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Wer bin ich?

Wer bin ich?

Fachhochschule
Graubünden
vor 1 Woche in
COLLAGE FH GRAUBÜNDEN

An der Fachhochschule Graubünden wird ausgebildet und geforscht. Über 2000 Studierende besuchen Bachelor-, Master- und Weiterbildungsstudiengänge. In diesem Blog geben Studierende, Dozierende und Mitarbeitende Einblicke in den Hochschulalltag und in Themen, welche sie gerade beschäftigen.

von Stefan Gartmann*

Die Frage ist wichtig, nur wird sie viel zu selten gestellt. Schon gar nicht während eines Studiums. Erst recht nicht der Betriebsökonomie. Warum? Ganz einfach: Sie ist nicht prüfungsrelevant. Aber so, wie nicht alles wichtig ist, was prüfungsrelevant ist, ist nicht alles unwichtig, was nicht prüfungsrelevant ist. Die Erforschung des eigenen Ichs, die Frage, wer ich bin, woher ich komme, was mich geprägt und zu dem gemacht hat, der ich bin, ist zentral für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und eines gesunden Selbstbewusstseins.

Es steht nirgends geschrieben, dass an einer Fachhochschule nur Dinge getan und gelehrt werden dürfen, die prüfungsrelevant sind. Man kann auch einmal etwas tun, was lediglich relevant ist. Warum die Studierenden also nicht doch fragen: Wer seid ihr?

Die Studierenden des Studiengangs Betriebsökonomie Teilzeit 19 haben die Frage im Herbstsemester 2020 im Rahmen einer Blockwoche im Modul Psychologie beantwortet. Nicht anhand eines Testverfahrens, nicht anhand einer tiefgehenden Analyse, sondern anhand der Gestaltung eines Selbstporträts. Die Studierenden waren frei in der Wahl der Techniken (Zeichnungen, Collagen, Kombinationen von Bild und Text usw.) und der Mittel (Buntstifte, Wasserfarben, Ölfarben, Kohle, Tinte usw.). Sie waren aufgefordert, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen, ohne das Schreckgespenst der Prüfung im Hinterkopf. Sie sollten in ihrem Selbstporträt berücksichtigen, was sie besonders kennzeichnet (eine besondere Eigenschaft), was sie geprägt hat (ein besonderes Ereignis), ihre berufliche Tätigkeit, ihre Hobbys oder die Lebenssituation, in der sie sich gerade befinden. Anders gesagt: All das, was sie zu dem Menschen macht, der sie heute sind. In einem kurzen Text sollten sie zudem erläutern, wie ihr Porträt zu deuten ist und weshalb sie sich für die von ihnen gewählte Form der Darstellung entschieden haben.

Die Porträts wurden anschliessend von einer Jury bewertet und prämiert. Die Jury stellte sich zusammen aus Corina Looser, Administratorin, Madlen Lipp, Studienassistentin, und Fulvio Bottoni, Studienleiter. Die Preise bestanden aus Büchergutscheinen und Moleskine-Agenden der FH Graubünden. Keine ECTS-Punkte. Nicht einmal Campus Credits. Weil es nun mal Dinge gibt, die sich mit Credit Points nicht beurteilen lassen.

Wenn man künstlerisch tätig wird, entblösst man sein Inneres vor dem Betrachter des eigenen Werks. Das setzt Mut voraus. Zudem braucht es Vertrauen in den Betrachter. Dieses Vertrauen ist wichtig, damit man spürt, dass man keine Rolle spielen muss, sondern sich so zeigen und geben darf, wie man ist. Manche Künstlerinnen und Künstler behaupten, ihr Werk habe nichts mit ihnen zu tun. Ihr Werk sei «selbstständig» im Sinne von «für sich stehend» Dadurch schützen sie sich: vor den Kritikerinnen und Kritikern, die zwar lobende Worte finden für das, was ihrem Gusto entspricht, aber auch gnadenlos verreissen, was ihnen nicht gefällt. Das kann weh tun. Die Ablehnung einer Studienarbeit kann das auch; aber eine Studienarbeit ist kein Porträt. Sie gewährt keinen Einblick in die Seele ihrer Verfasserinnen und Verfasser.

Wie die Studierenden die Aufgabe gelöst haben, war gestalterisch beeindruckend und inhaltlich berührend. Unter den fast fünfzig Porträts befanden sich zahlreiche, die von grossem künstlerischem Talent zeugten und einen tiefen Einblick in das Leben und die Seele ihrer Autorinnen und Autoren gewährten. Das hat gezeigt: Es wird einiges richtig gemacht im Studiengang Betriebsökonomie, wenn Studierende ihrem Studienleiter, der Studienassistentin und der Administratorin so viel Vertrauen entgegenbringen. Die Porträts haben zudem gezeigt: Studierende sind nicht die Summe ihrer Noten; Studierende sind Menschen, die ihren Rucksack zu tragen haben: einige einen leichteren, andere einen schwereren. Mit ihren Porträts haben sie ihren Rucksack geöffnet und einen tiefen Einblick gewährt in ihr Leben.

Sollte Corona es einmal erlauben, dass wir uns wieder physisch an «ünschara Fachhochschual» begegnen dürfen, wird man die Gesichter der Studierenden des Lehrgangs Betriebsökonomie Teilzeit 19 nicht mehr mit den Leistungen in Verbindung bringen, die sie im Unterricht und an den Prüfungen erbringen, sondern mit dem Porträt, das sie im Rahmen der Blockwoche Psychologie gestaltet haben. Man wird sie in einem gänzlich neuen Licht sehen: als junge Leute mit einer besonderen Geschichte und einer verletzlichen Seite. Daran sollten wir denken, wenn wir sie unterrichten, wenn wir sie betreuen, wenn wir sie prüfen und ihre Leistungen bewerten.

Wir wissen wenig über unsere Studierenden, sehr wenig. Vielleicht sollten wir ihnen öfter die Gelegenheit geben, uns zu zeigen, wer sie sind. Damit wir nicht vergessen: Wir haben es mit Menschen zu tun.

*Stefan Gartmann ist Professor am Zentrum für Betriebswirtschaftslehre (ZBW) der FH Graubünden.

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