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Verheerende Lawinenunglücke in Graubünden

120 Menschen sind in den letzten 20 Jahren allein im Kanton Graubünden in Lawinen ums Leben gekommen. In diesem Jahr waren es bisher drei Personen. Eine Übersicht der schwersten Lawinenunglücke der letzten Jahrzehnte – und was dagegen aus technologischer Sicht neuerdings getan wird.

Kristina
Schmid
Freitag, 13. Dezember 2019, 04:30 Uhr Von der Wucht des Schnees
Immer wieder fordern Lawinen auch in Graubünden Menschenleben.
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Wo genau ist eine Lawine ins Tal gedonnert? Wie viele Meter waren es? Diese Informationen hat das Schnee- und Lawineninstitut (SLF) in Davos bisher von Menschen erhalten. Von Menschen, welche die Lawine beobachtet haben. Oder von Menschen, die mit einem Helikopter darüber oder dahin geflogen sind. Nun erhält das SLF seit 2018 zusätzliche technische Hilfe. 

Umriss, Typ und Grösse der Lawinen, haben Forscher seit Januar 2018 anhand von Satellitenbildern ausgewertet. Diese neue Art der Auswertung ermöglicht den Forschern eine genauere und flächendeckende Dokumentation der Lawinen. Gemäss Mitteilung kann das SLF auf diese Weise Lawinenprognosen verbessern und Gefahrenkarten überprüfen.

Und das ist wichtig, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Im Schnitt kommen schweizweit 25 Personen jährlich in Lawinen ums Leben. Im Kanton Graubünden gab es in den letzten 20 Jahren 120 Lawinentote, allein in diesem Jahr drei.

Es folgt eine Übersicht der schwersten Lawinenunglücke im Kanton Graubünden der letzten Jahrzehnte:

18 Menschen verunglücken in Vals

1951 bricht eine Lawine in Vals ein und nimmt 18 Menschen das Leben.
ARCHIVBILD GEMEINDE VALS

20. Januar 1951. Gegen 22 Uhr löst sich bei Leisalp eine Lawine und bricht in Vals ein. Dabei zerstört sie beim Hotel «Adula» die rechte Hälfte des vorgebauten Wohnhauses. Sieben Personen verlieren ihr Leben.

Insgesamt verschüttet die Lawine 31 Menschen; 13 von ihnen können lebend geborgen werden, die anderen 18 kommen in den Schneemassen um. Der Schaden beläuft sich auf über eine Million Franken.

Unvergessene Tragödie auf der Lenzerheide

Beerdigung der Opfer in Glarus, die bei einem Lawinenunglück auf der Lenzerheide ums Leben kamen.

19. Februar 1961. Ein grausames Lawinenunglück in den Bündner Bergen hat vor über 50 Jahren das Leben in Glarus komplett verändert. Ein Schneebrett riss auf der Lenzerheide eine Glarner Schulklasse mit und begrub zehn Schüler unter sich. Nur vier Kinder überlebten.

Noch heute wird jedem weh ums Herz, der sich an die stille Heimkehr erinnert. An die Särge, die in einem Gepäckwagen eines fahrplanmässigen Zuges transportiert wurden. An den Trauerzug zur Kirche, dem Tausende Menschen beiwohnten. An die überlebenden Schüler, die vor den Särgen entlang schritten.

Zwei Überlebende erzählen vom Unglück auf der Lenzerheide:

Lawinenkatastrophe in Davos

Räumung im Landwassertal: Die Breitzuglawine hatte die Strasse und Bahn meterhoch überdeckt.
E. WENGI / SLF

Am 26. und 27. Januar 1968 donnerten in Davos 41 Lawinen ins Tal, bei denen 13 Menschen starben. Die Schneemassen zerstörten oder beschädigten 51 Wohnhäuser, 14 Ställe und mehrere Hektaren Wald.

Heute schützen 21 Kilometer Lawinenverbauungen und vier Autogalerien Davos, während es anno dazumal lediglich fünf Kilometer Lawinenverbauungen waren.

Eine Lawine begräbt ein ganzes Dorf

Eine Lawine begräbt fast das ganze Dorf Acla unter sich.
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5. April 1975. Im kleinen Weiler Acla waren die 27 Dorfbewohner besorgt wegen der grossen Schneemassen. Angst vor einer Lawine hatte aber niemand dort. Schliesslich hatte im Dorf noch nie eine Lawine ein Gebäude beschädigt, geschweige denn ein Menschenleben gekostet. Am Abend des 5. April 1970 schreckten aber zwei Lawinen die Dorfbewohner auf. Die meisten von ihnen versammelten sich in einem als sicher geltenden Haus neben der Dorfkapelle. Am Morgen des 6. April geschah dann das Unglück. Das Dorf wurde von einer Lawine fast vollständig verschüttet. Lediglich zwei Häuser und zwei Ställe blieben verschont. 

Von der Lawine wurden 15 Menschen verschüttet, fünf von ihnen konnten sich selbst wieder befreien. Von den übrigen zehn konnten sieben nach 24 Stunden lebend geborgen werden. Für zwei Männer und einen zehnjährigen Buben kam allerdings jede Hilfe zu spät.

Keine zehn Jahre später brachte erneut eine Lawine in der Surselva Tod und Verwüstung. Diesmal in Disentis. Der damalige Gemeindepräsident erinnert sich zurück.

Reisecar wird verschüttet

Symbolbild: Auf der Flüelapass-Strasse begräbt eine Lawine ein Reisecar unter sich.
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Am 1. Mai 1992 kommen vier Personen in einem Bus ums Leben, der von einer Lawine am Flüela verschüttet wird. 16 weitere wurden verletzt.

Weisser Tod schlägt auf Parsenn zu

Rettungsleute versuchen, die Verschütteten so schnell wie möglich zu finden.
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Am 21. Februar 2000 werden im Davoser Parsenngebiet zwei Genfer und ein Deutscher von einer Lawine getötet. Der deutsche Skifahrer, der die Lawine ausgelöst hatte, verliess mit seinem Sohn trotz Lawinenwarnung die markierte Piste bei der Bergstation des Meierhofer-Tälli-Liftes. Bei der Traversierung des Mittelgrates verlor der Sohn im Tiefschnee einen Ski. Auf der Suche löste sich die Lawine und riss beide mit. Der Vater wurde nach einer Stunde rund 80 Meter weiter unten eineinhalb Meter tief im Schnee tot geborgen. Der Sohn steckte bauchtief im Schnee und konnte sich selber befreien.

Die Lawine donnerte rund 350 Meter talwärts und erreichte die markierte Abfahrtspiste, wo zwei Schweizer aus Genf verschüttet wurden. Drei Stunden später wurden sie von Hunden geortet und von Rettern ausgegraben. Im Spital Davos konnten die beiden stark unterkühlten Opfer nicht mehr reanimiert werden.

Unglück am Piz Vallatscha

Blick auf den Piz Vallatscha.
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5. März 2002. Am Piz Vallatscha im Unterengadiner Seitental Val S-charl hat eine Lawine drei Menschenleben gefordert.

Eine zwölfköpfige Skitourengruppe aus Deutschland befand sich auf der Abfahrt vom Piz Vallatscha, als die fünf Schneesportler – drei Frauen und zwei Männer – plötzlich von einer rund 200 Meter breiten Lawine erfasst und über 100 Meter mitgerissen wurden. Vier Personen wurden dabei verschüttet und zum Teil schwer verletzt. Ein Mann blieb unverletzt auf dem Lawinenkegel liegen und alarmierte die Rettung.

Die Helfer konnten die vier Verschütteten befreien und mit dem Helikopter in Spitäler fliegen. Für einen Mann kam die Hilfe zu spät. Er starb kurz nach der Spitaleinlieferung. Die beiden Frauen erlagen später im Spital ihren Verletzungen.

Drei Skifahrer sterben im Val Acletta

Symbolbild: Nicht immer kommen Variantenskifahrer gut davon.
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20. Februar 2006. Drei Variantenskifahrer sind im Val Acletta in Disentis von einer Lawine verschüttet und getötet worden. Zwei weitere Mitglieder der Gruppe haben überlebt. Die Fünfergruppe war abseits der gesicherten und markierten Pisten unterwegs, als sie von einem 200 Meter breiten Schneebrett erfasst wurde.

Bei den Lawinenopfern handelt es sich um fünf Feriengäste im Alter zwischen 30 und 40 Jahren.

Lawinendrama in Klosters

Symbolbild: Solche Tiefschneehänge lassen die Herzen der Variantenfahrer höherschlagen, können aber tödlich enden.

Es waren traurige Nachrichten, die am 13. Januar 2008 Klosters verliessen. Ein zwölfjähriger Junge starb in einer Lawine im Parsenngebiet. An einem Ort, an dem noch nie zuvor ein Mensch in einer Lawine sterben musste. An einem Hang, an dem jeden Winter so viele Skifahrer runterfahren. 

Es war ein sonniger Sonntag, als das Unglück passierte. Die Eltern waren mit ihren Sohn abseits der Piste unterwegs und wollten einen Hang bei der Parsennfurgga Richtung Weissfluhjoch runter, der bei den einheimischen Skifahrern sehr beliebt ist. Auch an diesem Tag waren viele Spuren zu sehen von den Dutzenden Skifahrern, die schon zuvor unversehrt runter gefahren waren. 

Die Eltern machten sich auf, fuhren in den Pulver, als plötzlich eine Lawine an ihnen vorbeidonnerte. Die beiden wurden verschont, nicht aber ihr Kind. Der Junge konnte nur noch tot geborgen werden. Das ganze Tal stand noch Tage später unter Schock, trauerte um den Verlust der Eltern.

Bergsteiger fallen Lawine zum Opfer

Blick auf den Piz Palü.
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14. Juni 2009. Zwei Männer und eine Frau sind am Piz Palü auf einer Skitour gestorben. Die drei Bergsteiger wollten den 3900 Meter hohen Piz Palü mit Ski auf der Normalroute besteigen. Auf rund 3750 Metern Höhe gerieten sie in ein Schneebrett, das die Alpinisten rund 400 Meter in die Tiefe riss. Die Rettungskräfte konnten die drei nur noch tot bergen.

Bei den Opfern handelt es sich um ein Paar aus Zürich (beide 35 Jahre alt) und um einen 40-jährigen Mann aus dem St. Galler Rheintal.

Drei Opfer am Flüelapass

Hier forderte eine Lawine drei Menschenleben.
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19. März 2011. Drei deutsche Tourenskifahrer sind bei einem Lawinenniedergang im Gebiet Gorigrat am Flüelapass ums Leben gekommen. Sie hatten zusammen mit einem vierten deutschen Skifahrer, der das Unglück mit Erfrierungen unbestimmten Grades überlebte, auf einer Höhe von etwa 2800 Metern in einem Westhang eine Lawine ausgelöst und wurden rund 100 Meter in die Tiefe gerissen und verschüttet.

Dem einen Überlebenden ist es nach Stunden gelungen, sich selbstständig aus den Schneemassen zu befreien und den Rettungsdienst zu alarmieren. Dieser konnte drei der Skifahrer um halb drei Uhr morgens nur noch tot bergen. Der vierte Skifahrer sei noch vor Ort gewesen.

Das letzte grosse Unglück

Eine Lawine am Piz Vilan fordert fünf Menschenleben.
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Die ganze Schweiz hielt den Atem an, als am 31. Januar 2015 vom Lawinenunglück am Piz Vilan berichtet wurde. Damals befand sich im Prättigau eine neunköpfige Gruppe auf einer Skitour zum Vilan. Bei der Abfahrt Richtung Seewis löste sich unter dem Gipfel eine Lawine und riss acht der neun Tourengänger mit.

Eine Person konnte sich selbstständig aus den Schneemassen befreien, die anderen sieben mussten von Rettungskräften und weiteren Tourengängern im Unglücksgebiet gerettet werden. Drei Personen konnten nur noch tot geborgen werden. Vier weitere wurden schwer verletzt in Spitäler nach St. Gallen, Zürich und Chur geflogen. Zwei Frauen erlagen ihren Verletzungen später im Spital.

Etwas ganz anderes

Das letzte spektakuläre Lawinenereignis, das zum guten Glück keine Todesopfer forderte, ereignete sich dieses Jahr in der Nacht auf den 14. Januar.

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