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Studierende sind auch Menschen – Erkenntnisse eines Studienleiters

Fachhochschule
Graubünden
27.04.22 - 07:40 Uhr

An der Fachhochschule Graubünden wird ausgebildet und geforscht. Über 2000 Studierende besuchen Bachelor-, Master- und Weiterbildungsstudiengänge. In diesem Blog geben Studierende, Dozierende und Mitarbeitende Einblicke in den Hochschulalltag und in Themen, welche sie gerade beschäftigen.

Die Studierenden der Betriebsökonomie zeichnen sich durch ihre Fach-, Sozial-, Management- und Methodenkompetenzen aus und sind in der Lage, Ideen und Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. Im Studium geht es um die Aneignung und Anwendung von Know-how, Methoden und Techniken. Dank vielen Aufträgen von externen Unternehmen lernen die Studierenden, das erworbene Wissen praxisorientiert anzuwenden und praxisrelevant umzusetzen.

In den Soft-Skills-Modulen steht der Mensch im Mittelpunkt. Es geht um den Umgang mit sich selbst und mit anderen, um weiche Faktoren wie Selbsterkenntnis, Gefühle, Vertrauen oder Wertschätzung. Im Modul Psychologie setzen sich die Studierenden vertieft mit ihrem Menschenbild auseinander, mit ihrem eigenen Wesen und ihren persönlichen Werten.

«Stellen Sie sich selbst mit einem Selbstportrait dar. Berücksichtigen Sie folglich in Ihrem Werk, was Sie besonders kennzeichnet, was Ihre Persönlichkeit ausmacht, was Sie geprägt hat, Ihren Beruf, Ihre Hobbies oder die Lebenssituation, in der Sie sich gerade befinden. Schreiben Sie anschliessend einen kurzen Kommentar zu Ihrem Selbstporträt. Erläutern Sie darin kurz, wie dieses zu deuten ist und weshalb Sie sich für diese Form der Darstellung entschieden haben.» So lautete der Auftrag im Rahmen der Blockwoche Psychologie vom Januar 2022.

Die besten Selbstportraits wurden prämiert. Ich war Mitglied der Jury und bin bei der Selektion der besten Selbstportraits wie folgt vorgegangen. Zuerst habe ich das Studentenfoto der Studentin bzw. des Studenten angesehen und mir Gedanken darüber gemacht, wie ich die Person im Unterricht bisher wahrgenommen habe. Danach habe ich den Kommentar aufmerksam gelesen und zum Schluss das Selbstportrait betrachtet. Ich war tief beeindruckt von den Geschichten meiner Studierenden: ein Potpourri aus Emotionen, Ängsten, Wünschen, Erfahrungen und Träumen.

In jedem Bericht habe ich Werte, Wünsche oder Ziele entdeckt, die auch für mich relevant sind. Diese habe ich aufgeschrieben und mir dazu vertieft Gedanken gemacht. Wie vielen Studierenden sind auch mir Familie und Freunde sehr wichtig. Auch ich komme aus einer sprachlich/kulturell anderen Region und habe ab und zu Schwierigkeiten, die verschiedenen Werte und Traditionen miteinander in Einklang zu bringen. Auch ich fühle mich nirgends richtig zu Hause. Die Ziele und Wünsche im privaten und beruflichen Umfeld klaffen manchmal ebenfalls stark auseinander. Die zeitlichen Ressourcen für Sport, Musik und Literatur müssen mit dem beruflichen Engagement abgestimmt werden. Oft sind Kompromisse nötig und schwere Entscheidungen müssen getroffen werden.

Die Studierenden beschäftigen sich auch mit philosophischen und religiösen Fragen. Einige sind mit Schicksalsschlägen konfrontiert worden, manche finden in der Familie, im Glauben oder in sich selbst Halt und Kraft. Viele stellen sich vor, wie ihre Zukunft konkret aussehen wird.

Die Portraits und die Berichte haben mir gezeigt, wie vielfältig und facettenreich die Persönlichkeiten sind, die Woche für Woche zu uns in den Unterricht kommen. Die Studierenden können Vertrauen und Offenheit zeigen, sind in der Lage, sich selbst zu analysieren, zu reflektieren und das Ergebnis dieses Prozesses auf beeindruckende Weise in einem Selbstportrait künstlerisch festzuhalten. Damit haben sie gezeigt, wie wertvoll und reif sie sind. Mit ihren Werken haben sie mir einen tiefen Einblick in ihre Seele gewährt.

Für diese bereichernde Erfahrung danke ich ihnen herzlich.

Fulvio Bottoni ist Studienleiter des Bachelor-Studiengangs Betriebsökonomie sowie Dozent für Rechnungswesen, Finanzmanagement, Banking und Controlling. 

 

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