intervallen.
«Der angerichtete Schaden sowie die anfallenden Arbeiten und die Entsorgung des Materials sind hoch», sagt Koller. Er übersteige zehntausend Franken bei Weitem. Allfällige Schäden an den Anlagen der ARA nicht miteingerechnet. Diese festzustellen, sei so gut wie unmöglich. Die Anlage laufe permanent und könne nicht ausser Betrieb genommen werden, um sie auf Schäden abzusuchen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass solche auftauchten, sei hoch. Das eingeleitete Material sei mineralisch und habe somit eine stark abrasive Wirkung. «Das ist wie Schleifpapier und kann Pumpen oder andere Teile beschädigen», erläutert Koller.
«Kriminelle Energie»
Die Mitarbeiter der ARA sowie verschiedene Fachdienste haben bereits hundert Arbeitsstunden investiert, um den Schaden zu begrenzen und die Täter zu finden. Und um Täter dürfte es
sich gemäss Einschätzung des Schmerkner Gemeindepräsidenten Félix Brunschwiler handeln: «Wer eine derartige Menge an mineralischem Material in die Kanalisation leitet, handelt mit krimineller Energie», ist er überzeugt. Brunschwiler ist Präsident des Zweckverbandes Abwasserverband Obersee (AVO). Dieser gehören die ARA und das Verbandskanalnetz der beteiligten Gemeinden an: Schmerikon, Uznach, Gommiswald, Kaltbrunn sowie Tuggen (SZ).
Die Ursache für die Verschmutzung herauszufinden, ist bisher nicht gelungen. Das Kanalisationsnetz ist über die fünf Gemeinden verteilt und reicht bis hoch nach Rieden. «Wir haben versucht, die Ursache einzugrenzen», erläutert Koller die Vorgehensweise. Dabei haben Mitarbeiter am Kanalisationsnetz entlang Schächte überprüft. Die Verschmutzung wäre von blossem Auge sichtbar gewesen. «Gefunden haben wir nichts», sagt Koller. Weiter wurden unzählige Baustellen abgeklappert in der Hoffnung, die Ursache zu finden. Auch das erfolglos.
Das kantonale Amt für Wasser und Energie geht davon aus, dass sich im Einzugsgebiet des östlichen Teils der ARA Obersee eine Baustelle befinden muss, von welcher nach Erdbohrungen der Bohrschlamm dem Abwasser zugefügt wurde.
Strafanzeige eingereicht
«Solche Erdbohrungen kommen immer häufiger vor, um Erdwärme nutzbar zu machen», erklärt Brunschwiler. Sie werden im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens angemeldet und bewilligt. Grosse Unternehmer würden sich in der Regel korrekt verhalten. Sie wissen, wie es läuft und dass sie mit Kontrollen rechnen müssen. «Sie kennen die Vorgaben des Umweltgesetzes», sagt Brunschwiler. Es könne sein, dass der Bohrschlamm absichtlich in die Kanalisation geführt wurde. Gemäss Brunschwiler lassen sich so Tausende Franken an Entsorgungsgebühren einsparen. Denn wer Erdbohrungen durchführt, muss für einen allfälligen Überlauf mehrere Mulden bereitstellen. In diesen setzt sich der Bohrschlamm ab, der dann entsorgt werden muss. Das kostet Geld.
Aufgrund der massiven Verschmutzung haben das kantonale Umweltamt sowie die ARA Obersee Strafanzeige eingereicht. Die Polizei sucht Zeugen. Personen, die von Erdbohrungen Kenntnis haben, werden gebeten, sich mit der Polizeistation Uznach in Verbindung zu setzen: 058 229 77 11.
Wird der Verursacher ausfindig gemacht, muss er mit einem Strafverfahren rechnen. Denn es ist durchaus möglich, dass es in der Kanalisation Überlauf gab und der Bohrschlamm in ein natürliches Gewässer gelangt ist. Aber auch das weiss man nicht, wenn es nicht beobachtet worden ist. Koller und Brunschwiler wollen aufrütteln, damit so etwas nicht mehr vorkommt.
Ändern die Anforderungen?
Um solche Fälle künftig möglichst zu verhindern, gibt es noch weitere Überlegungen. So könnten Baustellen wie in anderen Kantonen vorab überprüft werden – erst dann würde der Baustart freigegeben.
Dies wird gemäss Brunschwiler bei der AVO bereits seit geraumer Zeit diskutiert. Und vielleicht aufgrund dieses gravierenden Falles bald angeordnet.

Vergeblich gefahndet: Karl Koller (l.) und Félix Brunschwiler zeigen auf der ARA-Obersee-Karte, die Grösse des Einzugsgebiets.

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