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Es werden immer weniger in St. Moritz

St. Moritz hat in den letzten 40 Jahren fast 1000 Einwohner verloren. Ein wesentliches Bevölkerungswachstum ist nicht in Sicht. Doch was sind die Gründe für den Bevölkerungsschwund und welche Möglichkeiten gibt es, diesen zu stoppen?

10.04.18 - 04:30 Uhr
Ereignisse
Blick auf St. Moritz Dorf.
Blick auf St. Moritz Dorf.
ARCHIV FADRINA HOFMANN

Ein Bauerndorf war St. Moritz im Jahr 1850. Damals zählte die Oberengadiner Gemeinde gerade mal 228 Einwohner. 50 Jahre später, mit den Anfängen des Wintertourismus, waren es schon 1600. Dann setzte der grosse Hotelboom ein und damit auch ein Bevölkerungswachstum. In nur zehn Jahren verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 3200. Die beiden Weltkriege änderten die Situation nur temporär. Während der Kriege gingen die Einwohnerzahlen zurück, um danach aber wieder kontinuierlich anzusteigen.

In den Sechzigerjahren entstand die Jetset-Ära. Stavros Niarchos, ein griechischer Reeder, finanzierte zwei Bergbahnen für das Engadiner Skigebiet. Es waren glanzvolle Zeiten, als die Reichen und Schönen in St. Moritz verkehrten. Der wiederkehrende Tourismus verscheuchte allerdings einen Teil der einheimischen Bevölkerung von St. Moritz Dorf. Es wurden Hochhäuser und Wohnanlagen in St. Moritz Bad für die Einheimischen errichtet.

Noch 5000 St. Moritzer

Alle zehn Jahre gab es früher eine Volkszählung. Ein Blick auf die Bevölkerungsstatistik zeigt, dass 1980 die höchste Einwohnerzahl für St. Moritz erfasst wurde: 5900. Der Bauboom hatte eingesetzt. Die Konjunktur war exzellent und hielt mit der wachsenden Nachfrage nach Zweitwohnungen auch lange an. Im Jahr 2000, also kurz vor der Ski-WM 2003, lebten immer noch rund 5600 Personen in St. Moritz. Das waren ganze 600 Einwohner mehr als nach der Ski-WM 2017.

Heute hat sich die Einwohnerzahl gemäss «my.stmoritz.ch» bei rund 5000 eingependelt. Diese Website wird als «die offene Plattform für die Entwicklung der Gemeinde St. Moritz» bezeichnet. Sie ist im Rahmen des Raumstrategieprozesses «St. Moritz 2030» entstanden, sieht sich aber über dieses Projekt hinaus als «offenes Dorf- und Gemeindelabor». Die Website «my.stmoritz.ch» will vor allem Platz für die Ideen der Bevölkerung und der Gäste bieten – zum Beispiel auch zum Thema Bevölkerungsschwund.

Weniger Arbeitsplätze

St. Moritz ist einer der bekanntesten Ferienorte der Welt. Die Gemeinde bietet eine intakte Umwelt, eine attraktive Infrastruktur und ein vielfältiges Freizeitangebot. Mit einem Steuersatz von 60 Prozent ist St. Moritz zudem die zweitgünstigste Gemeinde im Engadin, nach Celerina. Wie lässt sich also der Bevölkerungsschwund erklären? Für Gemeindepräsident Sigi Asprion liegen die Gründe dafür auf der Hand: «Es hat weniger Hotels, und die Bautätigkeit ist massiv zurückgegangen, was wiederum weniger Arbeitsplätze bedeutet.»

«Es hat weniger Hotels, und die Bautätigkeit ist massiv zurückgegangen.»

Die Tourismuskrise und die Folgen der Zweitwohnungsinitiative haben also zur Abwanderung in St. Moritz geführt. Auf solche externen Faktoren hat die kommunale Politik keinen Einfluss. «Wir versuchen jetzt aber, alternative Arbeitsplätze zu schaffen», sagt Asprion. Grosse Hoffnungen setzt die Gemeinde in den Ausbau von Glasfaserleitungen. Schnelles Internet soll standortunabhängiges Arbeiten und Wohnen ermöglichen.

Ein teures Pflaster

Der Tourismus aber ist und bleibt der Motor von St. Moritz. «Zum Glück ist der Tourismus wieder stärker geworden», meint Asprion. Im Sommer wird zudem das neue Luxus-Boutique-Hotel «Grace» eröffnet. Mit dem positiven Trend bei den Logiernächten dürfte sich die Einwohnerzahl von St. Moritz in den nächsten Jahren leicht positiv entwickeln.

Doch auch die Mietpreise werden ein ausschlaggebendes Kriterium für ein Bevölkerungswachstum sein. Die «NZZ am Sonntag» hat kürzlich die mittleren Preise für Eigentumswohnungen in ausgewählten Tourismusgemeinden veröffentlicht. Fazit: In St. Moritz sind die Preise mit 14 310 Franken pro Quadratmeter am höchsten. St. Moritz liegt mit diesen Preisen noch vor Lenzerheide und Gstaad.

«Die Gemeinde selber kann in dieser Hinsicht nichts tun», sagt Asprion. Für die Entwicklung von St. Moritz könne man nur hoffen, dass die Vermieter endlich «vernünftig» werden. Das gelte auch für die Ladenpreise in St. Moritz Dorf.

Fadrina Hofmann ist als Redaktorin für die Region Südbünden verantwortlich. Sie berichtet über alle gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Themen, die in diesem dreisprachigen Gebiet relevant sind. Sie hat Medien- und Kommunikationswissenschaften, Journalismus und Rätoromanisch an der Universität Fribourg studiert und lebt in Scuol im Unterengadin. Mehr Infos

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