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Endlich wird die blaue Post schön

Was ist das nur für ein Gezeter um das blaue Swisscom-Gebäude? Da werden Behördenmitglieder persönlich angegriffen, Stellungnahmen von Amtsinhabern gefordert und via Medien Stimmung gemacht.
Es ist eine gefährliche Tendenz, dass einige Verbände oder Vereine ihre Anliegen mittels massiver Einflussnahme über alle Kanäle durchzusetzen versuchen. Falls ihre Argumente nicht reichen, greifen sie zu Unwahrheiten. Und reicht das nicht aus, zielen Sie auf den Mann. Exekutive und Legislative sind vom Volk gewählt und entscheiden in dessen Sinne. So hat die Stadt entschieden, das Projekt der blauen Post aufzulegen. Da geht es nicht, dass einige selbst ernannte Beschützer der Ästhetik die Exekutive persönlich angreifen. Wo bleiben hier die demokratischen Werte?
Nun zur blauen Post: Die Metallfassade genügt den heutigen Ansprüchen nicht mehr. Dass bei dieser Sanierung endlich ein Schandfleck in der Churer Innenstadt durch eine ästhetisch sehr gelungene Lösung beseitigt wird, ist wünschenswert. Die Gebäudeschützer-Gilde begründet ihre Haltung damit, die blaue Post sei ein Zeitzeuge. Aber muss man alle Hässlichkeiten erhalten, nur weil sie mehr als ein paar Jahre alt sind?

Rainer Good
20.09.22 - 08:03 Uhr
Leserbrief
Ort:
Chur
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Als Direktor des S AM Schweizerischen Architekturmuseums bin ich verwundert über Reaktionen wie die von Herrn Good. Die Blaue Post ist alles andere als ein Schandfleck, nämlich ein elegantes und identitätsbildendes Gebäude für Chur und ein eindrucksvolles Beispiel für die Architektur dieser Zeit. Die Idee, die ikonische Metallfassade gegen austauschbare Glasfaserplatten auszutauschen, hätte einen völlig unnötigen kulturellen Gedächtnisverlust zur Folge, der Chur schaden würde. Wenn es um unser Gehirn geht, unternehmen wir alles Menschenmögliche, um Alzheimer zu bekämpfen. Genau sollten wir auch mit der Stadt tun. Städte sind kunstvolle Gebilde, die aus der baulichen Überlagerung unterschiedlicher Zeitschichten entstehen. Im Moment klauben wir mehr und mehr die Schicht der letzten Jahrzehnte aus dem baulichen Gewebe der Stadt. Die Ausdünnung dieser Schichten ist ein Verlust an Geschichte und Identität unserer Städte. Irgenwann werden sie flach und eindimensional.
Es gibt Alternativen zu dieser Wegwerfmentalität im Bauen. In Basel realisiert die Basler Kantonalbank gerade eine energetische Sanierung ihres Gebäude an der Dufourstrasse aus den 70er Jahren. Das Gebäude hat eine hochwertige Fassade aus silbern glänzenden Aluminiumpaneelen (die man in dieser Qualität heute gar nicht mehr bauen würde). Dessen eingedenkt wollte die Bank wollte die Fassade bewahren und folgte dem Vorschlag ihres Architekten David Vaner, die Fassade zu waschen, so wie man das mit Holzhäusern im Wallis bis heute macht, und anschliessend mit mehr Dämmung hintendrin wieder als Fassade einbauen. Dieses Projekt wird jetzt realisiert und soll als Prototyp für viele weitere gleichartige Sanierungen von Gebäuden mit ähnlichen Eigenschaften dienen. Dieser Ansatz könnte in Chur helfen, für die Blaue Post eine Lösung zu finden, die Klimaschutz und Denkmalschutz als zwei Seiten derselben Medaille begreift.