×

Donnergrollen am Kilchenstock in Linthal

Die Bevölkerung wird ob des Lärms aus dem Schlaf gerissen. Am Kilchenstock rumort es. Durch die Geerenrus stürzen tonnenschwere Felsbrocken zu Tal.

Martin
Meier
Donnerstag, 05. Oktober 2017, 04:30 Uhr Aus dem Schlaf gerissen
Nicht nur Geröll: Im Geschiebe-Rückhalteraum hat sich ein See gebildet.
MARTIN MEIER

Das Donnergrollen beginnt am Sonntagabend und dauert die ganze Nacht. Tonnenschwere Felsbrocken überschlagen sich in der Geerenrus. Der Kilchenstock predigt wieder einmal die Gefahr, die von ihm ausgehen kann. Und am Montag geht das Naturspektakel weiter. Gegen 16.20 Uhr schreckt ein weiterer Felssturz Leute auf. Augenzeuge wird auch Bergführer Hans Rauner. In Linthal ist der Kilchenstock Gesprächsstoff.

Auch das Wasser sucht sich seinen Weg. Vor dem alten, 1283 erbauten Kirchturm hat sich ein brauner See aufgestaut. Doch die Bevölkerung bleibt ruhig. Das bleiben selbst jene Leute, welche direkt unterhalb des Rutschgebiets wohnen. Man vertraut auf die Technik. Schliesslich werden die Geländeverschiebungen am Kilchenstock permanent mit einem Satellitennavigations-System überwacht. Zusätzlich existiert ein Geschiebe-Rückhalteraum, der 10 000 Kubikmeter fassen kann.

Auch Geologe Mark Feldmann beruhigt: «Eine Katastrophe wie in Bondo ist in Linthal nicht zu erwarten. Im Bergell stürzte Gesteinsmaterial auf einen Gletscher. Dabei wurde derart viel Energie freigesetzt, dass Teile des Eises schmolzen und die Schlammlawine auslösten.»

Befürchtungen eines Bergsturzes gab es schon früher

Schon Geologe Hans Schardt habe gesagt, dass es aufgrund dessen, wie die Schichten am Kilchenstock liegen, keinen einzelnen, grossen Bergsturz geben könne – sondern «nur» permanente Murgänge. Doch Schardts Vorgänger sagte ein ganz anderes Szenario voraus: «Eine fürchterliche Katastrophe ist so wahrscheinlich, dass Schweigen meinerseits mir als Verbrechen erschiene.» Das schrieb Albert Heim Mitte November 1930 dem Landammann des Kantons Glarus. Mit der Empfehlung: «Anordnung zur Räumung und Flucht.»

«Eine Katastrophe wie in Bondo ist in Linthal nicht zu erwarten.»

Drei Tage nach Heims Telegramm warnte die Glarner Regierung dann die Einwohner von Linthal und empfahl ihnen, «wertvolle Gegenstände in sichere Verwahrung zu geben und entbehrliche Mobilien bei Verwandten unterzubringen». Schliesslich waren 61 Häuser betroffen und 513 Menschen wurden evakuiert.

Die Katastrophe lieb glücklicherweise aus. Und Heim schrieb darauf an den Pfarrer von Linthal: «Warnt er nicht kräftig, und es kommt der Sturz unverhofft, so wird er beschuldigt. Warnt er sehr kräftig, so kann eine Panik entstehen. Und wenn es dann wieder etwas stille steht, so wird der Geologe, der Angst gemacht hat, furchtbar verdammt und beschuldigt, vielleicht sogar gerichtlich.»

Kommentar schreiben

Kommentar senden