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«Fasten geht auch ohne Verzicht»

Abt Emmanuel Rutz von der Abtei St. Otmarsberg in Uznach erklärt die Bedeutung des Aschermittwochs und des Fastens. Zudem gewährt er Einblicke in die Fastenzeit der Mönche und zeigt auf, wie Fasten in den digitalen Alltag integriert werden kann.

Südostschweiz
Mittwoch, 14. Februar 2018, 04:30 Uhr Bedeutung des Aschermittwochs und des Fastens
Optimistisch: Abt Emmanuel Rutz freut sich über den Trend des Fastens.
ANJA RUOSS

Von Anja Ruoss

Die Guggen verstummen und die Kostüme werden wieder auf den Dachboden gebracht: Mit dem heutigen Aschermittwoch endet im Linthgebiet die Fasnacht. Für viele gläubige Christen beginnt gleichzeitig jedoch ein bedeutender Teil des Jahres: die Fastenzeit. Während 40 Tagen wird auf Dinge verzichtet, um sich zu besinnen. Genauso wie es ursprünglich Jesus tat. 

Um diese Zeit symbolisch zu beginnen, wird Kirchgängern heute Asche auf ihr Haupt gestreut, als Zeichen ihrer Vergänglichkeit. Auch Abt Emmanuel Rutz der Abtei St. Otmarsberg in Uznach lebt diese Tradition. Für ihn ist Fasten kein Müssen, sondern ein Weg der Selbstverbesserung und kann auch modern ausgelegt werden. 

Emmanuel Rutz, bitte erklären Sie kurz die Bedeutung des heutigen Aschermittwochs und der kommenden Fastenzeit.

EMMANUEL RUTZ: Der Aschermittwoch ist der Start in die Fastenzeit. An diesem Tag reduziert man das Essen. Die Fastenzeit selbst soll eine Einladung sein und keine Pflicht. Sie ist die Vorbereitungszeit auf den Tod und die Auferstehung Christi an Ostern. Die Kirche legt hierbei grossen Wert auf die innere Einkehr. Gläubige sollen sozusagen von der Fülle des Lebens und der Gesellschaft für Christus leer werden.

Welche Auswirkungen hat die Fastenzeit auf das Leben in der Abtei St. Otmarsberg?

Wir haben eine alte Tradition, wonach jeder Mönch einen Fastenzettel schreibt. Darauf werden Vorsätze festgehalten, die er während der Fastenzeit erreichen möchte. Ich habe mir zum Beispiel vorgenommen, beim Essen nur einmal zu schöpfen. Zudem möchte ich nach dem Nachtgebet auf Internet verzichten. Die Zettel meiner Mitbrüder werden dann von mir gesegnet. Ich gebe meinen Zettel jeweils dem Prior, der dem Kloster vorsteht.

Hat Fasten also ein Ziel?

Christusvereinigung und mich in meinem Menschsein tiefer zu erfahren.

Ist Ihrer Meinung nach der Verzicht auf Internet also eine moderne Auslegung des Fastens?

Ja. Der Glauben will immer in der Gesellschaft gelebt werden. Die Informationsmöglichkeiten, die wir haben, prägen wesentlich unseren Alltag. Sie ist einerseits ein Segen, andererseits sollte man den Umgang damit im Griff haben. Deshalb ist es meiner Meinung nach eine sehr aktuelle Form des Fastens. Man kann aber auch fasten, ohne zu verzichten. In einer Gesellschaft, in der wir immer unter Strom stehen, kann Fasten auch bedeuten, sich mehr Zeit zu nehmen.

Gab es Fastenzettel von Mitbrüdern, die Sie nicht akzeptiert haben?

Ja, das gab es bereits. Dabei ging es vor allem um Vorhaben beim Verzicht auf Essen, die zu extrem waren. Ich suchte in diesen Fällen jeweils das Gespräch mit den Betroffenen. Schon dem heiligen Benedikt ging es immer darum, massvoll zu handeln.

Wissen Sie denn, wie der Ordensgründer, der heilige Benedikt, gefastet hat?

«Rituale des Christentums gewinnen wieder mehr an Bedeutung. Fasten hat einen hohen Stellenwert.»

Ja, er hat in seinem Buch «Regeln des heiligen Benedikt» ein ganzes Kapitel der Fastenzeit gewidmet. Benedikt hatte dabei einen wahren Blick auf unser Menschsein. Er kennt das Ideal, aber auch die Realität. So steht zu Beginn des Kapitels: «Der Mönch soll zwar immer ein Leben führen wie in der Fastenzeit. Dazu haben aber nur wenige die Kraft.» Danach erwähnt er das Umkehren zurück zum Glauben, das Gebet, die Lesung der Heiligen Schrift und die Arbeit an sich selbst. Der Verzicht ist erst der letzte Punkt seiner Aufzählung der Regeln in der Fastenzeit.

Jesus soll durch das Fasten Klarheit über seinen Weg gefunden haben. Haben Sie selbst schon so eine Erfahrung gemacht?

Nein. Doch man kann sagen, dass wir alle bereits durch die Wüste gegangen sind. Unsere Wüstentage sind der Alltag, in dem wir Schwierigkeiten haben, manchmal überfordert sind oder auch leiden. Ich denke, dass wir sehr gut beraten sind, wenn wir uns in solchen Momenten an die 40 Tage von Jesus in der Wüste erinnern und dadurch Solidarität erfahren. Das habe ich selbst auch erlebt.

Fasten ist primär ein persönlicher Prozess?

Im Ansatz ist es das sicher. Doch es will auch zur Gemeinschaft führen. Nehmen wir das Beispiel mit dem Essen. Wenn ich alleine faste und alle rund um mich herum schlemmen, ist es um einiges schwieriger, an meinem Ziel festzuhalten. Es fällt leichter, wenn ich von einer Gemeinschaft mitgetragen werde.

Wie nehmen Sie die Fastenzeit ausserhalb der Abtei wahr?

Ich denke, dass die Rituale des christlichen Glaubens wieder an Bedeutung gewinnen. Man kennt beispielsweise das Heilfasten, das in den letzten Jahren immer beliebter wurde. Die Menschen sind sensibilisierter und legen grossen Wert auf ihre Gesundheit. Fasten hat im persönlichen Bereich deshalb einen hohen Stellenwert – auch ohne direkten Bezug zur Kirche.

Kann man das christliche Fasten mit jenem, welches die Muslime im Ramadan kennen, vergleichen?

Es ist der gleiche Ausdruck. Die Menschen bereiten sich auf einen Höhepunkt im Glaubensleben vor. Das ist meiner Meinung nach eine starke Verbindung zwischen den Religionen.

Abt Emmanuel Rutz

Der gebürtige Elmar Rutz stammt ursprünglich aus Wolfertswil. Als Sohn einer Bauernfamilie wuchs der 45-Jährige mit fünf Brüdern und zwei Schwestern auf. Rutz machte eine Lehre als Käser mit anschliessender Meisterprüfung und leitete eine Käserei in Bütschwil. Nach einer Krankheit beschloss er mit 28 Jahren, sein Leben künftig dem Glauben zu widmen. Im März 2013 wurde er zum Abt der Abtei St. Otmarsberg gewählt. 

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