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Fall 1 von 12: So selten ist Tuberkulose in Graubünden geworden

Die Tuberkulose war einst dafür verantwortlich, dass das Amt des Kantonsarztes in Graubünden geschaffen wurde. Heute treten im Kanton noch etwa ein Dutzend Fälle pro Jahr auf. Sie verlaufen fast immer glimpflich, so wie der aktuelle Fall auf dem Pult von Martin Mani.

Oliver
Fischer
Freitag, 11. Januar 2019, 04:30 Uhr Aktueller Fall in Chur

Plus/minus ein Dutzend Tuberkulose-Fälle werden in Graubünden bei Kantonsarzt Martin Mani pro Jahr gemeldet. Aktuell hat er gerade eine solche Meldung auf dem Tisch. Eine, die ihn aber nur kurz beschäftigt: «Der Patient ist fast nicht infektiös. Ich werde in diesem Fall keinen Auftrag an die Lungenliga erteilen», sagt Mani gegenüber «suedostschweiz.ch». Denn das wäre sonst der nächste Schritt. Je nach Zustand des Patienten würde die Lungenliga im Auftrag des Kantons im privaten und beruflichen Umfeld des Betroffenen Abklärungstests bei Personen machen, die Kontakt mit dem Erkrankten hatten.

Ein Grund zur Sorge wäre aber auch das für diese Leute nicht, denn zum einen ist die Ansteckungsgefahr nicht hoch und zum anderen die Krankheit heutzutage in der Schweiz keine Gefahr mehr, wie der Kantonsarzt erklärt. Damit es zu einer Ansteckung komme, brauche es verschiedene Umweltfaktoren und zudem sowohl bei der erkrankten Person als auch bei einer Person, die angesteckt werden könnte, zahlreiche Faktoren, die zusammen auftreten müssten, bis tatsächlich eine Übertragung stattfinde. Das sei insgesamt ein seltenes Ereignis. «Mir sind aus meinen 13 Jahren als Kantonsarzt in Graubünden nur zwei Fälle bekannt, in denen es bei Tuberkulosefällen tatsächlich zu Ansteckungen und Folgeerkrankungen gekommen ist», sagt Mani. Die Fälle lägen aber bereits einige Jahre zurück und hätten zudem nichts mit einander zu tun gehabt.

Kantonsarzt wegen Tuberkulose eingeführt

So selten und unproblematisch eine Tuberkulose-Erkrankung in der Schweiz heutzutage ist, so verbreitet und gefährlich war sie noch vor rund 100 Jahren. So wurde das Amt des Kantonsarztes in Graubünden in den 1920er-Jahren gerade wegen der Tuberkulose überhaupt erst geschaffen. Die damals als Schwindsucht bekannte Krankheit war auch der Hauptgrund, warum in Graubünden früher Lungensanatorien eingerichtet worden waren.

«Ein durchschnittlicher Hausarzt in Graubünden trifft in seiner ganzen Laufbahn vielleicht nur ein oder zwei Mal auf TB-Fälle.»

Damals wie heute ist Tuberkulose eine «Arme-Leute-Krankheit», wie es Mani nennt. Heute ist TB im globalen Vergleich immer noch sehr weit verbreitet und eine der tödlichsten Krankheiten. Rund 1,8 Millionen Menschen starben 2015 weltweit an Tuberkulose, wobei die Zahl seit 1990 konstant sinkt. Verbreitet ist die Krankheit vor allem in ärmeren Ländern Asiens und Afrikas. Die hohe Infizierten- und Sterbe-Rate sei vor allem auf unzureichende medizinische Versorgung zurückzuführen, so Mani. Zudem sei die Ansteckungsgefahr in sehr dicht bewohnten Gebieten – etwa Armenviertel in Grossstädten – sehr viel höher.

Auch bei Kontakt kaum Ansteckungen

Das ist wiederum auch in der Schweiz messbar. So stiegen die Fallzahlen etwa zum Höhepunkt des Flüchtlingsstroms vor zwei bis drei Jahren an und mit dem Rückgang der Ankünfte von Asylsuchenden ebbte die Kurve während der vergangenen beiden Jahre wieder auf die für die Schweiz normalen rund 500 Fälle pro Jahr ab. Dabei ist es aber nicht zu einem Anstieg der Ansteckungen innerhalb der Schweiz gekommen. Das gelte auch für jene Bereiche, die regelmässigen Kontakt mit Menschen mit Migrationshintergrund hätten, sagt Mani. «In meinen 13 Jahren ist mir kein Fall aus dem Asylwesen, der Justiz oder dem Gesundheitswesen bekannt, wo es zu einer Übertragung gekommen ist.» Eine gewisse Ausstrahlung in die Schweiz gebe es aber auch aus europäischen Ländern, wo Tuberkulose eine grössere Verbreitung aufweise als in der Schweiz, etwa aus den ehemaligen Sowjet-Ländern, dem Balkan, aber auch aus Portugal.

Um nochmal auf den Anfang zurückzukommen: Ein gutes Dutzend Fälle werden pro Jahr in Graubünden gemeldet. Es gelte aber anzumerken, dass darunter jeweils auch Verdachtsfälle seien, die sich bei genauerer Abklärung nicht als TB herausstellten. Zudem gebe es typähnliche Krankheitserreger, die mit Tuberkulose verwechselt werden können und auch das Auftreten von Bakterien, die früher als Impfstoff eingesetzt wurden, können gemeldet werden. Auf der anderen Seite geht Mani nicht von einer nennenswerten Dunkelziffer von Erkrankungen aus, die nicht als TB erkannt werden. Auszuschliessen sei es aber nicht: «Ein durchschnittlicher Hausarzt in Graubünden trifft in seiner ganzen Laufbahn vielleicht nur ein oder zwei Mal auf TB-Fälle. Da ist es denkbar, dass die Krankheit nicht sofort erkannt wird, aber komplett unerkannt bleibt sie glaube ich nie.»

Symptome/Krankheitsverlauf
Anfangs verursacht Tuberkulose meist wenig auffällige Beschwerden. Zu diesen gehören Husten, Müdigkeitsgefühle und leichtes Fieber. In einem späteren Stadium können auch Symptome wie Gewichtsabnahme, Appetitlosigkeit und Schmerzen in der Brust auftreten. In schweren Fällen ist die Lunge so schwer angegriffen, dass es zu blutigem Auswurf beim Husten, Atemnot und Untergewicht kommen kann.
Die Tuberkulose kann von der Lunge aus durch Ausbreitung der Bakterien über die Blutbahn oder Lymphbahnen auch andere Körperteile befallen: Am häufigsten sind Lymphknoten betroffen, aber auch Knochen, Gelenke, Darm, Hirnhaut und Nervensystem. Die Krankheitssymptome sind dabei unterschiedlich.
Quelle: Lungenliga Schweiz

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