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Der grösste Wirt­schafts­sek­tor ist die Care-Arbeit. Warum wir uns nicht nicht-kümmern können.

Fachhochschule
Graubünden
14.06.22 - 13:36 Uhr
Die unsichtbare Stütze: Frauen leisten oft Arbeit, die durch alle Statistiken fällt.
Die unsichtbare Stütze: Frauen leisten oft Arbeit, die durch alle Statistiken fällt.
Pressebild

An der Fachhochschule Graubünden wird ausgebildet und geforscht. Über 2000 Studierende besuchen Bachelor-, Master- und Weiterbildungsstudiengänge. In diesem Blog geben Studierende, Dozierende und Mitarbeitende Einblicke in den Hochschulalltag und in Themen, welche sie gerade beschäftigen.

Nach dem ersten schweizweiten Frauenstreik am 14. Juni 1991 fand 28 Jahre später, am 14. Juni 2019 der zweite landesweite Streik von Frauen statt. Dieser war u. a. eine Reaktion auf die 2018 verabschiedete Revision des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann von 1996. Denn diese sah keine Sanktionen bei Nichteinhaltung der Lohngleichheit in Unternehmen, welche Lohngleichheitsanalysen durchführen müssen, vor. So lautete das Motto vom Frauenstreik 2019 «gleicher Lohn für gleiche Arbeit», der Kampf gegen Gewalt an Frauen sowie die Anerkennung der Familien- und Hausarbeit, die eine grosse Bedeutung für die Gesellschaft und deren Wohlstand haben.  

Care-Arbeit bildet das Rückgrat der Wirtschaft und Gesellschaft

Nach wie vor gibt es in der Schweiz Defizite bei der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Familie sowie am Arbeitsplatz; insbesondere bezüglich Lohngleichheit (durchschnittlich verdienten Frauen im Jahr 2018 etwa 18% weniger als Männer) und Durchmischung in Führungspositionen. Auch Wunsch und Wirklichkeit in Bezug auf die Vereinbarkeit von Erwerbs-, Familien- und Hausarbeit liegen nach wie vor auseinander. Die ökonomische Bedeutung der unbezahlten Familien- und Hausarbeit ist gross: 9,2 Milliarden Stunden sind im Jahr 2016 in der Schweiz unbezahlt gearbeitet worden. Das ist mehr als für bezahlte Arbeit aufgewendet wurde (7,9 Milliarden Stunden). Der totale Wert der unbezahlten Arbeit in der Schweiz beläuft sich auf 404 Milliarden Schweizer Franken, wovon rund 246 Milliarden Schweizer Franken (61%) von Frauen geleistet werden.  Dieses Volumen der Care-Ökonomie ist beachtlich! Dennoch wird diese Arbeit nicht im BIP ausgewiesen.

Während der Pandemie rückte die Care-Arbeit in den Vordergrund und bezahlte Tätigkeiten in Spitälern, aber auch unbezahlte Arbeiten zu Hause wurden sichtbarer. Dabei zeigte sich die Fragilität unseres Wirtschaftssystems, denn nicht nur Lieferketten wurden unterbrochen: die Schliessung der Care-Infrastruktur (Schulen, Kitas etc.) hatte zur Folge, dass die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Care-Arbeit stark erschwert war. Pandemiebedingt blieben im Frühling 2020 Schulen und Betreuungsinfrastrukturen in der Schweiz eine Zeit lang geschlossen, wodurch viele Eltern plötzlich viel mehr Zeit für die Betreuung ihrer Kinder aufwenden mussten. Dies hatte zur Folge, dass viele ihr Erwerbspensum reduzierten. Besonders stark davon betroffen waren Frauen. Zudem zeigte sich, dass je höher das Haushaltseinkommen ist, sich die geschlechtsspezifische Rollenteilung umso mehr akzentuierte. Besserqualifizierte waren den Veränderungen in der Vereinbarung von Erwerbs- und Privatleben vermehrt ausgesetzt, da die weggefallene externe Kinderbetreuung sie besonders stark traf. Hingegen entlastete sie auch die höhere Flexibilität durch die neuen Optionen des Ausweichen ins Homeoffice. Für Geringverdienende hat sich aufgrund der zusätzlichen Betreuungsaufgaben für Kinder das Gefühl der Überlastung besonders verstärkt, da finanzielle Existenzängste und oft enge Wohnverhältnisse dazukamen. Erste Studien zeigen Belege dafür, dass die zusätzliche Care-Arbeit während der Pandemie weltweit überproportional von Frauen übernommen wurde. Gleichzeitig hat die Krise das Bewusstsein dafür geschärft, dass der Arbeitsmarkt nicht unabhängig von den überwiegend in den Haushalten geleisteten Haus- und Familienarbeit modelliert werden kann, sondern die Verknüpfungen zwischen den beiden Sektoren stets mitzudenken ist.

Die Care-Ökonomie ist der vierte und grösste Wirtschaftssektor. Trotzdem ignoriert unser Wirtschaftssystem die Rolle der Hausarbeit und Familie, der Sorgearbeit oder wird diese sogar schlicht als gegeben vorausgesetzt?  

Ein Kind zur Welt bringen, es ernähren und grossziehen; saubere Kleidung, Nahrung und Pflege für Erwachsene - das alles geschieht nicht wie von Zauberhand. Es ist Arbeit, welche von einem oder mehreren Menschen verrichtet werden muss. Gerade diese Arbeit wirft andere ökonomische Fragen auf als etwa die industrielle Güterproduktion oder Finanzdienstleistungen. Denn ein Kind kann nicht schneller gepflegt oder aufgezogen werden als dies bei der Optimierung und Erhöhung der produzierten Stückzahl bei z. B. Kleidung möglich ist. Die Ökonomin Mascha Madörin fasst die zeitintensive personenbezogene und haushaltsnahe Arbeit im Sektor der Sorge- und Versorgungswirtschaft zusammen (vgl. Abbildung 1). Ihrer Theorie zufolge umfasst dieser vierte Wirtschaftssektor ein breites Spektrum, welches vom Detailhandel über die Gastronomie, der unbezahlten Haus- und Familienarbeit bis hin zum Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen reicht. In diesem Sektor arbeiten Frauen überproportional viel unbezahlt und (schlecht) bezahlt. Durchschnittlich mehr als 80% ihrer Arbeitszeit verbringen diese Frauen in der Sorge- und Versorgungswirtschaft.

Die Sorge- und Versorgungsleistungen sind jedoch für die gesamte Gesellschaft und Wirtschaftspolitik relevant. In der Schweiz macht dieser vierte Wirtschaftssektor über 70% aller geleisteten Arbeit aus und trägt somit erheblich zu Lebensstandard, Wohlstand und Wohlbefinden bei.

Die Nachteile der geleisteten unbezahlten, aber auch niedrig bezahlten Care-Arbeit betreffen also insbesondere Frauen, da sie vorwiegend in diesen Bereichen tätig sind. Frauen verfügen dadurch und durch die in unbezahlte Care-Arbeit umfangreich investierte Zeit insgesamt über 100 Milliarden Franken weniger Einkommen als Männer. Demgegenüber zeigen die genannten Zahlen jedoch, dass unsere Wirtschaft und der Wohlstand nur dank dieser Care-Arbeit möglich sind.

«Die von Frauen im Haushalt verrichteten Tätigkeiten bilden zwar neben der Lohnarbeit die Grundlage für den Kapitalismus, gelten aber als ungelernt und minderwertig. [...] Die Arbeit der Hausfrau erscheint als persönliche Dienstleistung, ausserhalb des Kapitals. [...] Das heisst, der Lohn kommandiert mehr Arbeitsleistung, als die Tarifverträge in der Fabrik erkennen lassen.»
(Bettina Haidinger, Käthe Knittler, Feministische Ökonomie, 2019)

Anerkennung, Aufwertung und Vereinbarkeit der Care-Arbeit

Angesichts ihrer Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft sollte unbezahlte als auch bezahlte Care-Arbeit in wirtschaftlichen und sozialpolitischen Überlegungen mehr Beachtung finden. Es braucht ein Umdenken und «Umhandeln»: Dazu ein internationaler Vergleich: In nordischen Ländern liegen die Ausgaben für Familien und Kinder bei rund 3.1 % des Bruttoinlandproduktes, in der Schweiz bei 0.2%. Familienpolitik wird in den skandinavischen Ländern wie Schweden und Norwegen längst auch als Wirtschaftspolitik begriffen, was sich positiv auf Erwerbsbiografien und die Geburtenrate auswirkt.

Ebenso ist die Wichtigkeit und die Herausforderungen der Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Berufstätigkeit durch die Pandemiesituation noch stärker in den Fokus gerückt. Um Care-Arbeit für alle Elternteile und betreuenden Personen zu ermöglichen, sind neben optimierten Rahmenbedingungen neue Konzepte nötig. Davon profitiert wiederum die Wirtschaft in Anbetracht der besseren Ausnutzung des Fachkräftepotentials angesichts des Mangels an Fachkräften und die Gesellschaft in der Gewährleistung eines nachhaltigen Wohlstands.   


 

Neue Wege des Wirtschaftens und Arbeitens

Ein umfassendes, nachhaltiges und chancengleiches Wirtschaftssystem muss fürsorglich mit dessen gesamter Produktivität umgehen – das geht nur, wenn Arbeiten umfassend verstanden wird und nicht nur Mittel zum Profit ist. Es braucht Arbeitskonzepte, welche eine nachhaltige Entwicklung für menschliche und natürliche Lebenszwecke ermöglichen. Solche Konzepte sollten daran gemessen werden, ob sie Arbeit umfassend begreifen, ob sie einen gesellschaftlichen und chancengerechten Integrationsmodus für alle entfalten und ob Arbeiten zu einem fürsorglichen Umgang mit menschlichem und natürlichem Leben führt. Es gibt bereits eine Vielzahl an Konzepten, welche solche neuen Arbeitswelten entwerfen. Ob eine verkürzte Vollzeit à la 4-Tage Woche, eine Halbtagesstruktur (gearbeitet wird halbtags, um Zeit für unbezahlte Arbeit freizusetzen) oder die Vier-in-Einem-Perspektive (sie orientiert sich an einer gerechten Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen, wobei für jeden dieser Bereiche je 4 Stunden pro Tag aufgewendet werden) etc. Sie alle bedingen neues zu lernen und Gewohnheiten zu reflektieren.

Durch die Pandemiesituation ist die gesellschaftliche Bedeutung von Care-Arbeit sichtbarer geworden und es konnten neue Arbeitsformen ausprobiert werden. Diese Erfahrungen sind eine Chance neue Arbeitskonzepte zu gestalten. Es braucht gesellschaftliche Debatten, um das wirtschaftliche Handeln umfassender zu begreifen und dessen Zweck nachhaltig weiterzuentwickeln. Die Diskussionen um Care- und Gemeinwohlökonomie sind dabei vielversprechende Ansätze.

 

Weitere Informationen und Literaturhinweise zum Thema:

Artikel «In zwei Währungen rechnen: Zeit und Geld.» In diesem Artikel schreiben Mirjam Aggeler und Anja Peter von Economiefeministe über das unvollständige Bild der Wirtschaft - und Lösungen, sie an weibliche Bedürfnisse anzupassen.

Tipps für Massnahmen, um die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Care-Verantwortung zu stärken und die Care-Arbeit ausgeglichener zwischen Männer und Frauen zu verteilen (EBG):Das Wichtigste aus Sicht der Gleichstellung (admin.ch)

Buchhinweis: Susanne Garsoffky, Britta Sembach: Die Kümmerfalle. Kinder, Ehe, Pflege, Rente – Wie die Politik Frauen seit Jahrzehnten verrät. Paperback, 2022.

Buchhinweis: Bettina Haidinger, Käthe Knittler. Feministische Ökonomie. Mandelbaum, 2019.

Buchhinweis: Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen». Droemer, 2021

Buchhinweis: Ann-Kristin Tlusty: Süss. Eine feministische Kritik. Hanser, 2021.

 

Quellen:

BFS (2021): Thema unbezahlte Arbeit. 

Economiefeministe (2022): Sorge- und Versorgungswirtschaft. Der vierte und grösste Wirtschaftssektor.

Biesecker, A., & Baier, A. (2011). Gutes Leben braucht andere Arbeit. Alternative Konzepte in der Diskussion. Politische Ökologie, 29 (125), 54-62.

Donzé, Jeannine: Was wir in die Welt bringen. Frauen zwischen «kinderlos» und «kinderfrei». Zytglogge 2021.

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG: Care – die Sorge um Menschen.

Madörin, Mascha: Zählen, was zählt. Sorge- und Versorgungswirtschaft als Teil der Gesamtwirtschaft. In: Ulrike Knobloch (Hg): Ökonomie des Versorgens. Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum. Weinheim 2019. S. 89-119.

Stutz, Heidi, Bischof, Severin und Liechti, Lena: Genderspezifische Effekte der staatlichen Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus Covid-19, Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien BASS, XXI,107 S., Bern, Mai 2022.

Sara Dolf-Metzler ist Leiterin Diversity und Gleichstellung der FH Graubünden. Sie ist Ökonomin und Business Coach und leitet die Fachstelle Diversity an der FH Graubünden. Andrea Zeller ist Projektleiterin an der FH Graubünden.

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