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Wie der Arzt im Weltkrieg wirkte

Wie der Arzt im Weltkrieg wirkte

Martin Röthlisberger erzählt über trickreiche Ernährung und die Arbeit der Ärzte während des Zweiten Weltkriegs.

Südostschweiz
vor 2 Jahren in
Ereignisse
Der Aroser Arzt Martin Röthlisberger erlebte die Kriegsjahre als Kind. Bereits sein Vater war Hausarzt und Hauptmann im Aktivdienst.
BÜNDNER TAGBLATT

von Pesche Lebrument


Das Haus mit dem grossen Schriftzug «Röthlisberger» versteckt sich hinter Bäumen. Einst gingen hier Patienten ein und aus. Lange praktizierte Arzt Martin Röthlisberger, noch heute hilft er aus, wenn er gerufen wird, vorgestern noch stand der 85-Jährige im Dienst. Die Praxis gibt es nicht mehr, noch immer wohnt er aber hier. Seine antik wirkende Küche ist topmodern. Wir sitzen uns am Esstisch gegenüber. Der Mann mit dem erfahrenen Gesicht nimmt mich zurück in die Zeit, als er fünf Jahre alt war, 1939, als der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Radio, Ruhe!

Mucksmäuschenstill mussten die Kinder am Esstisch damals sein. Um Punkt halb eins liefen die Nachrichten im Radio. Ruhe auch abends um halb acht. Radioprogramme wurden damals über die Telefonleitungen übermittelt, den sogenannten Telefonrundspruch, da Mittelwelle in den Bergen schlecht empfangbar war. Anfangs habe es zwei Sender gegeben, einen Deutschen und Beromünster. Der Deutsche hätte vor allem Frontberichterstattung gebracht, «Propaganda vu da Schwoba».

Familie Röthlisberger lauschte dem Landessender Beromünster. In diesen Minuten brauchte niemand anzurufen, und tat er es doch, schüttelten sie am Tisch kollektiv den Kopf, «lost denn dä kai Nochrichta?», habe man sich gedacht. Der Vater war Arzt, deshalb besass er ein Telefon. Und eben auch ein Radio. «Plötzli sind miar mit da Welt verbunda gsi.» Erstmals habe man Tonaufnahmen von Staatsmännern gehört. D ie Nachrichten informierten über den Kriegsverlauf. Darüber habe sein Vater oft mit ihm, seinem Bruder und der Schwester gesprochen. Anfangs habe er nur mitbekommen, dass Hitler «ein Böser» sei.

Als Bub hätte ihn das zunächst nicht interessiert, doch dann merkte er, dass er überhaupt keine Ahnung hatte. Einmal fragte der Lehrer: «Wär söll da Krieg gwünna?» – «D’Italiener», antwortete Schulkind Röthlisberger, weil er sie symphatisch fand. Italiener bauten vor dem Krieg die Eisenbahnstrecke nach Arosa zu einem Stundenlohn von 85 Rappen. Ein Weggli kostete damals fünf Rappen, darum sage man «Da Füfer und s’Weggli». Wegen seiner kindlichen Begeisterung für die Italiener sagte man ihm in der Schule, er spinne. Das habe ihn angespornt, früh mit Zeitungslesen zu beginnen. Immer passierte etwas Neues, schnell zogen ihn die Berichte in den Bann. Bilder vom Krieg gab es damals nur wenige in der Presse, allenfalls Fotos von zerstörten Städten. Beim Radiohören nahm der Vater von Zeit zu Zeit Landkarten hervor und zeigte den Kindern, wo der Krieg gerade wieder wütete.

Ärzte ohne Antibiotika

Mamma Marie, genannt «Miggi», arbeitete am Empfang der Arztpraxis und bediente das Telefon. Arztgehilfinnen wie heute habe es nicht gegeben. Auch konnte Mutter «as FingerPicksli macha, as Hämoglobin beschtimma oder an Urin aluaga», erzählt Röthlisberger. Die Versorgung mit Medikamenten sei in den Kriegsjahren ausreichend gewesen, aber man dürfe nicht vergessen, dass es zu dieser Zeit noch keine Antibiotika und ebenso wenig Mittel gegen hohen Blutdruck gab. Zur Verfügung standen Fieber- und Schmerzmittel sowie Vitamine. «Das ischas eigentli gsi.»

Auch wenn es nicht so viele Medikamente gab, bewundert Martin Röthlisberger noch heute, welch gute Medizin die damaligen Ärzte anboten. 1943 hätten sie für ihre Praxis erstmals einen Röntgenapparat gekauft, betrieben mit einer deutschen Röntgenkugel von Siemens, ein Teil der Anlage stehe heute noch im Medizinmuseum Davos. Vor dem Badezimmer wurde eine Dunkelkammer eingerichtet, um die Röntgenaufnahmen zu entwickeln.

Sechs Ärzte gab es in Arosa, damals kamen Kinder noch nicht im Spital zur Welt, sowieso hätten die Ärzte viel mehr Hausbesuche gemacht. 1938 wurden in Arosa die ersten Skilifte gebaut, als weitherum einer der wenigen Orte mit funktionierenden Transportanlagen. Sportunfälle nahmen zu, sagt Röthlisberger, der später selbst mit seinem Vater in der gemeinsamen Praxis zusammenarbeitete. Mutter Miggi habe übrigens auch geschaut, «dass s’Geld inakunnt». Der Vater sei ganz ein «Gütiger» gewesen. Vater Fritz war oft im Aktivdienst. «Dr Kerli hät wella», mit seiner geheilten Tuberkulose wäre er ohne Probleme vom Dienst befreit worden, ist Martin Röthlisberger überzeugt, aber er sei halt ein solcher Militärbewunderer gewesen. Der Hauptmann habe unter anderem einen Sanitätszug geführt, im Kriegsfall hätten sie sich in einem Tunnel einquartieren und dort Verletzte behandeln und unterbringen müssen.

«Unvorstellbar hüt, aber während am Krieg …» Zwischendurch war der Vater daheim. Als Hausarzt besass er ein Auto, pro Monat bekam er 30 Liter Benzin, er musste auch die Patienten in Langwies versorgen. Als er dann auch Peist übernahm, habe er um zehn Liter mehr nachgesucht, was bewilligt wurde. In einem Winter gab es so wenig Benzin, dass selbst der Autobus nicht mehr betrieben werden konnte. Alles fuhr mit «so Kütschli», um die 50 Kutschen habe es damals gegeben. Doch im Winter hätte man sowieso nicht Auto fahren können. Nur die Strassen in Arosa waren geteert, nicht aber jene im Tal. Bei Schneefall wurde zunächst gepflügt, danach fuhr man mit dem Druckschlitten über die Strassen, Rosse zogen den mit schweren Steinen beladenen Wagen, der gepresste Schnee verwandelte sich mit der Zeit in eine Eisschicht. Die Dorfbewohner schlitterten darauf.

Ab März schmolz der Schnee, es gab braune Bäche wegen des Pferdemists. Ohne Auto habe der Vater die meisten Hausbesuche zu Fuss gemacht, was manchmal stundenlange Märsche in die Hochtäler Sapün oder Fondei bedeutete, um gerade einmal einen Patienten behandeln zu können.

Fantasievolle Hausfrauen

Gut mag sich Röthlisberger an die Rationierung erinnern. Pro Monat 200 Gramm Butter, zwölf bis 15 Liter Milch pro Person, Brot auch ungefähr 15 Kilogramm. Beim Einkaufen habe man das Geld überreicht und dazu die entsprechenden Märkli. Zucker war rationiert, Reis nur für Kinder unter sechs Jahren, die Zahlen sprudeln nur so aus Röthlisberger wachem Gedächtnis. Fleisch habe oft nur der Vater am Mittag bekommen, den Kindern habe er manchmal etwas davon abgegeben «Manna müand Fleisch ha» habe es damals geheissen, Röthlisberger lacht. Es habe auch «blinde» Märkli mit Buchstaben darauf gegeben.

Jeweils zum Monatsanfang beschloss der Bundesrat, was es für diese Märkli geben sollte, «irgendöppis, wo sie vorig gha händ» zum Beispiel etwas Mehl.

Wenn eine Hausfrau geschickt gewesen sei, sei sie mit der Rationierung gut über die Runden gekommen. Wenig gebildete und fantasielose Hausfrauen hätten es schwerer gehabt, die Kreativen aber «händ grissni Sacha kombiniert». In Städten gab es Haushaltslehrgänge für Frauen. Es wurde gezeigt, wie sie mit rationiertem Essen auskommen und mit welchen Tricks sie Mahlzeiten strecken können. Röthlisbergers Erinnerung nach ging das von den Frauenvereinen aus.

Rivella und Ragusa

Morgens, wenn Mama Frühstück machte, habe er an der Dicke des Belages erkannt, was es war. War es dünn bestrichen, so war es Butter, war es etwas dicker, war es « Eckli-Käse». «Wüssand sie, was Eckli-Chäs isch?» Röthlisberger sieht das Fragezeichen in meinem Gesicht, steht auf und geht zum Kühlschrank. «Eckli-Käs gits hüt no.» Aus dem weissen Licht fördert er ein Gerber-Käsli hervor. «Wüssend sie au, wias Rivella erfunda worda isch?» Die Deutschen hätten an einem Bierersatz getüftelt, für den Fall, dass Gerste fehlen würde, denn was wäre Deutschland ohne Bier gewesen? Sie hätten mit Molke, einem Abfallprodukt der Käseherstellung experimentiert. Nach dem Krieg sei das Rezept dann in die Schweiz gelangt. Ironischerweise habe s ich das Schweizer Nationalgetränk in Deutschland nie durchsetzen können. Als Arzt habe er Rivella manchmal zur Therapie eingesetzt, denn es blähe nicht und sei gut punkto Mineralien.

«Kennend sie au d ’Geschicht vu Ragusa?» Röthlisberger erzählt, dass die Schweiz einst viele Haselnüsse über das unbesetzte Frankreich importieren konnte, Kakao hingegen war wegen der Seeblockaden knapp. Hersteller Camille Bloch habe auf Bitte des Bundesrates dar
aufhin Ragusa entwickelt, die Schokolade wurde mit Haselnüssen gestreckt, 1942 kam der süsse Riegel auf den Markt. «Wo da Kriag verbii gsii isch», Röhtllisberger breitet die Hände aus, «sind d’Lüt usanand ganga wia Weggli.» Da habe die ganze Adipositasproblematik begonnen.

Zum Kriegsende zur Kur

Das Kriegsende erlebte Martin Röthlisberger in der Kur in Rothenbrunnen. Im Frühling als Kind zur Kur zu gehen, sei damals so üblich gewesen. Die Eltern verreisten währenddessen in die Ferien ins Tessin. Urlaub mit der ganzen Familie, so wie heute, sei nicht «Mode» gewesen. Bei der Kur mussten die Kinder zunehmen, sonst seien die in der Klinik nicht zufrieden gewesen. Heute wäre es genau umgekehrt, schmunzelt Röthlisberger. Liegekur am Morgen, Liegekur am Nachmittag, morgens durfte man schwatzen, nachmittags nicht, es sei furchtbar langweilig gewesen.

Nicht einmal eine Zeitung hätten sie gehabt. Wenigstens sei das Küchenmädchen manchmal gekommen und habe erzählt, was so passierte. Einmal sagte sie: Es heisse jetzt nicht mehr «Berliner» sondern «Russische Pfannkuchen». Die Umbenennung sei erfolgt, weil die Russen Berlin erobert hätten. Dann, eines Tages, sagte das Küchenmädchen: «Jetzt häts da Hitler putzt».

In der ersten Zeit nach dem Krieg habe man «dia Schwoba halt schu nit möga, ma hät a uh Wuat kha». Aber nicht lange, Arosa sei nie besonders deutschfeindlich gewesen, die Zuwanderung habe hier vor und nach dem Krieg immer eine grosse Rolle gespielt, verschiedene Deutsche hätten zudem massgeblich bei der Entwicklung von Arosa mitgewirkt. Es hätte auch ein paar Nazis gegeben, jedenfalls gab es Gerüchte, verbreitet wurden sie vor allem nach dem Krieg. Die Leute seien «plötzlich mutig geworden», an einigen Geschäften stand geschrieben: «Nazis raus».

Von den KZ habe er erst erfahren, als diese von den Alliierten befreit wurden, aber ob der Vater mehr wusste und es den Kindern einfach nicht erzählte, wisse er nicht. «Do wärsch als Kind jo depressiv worda.»

Was die Geschichte lehrt

Noch viel erfahre ich an diesem Vormittag. Etwa, wie es war, als die erste Atombombe vom Himmel fiel. Manchmal werde er ganz depressiv, und er denke, der Mensch sei eine Fehlkonstruktion, so Röthlisberger. Wie konnte man einen Zweiten Weltkrieg vom Zaun brechen, nachdem man gerade erst Bekanntschaft mit dem Ersten gemacht hatte. Aufbruch, ich stehe auf, will wissen, ob die Menschheit seiner Meinung nach etwas aus der Geschichte gelernt hat. Martin Röthlisberger sagt auf Hochdeutsch: «Wenn man etwas aus der Geschichte lernen kann, dann das, dass aus der Geschichte nichts gelernt wird.»
 

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