×

Wenn der Schnee die RhB zum Stillstand bringt

«Leise rieselt der Schnee ...» und «As schneielet, as beielet ...» – was als Kinderlied so hübsch klingt, wird für die Rhätische Bahn Jahr für Jahr zur logistischen Herausforderung. Mehrere Dutzend Mal pro Winter werden RhB-Strecken durch grosse Schneemengen, umgeknickte Bäume oder Lawinengefahr gesperrt. Immerhin, man hat Routine im Umgang damit.

Oliver
Fischer
Donnerstag, 21. November 2019, 04:30 Uhr Streckenunterbrüche
Im Engadin blockierte Anfang dieser Woche ein Baum die RhB-Strecke.
Leserreporter / LESERREPORTER

«RhB gibt alle Strecken wieder frei», «Reisende ins Oberengadin müssen sich in Geduld üben», «Berninalinie unterbrochen, Albula wieder offen» – solche Schlagzeilen liest man Winter für Winter wenn der Schnee den Kanton Graubünden flächendeckend überzieht. Und auch im eben erst so langsam in Fahrt gekommenen Winter gab es bereits einen Schnee bedingten Streckenunterbruch: am Montag blockierte ein umgeknickter Baum die Strecke zwischen Zernez und Chinuos-chel. Bei der Rhätischen Bahn hat man allerdings längst grosse Erfahrung mit solchen Zwischenfällen, wie Sprecher Simon Rageth erklärt.

Seit Oktober 2017 musste die RhB im Winter acht Mal Streckenabschnitte wegen grosser Schneemengen und 18 Mal wegen umgeknickter Bäume sperren. Zusätzlich wurden Strecken wegen Lawinengefahr präventiv gesperrt. Insgesamt gab es also in den Wintern 2017/18 und 2018/19 36 Streckenunterbrüche.

Arosabahn und Berninalinie

Geografisch vereilen sich die Störfälle laut Rageth relativ gleichmässig über den ganzen Kanton. Zwei Hotspots kann er aber dennoch benennen: «Auf der Strecke Chur-Arosa haben wir relativ viele Baumwürfe. Das kommt vor allem Anfang Winter häufiger vor, wenn der Boden noch nicht gefroren ist und die Bäume noch nicht so stabil stehen unter der Schneebelastung.» Die zweite öfter betroffene Strecke ist die Berninalinie. «Diese Strecke wird öfter wegen Lawinengefahr gesperrt, bis Lawinenhänge gesprengt sind oder die Gefahr sonst vorbeigeht», erklärt Rageth. Sehr viel öfter als andere Strecken seien aber auch diese beiden Linien nicht betroffen.

Der Ablauf in einem Störungsfall ist klar definiert. Der Zug, der auf eine Störung stösst, hält an und wird dann als Ganzes evakuiert (Passagiere dürfen den Zug im Normalfall nicht auf der Strecke verlassen). Der betroffene Zug wird in den nächsten Bahnhof zurückgefahren respektive gezogen. «Gibt es Strom auf den Leitungen und handelt es sich um einen Pendelzug, der auf beiden Seiten einen Führerstand hat, kann der Lokführer selbständig in den letzten Bahnhof fahren. Sonst wird er abgeschleppt», beschreibt Rageth das Vorgehen. Dann werde der zuständige Störungsdienst aufgeboten und innerhalb von 30 bis 60 Minuten – Ausnahmen bestätigen die Regel – sollte jemand vor Ort sein und eine Lagebeurteilung machen können. Dann werden Ersatztransporte für die betroffenen Passagiere organisiert.

Wie lange das ganze Prozedere inklusive anschliessender Streckenräumung dauere, könne man nicht generalisieren, sagt Rageth, weil sich die einzelnen Fälle zu stark unterscheiden. Als Beispiel beschreibt er den Fall der über Nacht zugeschneiten Berninastrecke. Um diese Strecke für den Betrieb freizumachen, starte morgens um 5 Uhr in Poschiavo eine Schneefräse, die in rund drei Stunden bis zur Passhöhe vordringe und die Strecke soweit vom Schnee befreie, dass der erste Regelzug um 7 Uhr von Süden auf den Pass hochkomme. Die vollständige Räumung könne dann je nach Schneemenge gut und gerne noch einmal vier bis fünf Stunden beanspruchen.

Zwei Tage im Januar 2019

Dass die RhB Bahnersatze aufbieten muss, kommt viel öfter vor, als dass es Streckenunterbrüche gibt, wobei die Daten in diesem Bereich nicht pro Saison, sondern pro Kalenderjahr vorliegen, wie Rageth erklärt. Im Jahr 2017 bot die RhB zum Beispiel an 73 Tagen Bahnersatzfahrzeuge auf, im Jahr 2018 waren es 78 Tage. Dazu muss man aber wissen, dass sich der Umfang dieser Einsätze sehr stark unterscheiden kann. «Als Bahnersatz kommen Busse, Kleinbusse oder Taxis in Frage», führt Rageth aus, «in der Statistik wird nicht unterschieden, ob an einem späten Abend für zwei Personen ein Taxi gerufen oder ein ganzer Tag lang Busse zwischen Thusis und St. Moritz verkehrt sind.» Beides schlage als ein Tag mit Bahnersatz zu Buche.

Eine der grösseren Störungslagen auf dem RhB-Netz ereignete sich Mitte Januar, als während zwei Tagen auf mehreren Streckenabschnitten zur gleichen Zeit oder aufeinanderfolgend Unterbrüche wegen Schnee, Lawinen oder Bäumen auftraten. «Unsere erste Medienmitteilung ging am Abend des 15. Januars raus, die letzte am späten Nachmittag des 17.», erinnert sich der RhB-Sprecher.

Kommentar schreiben

Kommentar senden