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Luftkämpfe am Bündner Himmel

Luftkämpfe am Bündner Himmel

Soldaten waren in der Kindheit von Alice Bäder allgegenwärtig, an der Grenze, in Graubünden und am Himmel.

Südostschweiz
01.09.19 - 04:30 Uhr
Ereignisse

von Pesche Lebrument


Ein Buch hat sie mir mitgegeben, Aufzeichnungen aus den Kriegsjahren, ihre Geschichte, auch Gedichte, selbst verfasst: «Der Bodensee liegt wie ein riesiger Spiegel im Morgenlicht. Dort, wo eine leichte Brise die glatte Fläche kräuselt, wirft die Sonne lange Bahnen leuchtender Lichtfunken darüber. So liebt Klara ihren Bodensee. Gerade 19 Jahre jung, liegt sie im Spital und erwartet ihr Kind.»

Mutter Klara brachte Tochter Alice in Arbon zur Welt, dort, wo die Zeppeline vorbeischwebten, das war 1933. Die Welt war eine andere. Mama arbeitete in der Textilfabrik, daneben lismete sie für andere Leute, sie besorgte das knappe Geld. Der arbeitsscheue Vater zog sich zurück, die Mutter die beiden Kinder auf, jedenfalls, so weit sie es neben der Arbeit vermochte.

Bald musste Mutter Pflegeplätze für Alice und die jüngere Schwester Ruth suchen, damit sie ihre Stelle in der Kunstseide-Fabrik Viscose in Widnau behalten konnte. Für jeden einzelnen Arbeitsplatz hätten andere Schlange gestanden, die Arbeitslosigkeit war gross, Sozialversicherungen existierten nicht. Die Geschwister wurden getrennt.

Soldaten überall

Die Kindheit verlebte Alice Bäder bei verschiedenen Pflegeeltern, immer nahe der deutschen und österreichischen Grenze im Rheintal. Soldaten überall, auf beiden Seiten des Rheins, die Buben in der Nachbarschaft hätten mit ihren Holzstecken-Gewehren viel «Soldätlis» gespielt, sie sahen die Wehrmänner ja jeden Tag. Immer habe sie diese Angstgefühle gehabt, «sie sind schwär z’beschrieba». Was Krieg bedeute, habe sie als Kind nicht gewusst, wie auch, mit den Kindern habe man ja über nichts geredet, sie mussten sich alles selbst zusammenreimen. Es sei ihr allerdings sehr schnell klar geworden, was Krieg bedeute.

Alice Bäder erzählt von den übervollen Zügen, die im Bahnhof ankamen, aus Lyon seien die Flüchtlingskinder angereist. Wie sie selbst seien auch die «Franzosenkinder» bei Schweizer Familien untergekommen, diese hätten sie «ufgfuaterat». Es habe ausgebombte Kinder darunter gehabt und solche, deren Väter im Krieg fielen. Die Kinder seien drei oder sechs Monate geblieben, je nach körperlicher Verfassung. Manche seien so angeschlagen gewesen, dass sie zunächst nicht einmal Milch vertragen hätten. Doch wenn sie aufgefuttert gewesen seien, hätte sie manchmal das Gefühl gehabt, «jo, jo, sie sind schu wieder rächt fräch». Französische Schimpfwörter hätten ihr die zu Kräften gekommenen Kinder manchmal nachgerufen.

Alice Bäder bemerkt, wie ich die Rationierungsmarken betrachte, die sie auf dem Stubentisch bereitlegte. Sie hebt einen Streifen hoch, «Einmachzucker» ist darauf zu lesen. Mutter habe wohl manches Mal ohne Einmachzucker Marmelade machen müssen. «Wenn i denka, was miar Gonfi gässa händ mit Schimmel.» Es habe damals nur Cellophan-Papier gegeben, Kühlschränke waren unbekannt. Oft gab’s schimmlige Konfi, «do hät ma oba abgnoh und sie gässa». Auch Fleisch sei manchmal «lebendig» gewesen, «ma hät’s jo nit richtig könna versorga». Manches Mal waren Würmer im Mehl, «das hät niamertem gschadt». Ich frage, um welche Erfindungen sie heute froh sei. Waschmaschine, schiesst es aus ihr heraus, und Kühlschrank. Sie lacht und fügt noch den Staubsauger an. Sie lebe heute noch sehr einfach. Ein Laptop sei für sie ein böhmisches Dorf. Auch um das Handy sei sie froh, um Kontakt aufzunehmen, «aber für meh bruch is nit».

Teppichklopfer-Zucht

Sie legt den Streifen zurück auf den Tisch und sagt, sie hätte mit den Märkli jeweils Milch holen müssen, das sei Kindersache gewesen. Jeweils abends hätte sich «a ganzes Tschüppeli Chind» auf den Weg zu den Molkereien gemacht. Buben hätten die rationierte Milch in ihren Kesseln geschwenkt, ohne dass sie ausgelaufen sei. Das habe sie nur einmal versucht, sie machte daraufhin schmerzhafte Erfahrungen mit dem Teppichklopfer.

Als der Vater noch Teil der Familie war, hätte er sehr gerne den Teppichklopfer benutzt, auch Kellen oder Gürtel, was gerade zur Hand war. Übrigens habe es in der Schule oft «Tatze», eins auf die Finger gegeben, davon sei sie aber verschont geblieben. In der Ecke zu stehen, sei schlimm gewesen, die schlimmste Strafe überhaupt war für Alice «ohni Znacht is Bett», das war damals üblich, auch einsperren. Schon im Kindergarten hätte man sie in so etwas wie eine Besenkammer gesperrt, «ma hät mi spöter lang nia ina Höhli brocht», sagt Alice Bäder. Wenn man etwas anstellte, habe man halt hinten eins draufbekommen, aus ihnen seien trotzdem «ganz ordentligi, gschaffigi Menscha worda».

Kohleferien

Manchmal fiel die Schule aus. Etwa, wenn Lehrer einrücken mussten oder die Kinder «Kohleferien» hatten. Brennmaterial war knapp, nicht immer konnte die Schule geheizt werden. Die Kohle brachten die Kohlemänner, sie fuhren mit ihren Fuhrwerken durchs Dorf, über Rutschen beförderten s ie die schwarze Fracht durch die Kellerluken in die Häuser. Bei einer Pflegefamilie habe es Gas gegeben. Geld musste in die Gasuhr eingeworfen werden, 20 Rappen; solange man «Zwänzger gha hät», gabs Gas, sagt Alice 
Bäder.

Gekocht wurde auf dem Holzherd. Einmal sei sie mit ihrer Mutter in den Wald. Alle dürren Äste, «so wit miar händ möga langa», seien weg gewesen, nichts lag auf dem Boden, «as isch gär nüt meh uma gsi». In einer kleinen Wohnung in der Nähe lebte Mutter Klara, sie lismete für Fremde und fertigte auch die Kleider der Kinder an, neue gab es nicht. Verengte sich das Gewand der Heranwachsenden, trennte sie es auf, wusch die Wolle und verlismete sie erneut.

Es sei vermutlich 1942 gewesen, da hätten sie im Fall der Fälle «ufa Wäg müassa», auf den Weg Richtung Innerschweiz. Es hätte ja sein können, dass «da Hitler in d’Schwiiz kunnt». Mutter sei aufgrund der drohenden Evakuation fast verzweifelt «wia sölland miar nur ufa Wäg?» Sie mussten auf Geheiss der Behörden mit dem Nötigsten abmarschbereit sein, nur ein paar Kilo privater Sachen durfte mitgenommen werden. Die benachbarte Bauersfamilie habe im Heustall Bodenbretter entfernt und ein Loch für die Wertsachen gegraben, auch d as Sonntagsgeschirr hätten sie darin versteckt. Andere Familien hätten es wohl ähnlich gemacht, mutmasst Bäder. In Diepoldsau, auf der anderen Seite des Rheins, war die junge Alice 1942. Nachts habe man oft den Sirenenalarm jenseits der Grenze gehört. Sie lag alleine in einem Zimmer der Pflegefamilie und habe Angst gehabt, die Erwachsenen auch.

Soldaten im Paradies

Mutter Klara wusste nicht mehr ein noch aus, da habe sie ein Inserat in der «Prättigauer Zeitung» gelesen: «Haushälterin gesucht, eventuell mit Kind». So sei sie nach Valzeina gekommen, hier oben wurde sie wieder mit ihrer Schwester vereint. Bis nach Kriegsende blieb sie dort, es gab keinen Fliegeralarm, es sei ihre glücklichste Zeit gewesen.

Auf Soldaten traf sie auch hier, gleich hinter dem alten Walserhaus «des Meisters», eines Senns. Im Stall lebten Kühe und Ziegen, «a wunderbari Geissamilch hät’s geh», die Soldaten schliefen in der angrenzenden Militärbaracke auf Stroh, daneben lagerte Munition in einer Kaverne. Sie habe Soldaten gesehen «dia händ da ganz liab Tag nüt z’tua kha», während sie wussten, «dahai muass d’Frau da ganz Bettel sälber erlediga».

Oft gaben die Soldaten ihr und der Schwester Essen ab. Sie konnte viele Soldatenlieder auswendig: «Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, nach jedem Dezember kommt wieder ein Mai.» Dies war einer der populärsten Schlager jener Zeit. Es sei erzählt worden, dass auch deutsche Soldaten dieses Lied sangen, hoffnungsvoll, «dass das ganza Elend amol verbii goht». Der erste Sommer in Valzeina war das Paradies, eine wilde Hummel sei sie gewesen, kletterte auf Bäume und las dort oben Bücher, jedenfalls das wenige, das sie in die Finger bekam. Obwohl Mutter mittellos war, kaufte sie ihrer Tochter dann und wann ein Buch, «Onkel Toms Hütte und s’Heidi natürli». Sie hätte die Bücher so viele Male gelesen, dass sie sie beinahe a uswendig kannte. Auch in der Schule habe sie immer auf das Lesebuch «planget», in kurzer Zeit hätte sie es jeweils verschlungen. Lesen habe sie sehr schnell gelernt, es war für sie ein Ausflug in eine andere Welt.

Sehr mühsam sei der Schulweg gewesen, vor allem bei Schnee, die Kleider waren immer nass. Im Winter, wenn Kartoffeln gesotten wurden, konnte sie die Füsse danach im warmen Wasser baden, die Frostbeulen hätten danach nicht so «grauahaft bissa». Ihren Schulweg hätte sie später einmal als Erwachsene im Sommer abgeschritten, eine Dreiviertelstunde habe sie gebraucht. Die Schule sei «so ganz anders» gewesen als heute, sagt die pensionierte Handarbeitslehrerin.Der Lehrer lebte im Schulhaus. Alle acht Klassen wurden im gleichen Zimmer unterrichtet, sie waren an die  20 Schüler. Geschrieben wurde auf Schiefertafeln, diese mussten samstags mit einer Bürste gefegt und am Montag sauber vorgezeigt werden. Für die Soldaten strickten sie «Amedisli», Armwärmer, daran habe man lange glismet.

Kämpfe in der Luft

Es musste im Herbst 1943 gewesen sein, sie waren beim Herdöpfel graben, «plötzlich sinds über üs gsi», sie kamen vom Grat. Deutsche Jagdflugzeuge verfolgten einen amerikanischen Bomber. Plötzlich sei ein Flugzeug a useinandergebrochen und hinter dem Wald bei Bad Ragaz abgestürzt. Alles sei so schnell gegangen, sie hätte keine Zeit gehabt, zu fliehen. Sie habe einfach in den Himmel geschaut, sich gewundert, da sei es auch schon vorbei gewesen.

Ein anderes Mal habe ein amerikanisches Flugzeug Bomben bei Mastrils abgeworfen, um die Last zu reduzieren. Die Krater sehe man heute noch ausserhalb des Dorfes. Einige Male hätten Flugzeuge in Graubünden notlanden müssen oder seien abgestürzt. Von all dem hätte sie in Valzeina aber wenig mitbekommen, denn es gab kein Radio. Als der Krieg vorbei war, hätten sie es erst zwei Tage später erfahren.

Seit 61 Jahren lebt Alice Bäder in Untervaz, nach dem Krieg wurde sie Handarbeitslehrerin. Ihren Beruf gäbe es heute ja nicht mehr, nur als Freifach, wer flickt denn heute noch, «bruchts jo gär nümma».

Ich verabschiede mich von der Frau mit den fünf Kindern, den 14 Enkeln und dem Urenkel, der bald auf die Welt kommt. Dass es Menschen gebe, die fähig seien, einen Krieg anzuzetteln, mache ihr zu schaffen, «vor allem, wemma Kind hät und Enkel». Doch auf ihrem späteren Weg habe sie viele gute Menschen getroffen. Noch einmal blättere ich nach meinem Besuch in ihrem selbst verfassten Buch: «Schritte durch das Leben hinterlassen Spuren. Eine Welle aus dem Meer der Unendlichkeit löscht sie aus, als wäre da nie etwas gewesen.»

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