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Regionalförderung durch digitale Vertriebsnetzwerke für regionale Produkte

Fachhochschule
Graubünden
03.05.22 - 11:44 Uhr
Nico Tschanz.
Nico Tschanz.

An der Fachhochschule Graubünden wird ausgebildet und geforscht. Über 2000 Studierende besuchen Bachelor-, Master- und Weiterbildungsstudiengänge. In diesem Blog geben Studierende, Dozierende und Mitarbeitende Einblicke in den Hochschulalltag und in Themen, welche sie gerade beschäftigen.

von Nico Tschanz

Regionale Produktion, regionale Produkte und Direktvertrieb sind starke, internationale Trends mit Wachstum im zweistelligen Bereich. Frisches Gemüse, Spezialitäten, Fleisch und Käse aus der Region erleben einen Boom. Auch Non-food-Produkte, ebenfalls aus nachhaltiger Produktion und von hoher Qualität aus Berg- und Randregionen, finden grossen Anklang.

Neue Angebote auf Basis digitaler Plattformen sind in der jüngeren Vergangenheit mehrere an den Start gegangen. Im Vordergrund stehen Spezialitäten einerseits und Produkte der regionalen Grundversorgung anderseits. Bei den Spezialitäten und im Non-food-Bereich ist der Markt geographisch fast unbegrenzt. Bei den Produkten der Grundversorgung setzen ihre Haltbarkeit und der Transport gewisse Grenzen. Dank des Internets werden jedoch neue Vertriebs- und Geschäftsmodelle sowie Koordinationsmechanismen möglich. Aufgrund der verhältnismässig niedrigen Kosten von Software und digitalem Netzwerk werden sie auch wirtschaftlich.

Die Digitalisierung ist dafür aber bloss die Möglichmacherin. Die globalen Trends und der rasche gesellschaftliche Wertewandel sind entscheidend. Allen voran das gestärkte ökologische Bewusstsein und der Trend zu gesunder Ernährung. Kundinnen und Kunden wollen verantwortungsvoll hergestellte Produkte guter Qualität und sie sind bereit, einen fairen Preis dafür zu zahlen. Verstärkt wurde dies durch die Corona-Pandemie: digitale Mittel werden intensiver genutzt und die Lebensqualität ausserhalb grosser Agglomerationen wurde wiederentdeckt. Wirtschaftliche und politische Krisen sind weitere Gründe, warum vielfältige regionale Produktion und kurze Wege wohl keine vorübergehenden Trends sind.   

Ein aktuelles Beispiel aus dem Bereich Nahrungsmittel und Grundversorgung, das die Chancen der Stärkung der regionalen Produktion ins Visier nimmt, ist Stizun Lumnezia (www.stizun-lumnezia.ch), das in Zusammenarbeit mit der FH Graubünden entwickelt wurde. Das Konzept ist in mehrfacher Hinsicht innovativ. Produkte einer Vielzahl von Produzierenden werden zusammengeführt. So können auch Gastrobetriebe oder der Detailhandel regelmässig beliefert werden. Sehr spannend ist dabei, dass die Wertschöpfung mehr als zuvor in der Region bleibt und potenziell sogar gesteigert werden kann. Stizun Lumnezia bietet Dorfläden in Bündner Tälern eine Unterstützung für deren nachhaltige Perspektive, indem sie einige Aufgaben wie Verpackung und Logistik übernehmen. Es wird nicht nur die eigene Vertriebskraft genutzt. Es werden auch Partnerschaften zu bestehenden digitalen Vertriebskanälen angestrebt, um die regionalen Produkte auf möglichst viele interessante Plattformen von Dritten zu bringen. Einzelne Produzierende könnten diese Vielfalt selbst nicht managen. In kleinen Bergdörfern kann so ein Stück Dorfleben erhalten bleiben.

Gerade für Graubünden bieten diese digitalen Geschäftsmodelle vielfältige Chancen der Entwicklung und Stärkung der Regionen. Um diese packen zu können, braucht es eine digitale Infrastruktur als Grundlage und vor allem eine vielfältige Unterstützung – ein Ökosystem für Innovation, wie man heute sagt. Graubünden hat da sehr gute Karten. Im Kanton besteht bereits ein beachtliches Netzwerk von Akteuren und Kompetenzen, welche Innovationen oder Startups aktiv unterstützen; sei dies durch Finanzierung, durch Bildung, Innovationszentren oder durch Fördermittel wie GRdigital.

«Tut bien, Stizun Lumnezia!», stellvertretend für viele Projekte im Kanton. Man darf gespannt sein, welche Chancen der innovative Unternehmergeist Graubündens noch packen wird.

Nico Tschanz ist Dozent am Schweizerischen Institut für Entrepreneurship und Leiter KMU-Zentrum Graubünden. Alle vier Wochen diskutiert die Fachhochschule Graubünden an dieser Stelle aktuelle Themen aus Lehre und Forschung.

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