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«Wer schön sein will, muss leiden»

Der Näfelser Oliver Gygli ist seit der Kindheit fasziniert von närrischen Masken und Kostümen. Heute erlangt er als Masken- und Kostümbildner schweizweit Beachtung. Sogar aus Deutschland kommen erste Aufträge.

Südostschweiz
Sonntag, 10. März 2019, 04:30 Uhr Maskenbildner klärt auf

von Sabine Tschudi

«Nach einem Tag in einem meiner Ganzkörperkostüme, hatte ich auch schon Muskelkater», sagt Oliver Gygli und lacht. Und der Satz: «Wer schön sein will, muss leiden» habe für ihn eine ganz neue Dimension bekommen. Angefangen habe seine Leidenschaft für die Fantasiewelt wohl auf dem Dachboden der Grossmutter. Sie betrieb damals einen Tante-Emma-Laden, indem zur Fasnachtszeit auch Kostüme verkauft wurden.

Den Rest des Jahres dämmerten diese auf dem Dachboden vor sich hin – wenn nicht der kleine Oliver sie mit seinen Spässen und Kindereien zum Leben erweckte.

Jüngster bei «Rauti Chlepfern»

Als Elfjähriger durfte Oliver Gygli als jüngstes Mitglied bei den «Rauti Chlepfern», einer Näfelser Guggenmusik, mitwirken. Mit 14 Jahren zeigt ihm sein Vater die Luzerner Fasnacht. Und seitdem ist es um ihn geschehen. Die Wagengruppen, die Ganzkörperkostüme und vor allem die Masken mit ihrer mystischen bis düsteren Ausstrahlung hatten es ihm sofort und nachhaltig angetan. «Die ganze Stadt war eine andere Welt, in die ich mit grosser Lust eintauchte.» Auch heute noch ist die Begeisterung, die seine Kostüme bei anderen auslösen, der Lohn für die arbeitsintensive Zeit der Kostümherstellung. «Jeder Fasnachtsumzug ist sozusagen mein Ausstellungsraum, meine Galerie, meine Vernissage», sagt er lachend und pinselt eifrig am Hut seiner Maske, die am Montag darauf in Luzern Premiere hatte. Ein schmerbäuchiger Alter mit Stumpen im Mundwinkel und wirrem Haar, das unterm Hut hervorlugt. «Vor lauter Arbeit an Aufträgen komme ich fast nicht mehr dazu, meine eigenen Kostüme zu fertigen», sagt er seufzend.

Schon im Dezember seien die ersten Bestellungen für die Fasnacht 2020 eingetrudelt. «Dann ist der Kopf da und dort und überall.» Geistige Entspannung finde er bei seiner körperlichen Arbeit als Hauswart.

Kunst und Handwerk

«Mein kreativer Prozess findet hauptsächlich beim Modellieren statt», erzählt Gygli. Alles andere sei solides Handwerk. Aber für ihn sei das im Moment noch sehr stimmig. Klar versuche er, die Arbeitsabläufe zu optimieren. Denn 30 bis 40 gleiche Masken herzustellen gehe schon fast in Richtung Massenproduktion. Wenn der Kopf mit Ton modelliert ist – und hier lässt er sich von seinen Händen leiten – macht er einen Gipsabdruck. Dieses Negativ wird mit einem speziellen, latexartigen Material ausgefüllt. Der Überschuss wird nach etwa einer Stunde ausgeleert und der «Grind» ein bis zwei Stunden in den Trocknungsofen gehängt. Dies, bis ein noch weicher, latexähnlicher Maskenkopf entstanden ist. «Jetzt ist der Moment gekommen, noch Änderungen anzubringen», erklärt er. «Eine Nase quetschen, ein Auge zudrücken, Mundwinkel verzerren und so weiter.»

Denn wenn die Maske erst einmal ausgetrocknet ist, was 24 Stunden später jeweils der Fall ist, kann sie nicht mehr verändert werden. Dann wird ausgeschmückt, gemalt und geklebt. Dabei steht ihm seine Freundin mit grosser Hingabe zur Seite. Eine grosse Herausforderung ist das Anbringen der Seh-, Atmungs- und Spielöffnungen. Die menschliche Anatomie ist mehr oder weniger gegeben. Und diesen Fakt harmonisch in das Maskengesicht einzubauen, habe ihm schon öfter Kopfzerbrechen bereitet. «Aber», stellt er fest, «durch diese Versuch- und Irrtum-Strategie habe ich ein solides Wissen erworben und stehe mittlerweile vielen Guggen bei der Herstellung ihrer eigenen Masken mit Rat und Tat zur Seite.» Daneben gibt er auch Kurse, bei denen man am Schluss mit seiner eigenen Maske heimgeht oder ganz spezifische Techniken erlernen kann.

Gygli wohnt heute in Schübelbach (SZ). Aber dem Glarnerland mit der Strassenfasnacht, allen voran dem Sternmarsch, bleibt er treu. «Für uns komplett Kostümierte ist es der einzig mögliche Marsch. Denn sitzen liegt mit Vollmontur nicht drin», sagt er und muss wieder lachen.

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