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Musiksnobs und Murmelrap

David
Eichler
16.03.22 - 16:30 Uhr
Selbstdefinition über den Musikgeschmack: Einige Platten aus der Sammlung des Autors.
Selbstdefinition über den Musikgeschmack: Einige Platten aus der Sammlung des Autors.
Bild David Eichler

«OK Boomer» versus «Wa hesch denn du scho erlebt du huere Banane?» Im Blog «Zillennials» beleuchten die Vertreterin der Generation Z, Nicole Nett, und der Millennial David Eichler in loser Folge aktuelle Themen. Im Idealfall sorgen die beiden damit für mehr Verständnis zwischen den Generationen. Minimal hoffen sie, für etwas Unterhaltung, Denkanstösse und den einen oder anderen Lacher zu sorgen.

Seid ihr auch davon überzeugt, über einen vorzüglichen Musikgeschmack zu verfügen? Es ist doch so: Man erarbeitet sich über viele Jahre eine innere Playlist mit der favorisierten Musik. Man entdeckt neue Musik. Die Playlist wird angepasst und ergänzt. Manchmal verirrt sich die eine oder andere Peinlichkeit darauf. Entweder bleibt sie eine «Guilty Pleasure» oder sie verschwindet irgendwann wieder aus den mentalen Airplay-Charts.

Mit den Jahren erarbeiten wir uns eine Auswahl an Liedern, die wir für uns mit dem Prädikat «gut» versehen haben. Wie die Tracks ihren Weg in unsere Playlist gefunden haben, ist noch viel individueller. Umfeld, Zeitgeist, Charts und vor allem Erinnerungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Bei aller Individualität gibt es ein paar Songs, die wohl in den allermeisten Playlists zu finden sind.

Die amerikanische Zeitschrift «Rolling Stone» hat 2004 eine Liste mit den 500 besten Liedern aller Zeiten veröffentlicht. Es gab heftige Kontroversen. 2010 wurde die Liste angepasst. Es gab heftige Kontroversen. Den einen war Hip-Hop zu wenig vertreten, den anderen fehlte die moderne Popmusik. Musikgeschmack ist sehr individuell, und wer für sich in Anspruch nimmt, guten Musikgeschmack definieren zu können, muss Kritik einstecken. Es gibt übrigens auch eine Liste mit den schlechtesten Songs der Welt. Neben Rebecca Blacks Song «Friday» ist Alison Gold mit «Chinese Food» mein Lowlight.

Wir definieren uns gerne über unseren Musikgeschmack und erlauben es uns, denjenigen anderer zu bewerten. Gerne auch den jüngerer Generationen. Irgendwann erreichen wir ein Alter, in dem wir die aktuelle Musik in den Charts nicht mehr verstehen – ganz nach dem Motto «Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht». Da nehme ich mich nicht aus. Ich kann mit vielem, was aus der heutigen Deutschrap-Ecke kommt, einfach nichts anfangen.

Ähnlich geht es mir mit murmelnden Rappern aus dem englischsprachigen Bereich. Die klingen für mich alle gleich.

Mit dem Alter entwickeln wir einen mehr oder minder ausgeprägten Musiksnobismus. Das ist okay. Dabei verurteilen wir moderne Musik und schwadronieren darüber, dass Musik früher tiefgründiger war und es heute keine Tracks mit tieferer Botschaft mehr gibt. Irgendwann erreicht man den Moment, in dem man die aktuellen Charts einfach nicht mehr versteht oder verstehen will.

Dabei sollten wir uns aber auch an der eigenen Nase nehmen. War denn früher wirklich alles besser? Befindet sich in unserer inneren Playlist tatsächlich nur tiefgründige Musik mit einer sinnstiftenden Botschaft?

Finden wir nur Musik geil, die anprangert und sich Veränderungen wünscht?

Hören wir nur Musik, die uns erschaudern lässt und nachdenklich macht?

Die Welt ist oft Anlass dafür, uns als Menschheit selbst zu hinterfragen und uns nachdenklich zu machen. Diese Nachdenklichkeit manifestiert sich auch in grosser Musik. Sollten wir unsere Tiefgründigkeit und unsere Fähigkeit zur Reflexion alleine darauf reduzieren, wie deep, real und nachdenklich unser Musikgeschmack ist? Kokolores!

Musik lebt und sie spiegelt unser Leben wider. Musik muss nicht permanent den Mahnfinger erheben und uns zu besseren Individuen machen. Musik schafft Erinnerungen, die auch süffig, flach und unterhaltsam sein dürfen. Musik darf uns gerne auch einfach nur unterhalten und dafür sorgen, dass es uns besser geht.

Nichtsdestotrotz gibts zum Abschluss 20 Minuten der Musikgeschichte, die mich unterhalten, zu Tränen rühren, nachdenklich machen und dafür sorgen, dass es mir etwa besser geht.

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