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Bündner berichtet über Rhodos: «Hunderte Menschen standen da und niemand wusste, wie es weitergeht»

Cyrill Rüegg aus Chur war nach Griechenland gereist, um Urlaub zu machen. Aus erholsamen Ferien wurde allerdings nichts. Er erlebte hautnah die Brände auf der Insel mit und war Teil von Evakuierungen.

Anna
Panier
28.07.23 - 17:37 Uhr
Ereignisse

von Andrea Sabadi und Anna Panier

Die sonst idyllische Ferieninsel Rhodos hat sich in den letzten Tagen in eine wahre Flammenhölle verwandelt. Im beliebten Touristendomizil lodern seit rund einer Woche verheerende Brände. Mehrere Hotels und Pensionen mussten evakuiert werden. Die griechischen Behörden sprachen von fast 20’000 Evakuierten an einem Wochenende.

Unter den zahlreichen Menschen, die vor dem Feuerinferno flohen, befand sich auch der Bündner Cyrill Rüegg. Der 26-Jährige besucht von Kindheit an die griechische Insel und wollte auch in diesem Sommer eine Woche Ferien gemeinsam mit seiner Freundin auf Rhodos verbringen. Aus der langersehnten Erholung wurde jedoch nichts. «Schon auf dem Weg vom Flughafen in die Unterkunft stieg ein Geruch nach leicht Verbranntem in die Nase. Dieser verschwand aber gleich wieder und wir haben uns erst mal nichts dabei gedacht», erzählt der Churer im Interview mit Radio Südostschweiz.

Das Paar habe entsprechend gut gelaunt und mit freudiger Ferienstimmung im Hotel eingecheckt. Am nächsten Morgen hätten die beiden beobachten können, wie in der Ferne Rauch Richtung Meer gezogen sei. «Wir haben uns beim Hotelpersonal erkundigt, was los ist. Es hiess dann aber nur, der Brand sei weit weg und alles sei in Ordnung.» In der Folge machten sich die Bündner Feriengäste keine weiteren Gedanken mehr. 

Dankbar über die heile Rückkehr: Cyrill Rüegg aus Chur war mit seiner Freundin auf Rhodos in den Ferien, als sie wegen der Waldbrände evakuiert werden mussten. 
Dankbar über die heile Rückkehr: Cyrill Rüegg aus Chur war mit seiner Freundin auf Rhodos in den Ferien, als sie wegen der Waldbrände evakuiert werden mussten. 
Bild Olivia Aebli-Item

Alarm aus dem Nichts gekommen

Ab dem zweiten Ferientag kippte die ausgelassene Stimmung. «Als wir am Freitag aufgestanden sind, sahen wir Asche auf dem Boden und auf den Liegestühlen, vergleichbar mit einer Staubschicht», erklärt der Churer und fügt an: «Wir haben erneut beim Hotelpersonal nachgefragt, aber wieder hiess es, alles sei in Ordnung, der Brand sei weit weg und die Asche sei wegen des Windes hergetragen worden.» Das Paar versuchte, darauf zu vertrauen. Am Samstag unternahmen die beiden sogar noch einen Ausflug nach Lindos, um die dortige Akropolis anzuschauen. «Am Mittag fuhren wir mit unserem Mietauto zum Hotel zurück. Auf dem Weg kreuzten wir haufenweise Feuerwehrautos. Der Rauch war zudem bereits wirklich extrem. Als wir im Hotel ankamen, haben wir natürlich direkt wieder nachgefragt, erhielten aber dieselbe Antwort wie schon zuvor.»

Zu diesem Zeitpunkt war aber schon lange nicht mehr alles in Ordnung. Die Flammen waren gemäss Rüegg vom Hotel aus bereits zu sehen. «Etwas in uns sagte, wir müssten hier raus», betont Rüegg. Er und seine Freundin hätten deshalb in einer Hau­ruck­ak­ti­on ihre Koffer gepackt und sich noch für alle Fälle Wasser an der Hotelbar geholt. Etwa zeitgleich erhielten die Feriengäste auf ihren Handys einen Evakuierungsalarm der Regierung. Wenig später sei auch der Alarm im Hotel losgegangen, berichtet der Bündner.

Während der Evakuierung: Am Strand sind Rauchwolken eines Waldbrandes zu sehen. 
Während der Evakuierung: Am Strand sind Rauchwolken eines Waldbrandes zu sehen. 
Bild Keystone 

Danach ging alles ganz schnell. «Alle Hotelgäste sind raus aus dem Hotel. Viele von ihnen hatten anders als wir kein Gepäck bei sich, manche waren zum Zeitpunkt des Alarms am Strand oder sonst irgendwo im Hotel. Wir mussten alle dem Strand entlang laufen, bei 45 Grad.» Schlussendlich seien die evakuierten Hotelgäste fast zehn Kilometer gelaufen, ohne einen richtigen Plan. «Es war wirklich ein riesiges Chaos, niemand wusste wohin und das Hotelpersonal war ab einem gewissen Punkt auch nicht mehr da. Es war wie im Film. Der Rauch stieg in den Himmel, viele zogen sich die T-Shirts über das Gesicht und die Augen haben gebrannt», so Rüegg.

Eindrücke vor Ort: Während der Evakuierung war das Feuer bereits deutlich zu sehen. Video Cyrill Rüegg

Ungewisse Stunden für die Evakuierten

Nach knapp zweieinhalb Stunden erreichten die Geflohenen ein anderes Hotel, das ihnen Unterschlupf bot. Erst einmal schien das Schlimmste überstanden, wie Rüegg schildert. «Wir erhielten Wasser und konnten durchatmen, soweit war also zunächst alles in Ordnung.» Rund sechs Stunden verbrachten Rüegg, seine Freundin und die anderen Hotelgäste in der Unterkunft, bis dann auch dieses Hotel evakuiert werden musste. Polizisten seien im Hotel erschienen und hätten immer wieder zum Himmel geschaut. «Sie haben untereinander diskutiert und gestritten. Wahrscheinlich, weil niemand genau wusste, was zu tun ist», schätzt der Bündner die Situation rückblickend ein. 

Als es schon langsam Abend wurde, leitete das Militär die Evakuierung ein. Erneut wussten die Feriengäste laut Rüegg nicht, wohin es gehen oder was mit ihnen geschehen würde. «Militärlastwagen brachten uns zu einem grossen Parkplatz, wo wir aussteigen mussten. Uns wurde nur gesagt, dass wir hier sicher sind.» Immer wieder hätten Trucks beim Parkplatz gehalten und neue Menschen seien ausgestiegen, bis irgendwann kein Militär und auch keine Polizei mehr zu sehen gewesen sei. «Hunderte Menschen standen da und niemand wusste, wie es weitergeht. Irgendwann waren zudem die Behörden nicht mehr da. Das Chaos war riesig», so der Bündner.

Weg von den Bränden: Tausende evakuierte Feriengäste wurden am Wochenende vom 22. Juli aus dem Bereich der Feuer gebracht.
Weg von den Bränden: Tausende evakuierte Feriengäste wurden am Wochenende vom 22. Juli aus dem Bereich der Feuer gebracht.
Bild Keystone

Er selbst habe während der ungewissen Stunden mehrmals versucht, seinen Reiseveranstalter in der Schweiz zu erreichen. Erfolglos, wie Rüegg sagt. «Von den über hundert Anrufen wurde lediglich einer beantwortet. Die Mitarbeitende hat uns versichert, dass jemand zurückruft. Das ist aber nie geschehen.» Das Verhalten des Reiseveranstalters kann Rüegg trotz der Notsituation vor Ort teilweise nachvollziehen. «Niemand war auf so eine Situation vorbereitet. Für uns Menschen, die auf diesem Parkplatz stehen gelassen wurden, war es aber einfach nur schlimm.»

Mitten in der Nacht mit dem Boot Richtung Norden

In der Nacht wurden die Geflüchteten schliesslich vom Parkplatz aus mit einem Boot abgeholt und in den Norden in die Hauptstadt Rhodos gebracht. «Wir haben die ganze Nacht auf diesem Boot verbracht und sind erst um 6 Uhr morgens angekommen», berichtet der Bündner weiter. Noch vom Boot aus konnte er Linienbusse erkennen. Da diese nur auf Griechisch angeschrieben waren, wusste von den geflohenen Hotelgästen niemand, wo diese hinfuhren. «Ich habe deshalb nochmals bei unserer Reiseleitung angerufen und wir haben die Antwort erhalten, dass die Busse die Evakuierten zu Notunterkünften wie Schulhäusern und Turnhallen bringen würden.»

Für Rüegg und seine Freundin stand schnell fest, dass sie bei der Hitze nicht in einer Notunterkunft warten wollten. Sie buchten – noch bevor sie von Bord gingen – kurzerhand ein Hotelzimmer in Rhodos-Stadt. Eines der letzten verfügbaren, wie Rüegg erklärt. Nachdem das Paar an Land gegangen war, kam der nächste Schreckmoment: Die Koffer der beiden waren spurlos verschwunden. «Als wir uns danach erkundigt haben, hiess es nur, dass die Koffer im Moment nicht das grösste Problem seien.» Auch dafür hat der junge Bündner Verständnis: «Alle waren im Stress. Es war eine Ausnahmesituation. Dass dann ein Koffer keine Priorität hat, verstehe ich.» 

Riesige Feuerfront: Ein Löschflugzeug wirft Wasser ab, um einen Flächenbrand im Gebiet Aghios Charalambos zu löschen.
Riesige Feuerfront: Ein Löschflugzeug wirft Wasser ab, um einen Flächenbrand im Gebiet Aghios Charalambos zu löschen.
Bild Keystone

Mehrkosten für die Sicherheit in Kauf genommen

Das Paar versuchte, das Beste aus der Situation zu machen. Anstelle des eigentlich gebuchten Rückflugs am Mittwoch buchte es selbstständig für den Montag einen Flug in die Schweiz und hielt sich so lange im neuen Hotel auf. «Am Montagmorgen hat unser Reiseveranstalter uns noch vor Ort angerufen und von einem Spezialflug für Evakuierte in der Nacht auf Dienstag erzählt. Da wir schon eigenständig einen Flug gebucht hatten und auch schon eingecheckt waren, lehnten wir das Angebot ab.» Auch die reservierten Plätze des ursprünglichen Flugs von Mittwoch gaben die beiden frei. 

Den zusätzlichen Flug und die gebuchte Unterkunft in Rhodos-Stadt bezahlte das Paar aus der eigenen Tasche. «Finanziell gesehen haben wir alles selber übernommen. Hinzu kommen unsere verschwundenen Koffer», sagt Rüegg und ergänzt: «Für uns hatte das Finanzielle vor Ort nie Priorität.» Rüegg empfindet es nach wie vor als wichtiger, dass ihnen nichts zugestossen ist. 

Bleibende Bilder im Kopf

Seit Montag sind er und seine Freundin zurück in der Schweiz, wo er sich auch ärztlich durchchecken liess, um etwa Schäden an der Lunge auszuschliessen. Dem 26-Jährigen geht es gesundheitlich gut, doch das Erlebte sei aktuell noch schwer greifbar. «Im Moment fühle ich mich noch wie in einem Schockzustand. Ich schlafe beispielsweise nicht schlechter und es beschäftigt mich auch nicht gross, aber es ist schwierig zu beschreiben, wie ich mich fühle.» Mit Sicherheit trage das Erlebnis dazu bei, dass der junge Bündner in naher Zukunft andere Feriendomizile bevorzuge. «Seit ich fünf Jahre alt bin, reise ich jedes Jahr nach Griechenland. Durch die neusten Erfahrungen hat das aber erst mal ein Ende.»

Mehrere Regionen stehen in Flammen: Ein Haus brennt während eines Waldbrandes im Dorf Sesklo in Volos im östlichen Mittelgriechenland.
Mehrere Regionen stehen in Flammen: Ein Haus brennt während eines Waldbrandes im Dorf Sesklo in Volos im östlichen Mittelgriechenland.
Bild Keystone 

Wenn Rüegg jetzt zurück in der Heimat an die Erlebnisse in Rhodos denkt, hat er vor allem die Bilder von verzweifelten Familien im Kopf. «Kinder und Familien gesehen zu haben, die hilflos waren und keinen Ausweg sahen, das ist für mich auf jeden Fall das Prägendste.» Obwohl sich der Bündner die Ferien anders ausmalte, lässt er keinen Platz für Ärger: «Das Allerwichtigste ist doch, das wir gesund zurück sind.»

Anna Panier arbeitet als redaktionelle Mitarbeiterin bei Online/Zeitung und Social Media. Sie absolvierte ein Praktikum in der Medienfamilie Südostschweiz und studiert aktuell Multimedia Production im Bachelor an der Fachhochschule Graubünden in Chur. Mehr Infos

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Naja jetzt will halt jeder dazu etwas sagen und die Medien sind froh um jeden Fisch den sie hin gescjmissenn bekommen wie ein Hündchen eine Wurst. Hatten gerade einen Grosdbrand in Brugg und es ist immer tragisch. Als Feuerwehrmannnin in der Firma muss ich nicht über Rhodos erzählen, hier passiert genug.

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