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Sensation in den Bündner Bergen

Marcel Schenk und David Hefti ist kürzlich die erste freie Begehung der Via Nardella am Piz Badile geglückt. Laut einer Mitteilung dürfte es sich dabei um die schwierigste Freikletterroute am Badile handeln.

Südostschweiz
Donnerstag, 03. Oktober 2019, 16:30 Uhr Piz Badile: Erste freie Begehung

Der Nordost-Pfeiler am Piz Badile ist laut Marcel Schenk und David Hefti die wildeste und abweisendste Ecke im Bergell. Allein der Zustieg von der Südseite über das Colle del Cengalo beinhaltet über 2000 Höhenmeter Aufstieg. Anschliessend wird siebenmal in dem ausgeaperten Klucker-Couloir auf der Nordseite abgeseilt. Dabei gibt es nach der vierten Abseillänge kein Zurück mehr. Wie Schenk und Hefti sagen, führt der Weg nur noch über den Gipfel.

Das Warten auf den perfekten Tag

«Für diese Tour muss einfach alles passen, dies wurde uns schon bei der Planung und Informationssuche bewusst», so Schenk und Hefti. Die Route wurde im Jahr 1973 von vier Italienern in technischer Kletterei erstbegangen und seither erst zweimal wiederholt. Nach Recherchen und einem Treffen mit Danielo Valsecchi, dem die erste und bis dato einzige Winterbegehung gelang, fanden die beiden Freunde heraus, dass die Route erst zwei Wiederholungen hat. Die Idee diese alte Route in freier Kletterei zu probieren, wurde zu einem Plan. Dieser konnte aber nur unter besten Bedingungen aufgehen. Am 17. September brechen die beiden auf.

Altes Hakenmaterial erfordert höchste Konzentration

Nach dem langen Zustieg und dem ersten, im Verhältnis einfacheren Abschnitt, fordert den beiden Männern das Mittelstück alles ab. Über mehrere Seillängen ist die Wand senkrecht bis leicht überhängend und bietet unglaubliche Kletterei.

Die vorhandene Absicherung ist alt und die Haken sind alles andere als zuverlässig, erzählen die beiden. Sie können zum Teil von Hand entfernt werden oder brechen beim Nachschlagen mit dem Hammer einfach ab. «Wir versuchten die Absicherung so gut wie möglich durch mobile Sicherungsmittel zu ergänzen. Es ist vielmehr die psychische Belastung im Vorstieg, die uns hier ans Limit bringt, als die reinen Kletterschwierigkeiten.»

Auf dem Portaledge studieren die beiden die nächste Seillänge. Über mehrere Überhänge führt die Linie gerade hoch. Viele Fragen stellen sich ihnen: «Hat es genügend Griffe um das frei zu Klettern?» oder «Kann vernünftig gesichert werden?»

Die von Marcel Schenk und David Hefti gewählte Route. PRESSEBILD

Der Freikletter-Traum wackelt

Schwierige Kletterzüge bei nicht ganz optimaler Absicherung bringen Marcel Schenk ans Limit. Nach etwa 15 Metern kommt das grösste Dach. Weiter geht es an kleinen Leisten und nach 35 Metern kommt der jubelnde Schrei: «Stand». Schenk und Hefti sind auf Kurs, um ihr Ziel zu erreichen. Eine weitere anspruchsvolle Seillänge bringt die beiden unter eine leicht überhängende Platte, welche nur ganz wenig Struktur aufweist.

Es ist der 17. September nach 18 Uhr. Schenk und Hefti sind seit mehr als 14 Stunden unterwegs und in einer knappen Stunde wird es dunkel. Kurz sinkt die Stimmung, denn die Platte sieht nicht gerade kletterbar aus. Die beiden diskutieren über eine allfällige Variante vom Stand rechts weg und erhoffen sich so Fels mit mehr Struktur zu finden. «Die Erstbegeher haben sich hier mittels einer Hakenleiter über die glatte Wand hochgebohrt.»

Hefti möchte vor dem Biwak die Platte noch auschecken und steigt an den alten Haken hoch, er reinigt ein paar Strukturen und meint er wolle es einmal versuchen. Nach ein paar kräftigen Boulderzügen an messerscharfen Griffen hält er jubelnd die Kante oberhalb der Platte. Nun ist klar, dass es möglich ist. Hefti klettert weiter. 20 Minuten später und mit einer ziemlich exponierten Variante steht er im Halbdunkeln beim nächsten Stand am Ende der grossen Schwierigkeiten.

Klettern im Stirnlampenlicht

Im Schein der Stirnlampe steigt Schenk nach. Er kann es kaum fassen, bei jedem Zug hat er das Gefühl zu stürzen. Aber der Grip ist durch den auffrischenden Nordwind so perfekt, dass er an den Finger und Fussspitzen kleben bleibt. Oben angekommen ist die Erleichterung riesig. Mit tauben Fingern richten sich die beiden für die Nacht ein. Mit dem Wissen, die Hauptschwierigkeit hinter sich zu haben.

Der vermeintlich einfache Ausstieg auf den Gipfel

Nach einer mehr oder weniger entspannten Nacht, nehmen es Schenk und Hefti am Morgen gemütlich. Sie erwarten keine grossen Schwierigkeiten mehr in den letzten fünf Seillängen zum Gipfel. Doch der Schein trügt, so sind die beiden schon nach kurzer Zeit mit Schnee und Eis konfrontiert, wie sie berichten. Doch das scheinbar unmögliche wird an diesem 18. September möglich: Um die Mittagszeit stehen die beiden mit Sack und Pack auf dem Gipfel.

Was folgte war ein langer Abstieg.

Das Video der ersten freien Begehung der Via Nardella am Piz Badile:

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