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Die Jugend für die Nazis geopfert

«Heim ins Reich», die Anbindung Österreichs an Deutschland hatte dramatische Auswirkungen auf Familie Stölzle.

Südostschweiz
01.09.19 - 04:30 Uhr
Ereignisse

von Pesche Lebrument

Die Wohnung, die Maria Brenn-Stölzle bewohnt, ist modern. Nostalgie hängt an den Wänden, Fotos der Familie, Bilder der Brüder, beide fielen im Krieg, gleich werde ich davon erfahren. Sie hätte nicht gewusst, dass sie einmal «in die Schweiz heirate», sagt sie und bittet mich, Platz zu nehmen. Hartnäckig sei ihr verstorbener Ehemann, der ehemalige Emser 
 Sekundarlehrer Stefan Brenn gewesen, den sie auf einer Rundreise kennenlernte. Nach jahrelanger Brieffreundschaft sei er ihr über 700 Kilometer bis nach Österreich mit dem Velo nachgereist.

Bomben und Trümmer

Ihre ersten Erinnerungen führen sie nach Graz, wo sie 1944, als 15-Jährige, die Kunstgewerbeschule besuchte. Die steirische Landeshauptstadt war eine Nazihochburg, in keiner anderen österreichischen Stadt fielen so viele Bomben. Täglich gab es Fliegeralarm, der Unterricht wurde in den Keller verlegt. Sie erinnert sich an einen Angriff, bei dem die Schule einen Volltreffer abbekam. Wer nicht im Keller war, war tot. Nach der Entwarnung lief sie über Trümmer, auf einem Schuttberg habe ein Kind geschrien: «Mama, Mama!» Eine Hand ragte heraus, das Kind griff danach und hielt einen abgetrennten Arm in Händen. Sie sei weitergelaufen, die Wohnung, in der sie sich als Studentin einquartieren durfte, war unversehrt, ein Glücksfall, bis Ende des Krieges würden amerikanische Bomber Tausende Wohnungen in Trümmer legen. Die 89-Jährige schildert die Schrecken mit sachlicher Stimme, nie gerät sie ins Wanken. Kurz rattert die Kaffeemaschine, dann verliert sich Maria BrennStölzle wieder in der Zeit.

Vater holt sie heim

Im Zimmer der Studentin lag eine Überraschung auf dem Bett: ihr Vater, kreidebleich. Er sagte: «Pack deine Sachen, du bleibst mir keine Stunde länger hier in Graz.» Der Kaufmann besuchte gerade die Handelskammer, auch hier fielen Bomben. Da er unter einem Kellergewölbe stand, überlebte er mit sechs anderen, 27 Personen starben. Sie kehrte mit Papa heim in die Berge nach Köflach. Vater Adolf betrieb hier ein Kaufhaus, das über 125 Jahre lang Bestand haben sollte, bis es dem Gross- und Onlinehandel zum Opfer fiel. Von den Schrecken konnte sich die Jugendliche nicht einfach daheim erholen, «das gab es in der Nazi-Zeit nicht».

Sie absolvierte im Ort ein Pflichtjahr bei einer Familie mit sechs Kindern, kochte, putzte und bügelte bis ans Ende des Krieges. Der 8000-Seelen-Ort Köflach war bekannt für den Kohlebergbau und die Glasherstellung, für Hunderte Arbeiter bauten die Nazis Wohnungen, so entstand etwa die «Hermann Göring»-Mustersiedlung, benannt nach dem deutschen Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Oft habe es Fliegeralarm gegeben, sehr oft, so oft, dass man die heulenden Warnungen der Sirenen nicht immer ernst nahm und nicht immer den Schutzkeller aufsuchte. Sie erinnert sich an einen Angriff gegen Ende des Krieges. «Phhhiiiuuu», sie ahmt das pfeifende Geräusch einer Bombe nach, alle Scheiben im Haus seien durch den Druck zu Bruch gegangen, sonst aber sei das Gebäude verschont geblieben. «Hätten die Piloten Navigationsgeräte gehabt wie heute, wäre ihre Heimat total zerstört worden, so aber blieb immerhin der Ortskern verschont.»

Kinder in der Hitlerjugend

Eine Schwester, zwei Brüder, die Kindheit in Köflach. Mit zehn Jahren hätten alle österreichischen Kinder der Hitlerjugend beitreten müssen, ganz gleich ob Mädchen oder Jungen, bereits mit zwölf Jahren habe sie eine Gruppe geleitet. Das Tagesprogramm des Jungmädelbundes, wie der weibliche Ableger der Hitlerjugend hiess, war immer klar vorgegeben und gut organisiert. So pflückten sie in grossen Kesseln Heidelbeeren für die Soldaten. Zu den Aufgaben gehörte auch Kartoffeln graben, sowie der Verkauf von Winterhilfsabzeichen an die Bevölkerung, die Spenden kamen der notleidenden gesinnungstreuen Bevölkerung zugute. So sei das Sonntag für Sonntag gegangen.

Einmal habe sie bemerkt, dass ein Mädchen ihrer Gruppe fehlte. Maria Stölzle suchte sie zuhause auf und fragte nach dem Grund des Fernbleibens. Das Mädchen habe erzählt, dass ihr Vater, ein Kommunist, in einem Gefängnis, einem KZ gelandet sei. Beide hätten weder gewusst, was ein KZ noch was ein Kommunist sei. Seit ihrer Geburt 1929 hätte sie nichts anderes als Nazi-Propaganda mitbekommen. Im Radio hörte sie stets von diesem und jenem Sieg und wo die Truppen gerade wieder einmarschiert seien. Von der übrigen Welt habe man nichts mitbekommen. Ihr Vater besass ein Radiogerät, auffallend war, dass er oft mit dem Ohr am Apparat lauschte. Erst später erfuhr sie, dass er Radio Beromünster hörte, was streng verboten war. 

Dass der Vater nie in die Partei eintrat, habe sich nachteilig auf das Geschäft ausgewirkt, sagt Maria Brenn-Stölzle. Der Vater war Vorbild, ein vornehmer Mann, wortkarg, er hatte seine Linie, über 50 Jahre führte er das Geschäft. Ihre Mutter Paula sei sehr «leutselig» gewesen, sie habe gut mit Kunden umgehen können. «Deutschland, Deutschland über alles ...» Immer, wenn das Deutschlandlied im Radio lief, habe ihre Mutter als Anhängerin der Monarchie, die bis Ende des Ersten Weltkrieges Bestand hatte, einen anderen Text mitgesungen.

Die Melodie des Deutschlandliedes sei nämlich die gleiche wie die der österreichischen Kaiserhymne. So sang Mama: «Gott erhalte, Gott beschütze, unsern Kaiser, unser Land. Mächtig durch des Glaubens Stütze führ er uns mit weiser Hand.» Das brachte ihr mahnende Worte des Gatten ein: «Pass uf, dass di niemand hört», erzählt Maria Brenn-Stölzle in österreichischem Dialekt mit gelegentlichen Bündner Ausdrücken.

Brüder im Krieg

Die 89-Jährige nimmt ein Blech aus dem Ofen. Ich hatte nicht bemerkt, dass sie es überhaupt hineinschob. Überall hätten Bilder von Hitler gehangen, auch in den Schulen, sagt sie und serviert heisses Blätterteiggebäck. Am Morgen bei Schulbeginn seien die Kinder an ihren Pulten aufgestanden und hätten «Heil Hitler» gerufen. Auch beim Grüssen auf den Strassen hob man den Arm. Einigen schlurfte aus dem Mund nur das Wort «Heil-tler», aber wenn das ein «Bonze» gehört hätte, wäre man bestraft worden. Es sei ihr 
nach Kriegende noch einige Male passiert, dass sie beinahe den Arm hob. Das sei so ein Automatismus gewesen, selbst enge Nachbarn hätten sich so gegrüsst.

Die Brüder waren deutlich älter und viel fort im Internat. Sie zeigt ein Foto von Bruder «Hansi» und sagt, er sei überzeugt gewesen, dass Hitler etwas bewegt und die Arbeitslosigkeit gesenkt hätte. Dann erzählt sie von jenem verhängnisvollen Tag 1943 an der Front in Russland. Eigentlich hätte ein Kamerad, ein Familienvater, mit dem Panzer vorrücken sollen. Da ihr Bruder ledig und kinderlos war, habe er darauf bestanden, den Panzer selbst zu steuern. Das Gefährt sei voll getroffen worden, «Hansi» starb. Jener Kamerad habe die Familie später in Köflach besucht und diese Geschichte erzählt, gesagt, er verdanke dem Bruder das Leben.

Maria BrennStölzle hat die Todesanzeige aufbewahrt: «Im Kampfe für sein geliebtes Vaterland fiel im Südabschnitt der Ostfront im Alter von 24 Jahren unser lieber Sohn und Bruder Hans Stölzle ...» Darunter liegt ein Bild eines Jugendlichen, es zeigt ihren jüngeren Bruder Adolf, aufgenommen 1938. Der Gymnasiast eines Benediktiner-Klosters sollte eigentlich Pater werden. «Genau in diesem Jahr wurde Österreich ‘heim ins Reich’ geholt», erzählt Maria Brenn- Stölzle. Durch den Anschluss an Deutschland musste der junge Österreicher wie alle anderen zunächst «Reichsarbeitsdienst» leisten, ihn traf es als Erntehelfer in Polen, als der Krieg ausbrach, dann kämpfte er an verschiedenen Fronten. 

In Berlin, wo es täglich Bombenangriffe gab, machte er später eine Ausbildung zum Fallschirmspringer. 1944 heiratete er eine Berliner Strassenbahnschaffnerin, die dort K riegsdienst leistete, durch die Heirat wurde sie davon befreit und durfte zur Familie Stölzle nach Köflach. Neun Wochen später war die 20-jährige Ehefrau Witwe, drei ihrer vier Brüder waren bereits gefallen, «Dolfi» starb 1944 bei der Invasion der Alliierten in der Normandie. Wie sein Bruder wurde auch er 2 4 Jahre alt, auch von seinem Grab auf einem riesigen französischen Soldatenfriedhof existieren Bilder. Ihre Mutter hätte fortan nur noch schwarze Kleider getragen.

Bei Kriegsende sei sie beim elterlichen Ferienhaus unweit des Dorfes einer Bekannten begegnet. Diese habe ihr berichtet, dass «die Russen» in Köflach eingefallen seien, die Menschen seien auf der Flucht. Später erfuhr Maria Brenn-Stölzle, dass ein einziger britischer Panzer mit lediglich vier Mann Besatzung dem Flüchtlingsstrom entgegen ins Dorf fuhr. Sie hätten sich am Ortseingang aufgestellt, die Russen, in der Meinung, die Briten seien bereits in grosser Zahl vorgerückt, hätten sich zurückgezogen. Die alliierten Engländer, Franzosen, Amerikaner und Russen teilten sich das Land in vier Zonen als Besatzungsmacht auf. Jeder bekam so viel, wie er vorrücken konnte.

«Es war eine Katastrophe»

«Wo Sie spöter erfahra händ, was alles für Gräueltata passiert sind, wia händ Sie uf dia Zit zrugg gluagt?» Sie seufzt: «Es war eine Katastrophe.» Sie hätte einen fanatischen Nazianhänger aus Koflach gekannt, der habe sich aus reiner Enttäuschung aufgehängt. Sie habe auch gedacht, Gott sei Dank kommen die Brüder nicht mehr zurück. «Der eine war so ein überzeugter Hitleranhänger, der wäre so enttäuscht gewesen, wenn er von den Konzentrationslagern erfahren hätte.» Und der jüngere Bruder «Dolfi» habe ja gar keinen Beruf gelernt. Er war einfacher Soldat, nach der Matura musste er gleich in den Reichsarbeitsdienst, sieben Jahre seiner Jugend habe er dem Staat geopfert, «der hätte ja noch eine Lehre machen oder studieren müssen». Der andere Bruder hätte wenigstens eine kaufmännische Lehre abgeschlossen. Weil die Brüder gefallen waren, arbeitete sie noch einige Jahre im elterlichen Geschäft bis zur Heirat 1954. Ihre Schwester «Gerta» hat mit ihrem Mann dieses übernommen und weitergeführt.

Heute hat Maria BrennStölzle fünf Kinder, zwölf Enkelkinder und ein Urenkelkind. Sie hat dafür gesorgt, dass die Geschichte ihrer Familie erhalten bleibt. Sie brachte ihre Erinnerungen zu Papier. Mit einigen Enkeln und selbst in Schulen sprach sie über den Krieg. Die Kinder hätten aufmerksam zugehört, eine ganze Lektion lang.
 

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