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Mein längster Sommer

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Südostschweiz

Spitzensport – für die meisten Athletinnen und Athleten bedeutet dies harte Arbeit, Entbehrungen und eine grosse Portion Leidenschaft. Im Format «Sportlerblog» schreiben junge Bündner Sporttalente über ihren Weg an die Spitze.

von Luana Flütsch

Meine Leidenschaft zum Skitouren ist in den letzten zwei Jahren extrem gewachsen. Es ist vielleicht nicht die kontrastreichste Abwechslung, doch für mich das Grösste nebst dem Skifahren. Es ist das Gesamtpaket, das es ausmacht. Lange Aufstiege, gute Freunde, die Natur, der notwendige Respekt davor und unvergessliche Abfahrten. Ich wollte einfach nicht aufhören und die Bedingungen waren genial. Am 10. Juni war es dann definitiv die letzte Skitour für mich, ich stürzte und riss mir am rechten Fuss das vordere Syndesmoseband.

Es folgten sechs Wochen Gips und Krücken und insgesamt elf Wochen Rehabilitation und Kondition in Magglingen. Die kleine Ortschaft oberhalb von Biel wurde zu meinem zweiten zu Hause, ich begann es zu mögen. Die letzten Jahre habe ich mich oft gefragt weshalb die lange Reise, wenn man auch zu Hause gut trainieren kann. Dieses Jahr wurde mir klar, dass ich nirgends sonst so effizient bin wie dort. Die Infrastrukturen sind super, Training und Physio verschmelzen sozusagen und der ganze Fokus gilt dem Training und das den ganzen Tag.  Zudem kriegt man einen Einblick in die anderen Sportarten, denn Magglingen ist nicht nur unsere Trainingsbasis. Von Sonntagabend bis Freitagmittag lag der Fokus nun auf dem Aufbau. Zeit zum Nachdenken blieb kaum, denn abends fiel ich einfach hundemüde ins Bett. Ich genoss an den Wochenenden die kurze Zeit mit Freunden und Familie deshalb umso mehr.

«Keine Schmerzen und das vertraute Gefühl, das war einfach nur geil.»

Obwohl die Zeit schnell verging, war ich trotzdem froh, Mitte August wieder ein paar Wochen zu Hause zu trainieren und endlich auch wieder meine Lieblingsberge von oben zu geniessen. Währenddessen sammelte mein neues Team schon etliche Tage auf dem Schnee, was mich in keiner Weise nervös machte. Anfangs September wieder auf den Skiern zu stehen war das Ziel und für das gab ich im Training alles – mehr konnte ich sowieso nicht tun.

«Oh nein du Arme», oder «Was hast du schon wieder gemacht?», bekam ich oft zu hören. Dabei genoss ich die vergangenen zwei verletzungsfreien Jahre extrem und deshalb war es für mich nicht ein «schon wieder», sondern vielmehr eine Zusatzaufgabe für den Sommer. Glücklicherweise mag ich Herausforderungen.

Keine Strafe, sondern eine Zusatzaufgabe: Das Reha-Training in Magglingen.

Nach intensiven Konditionswochen in Magglingen und zu Hause war es nun soweit, der erste Test auf Schnee stand bevor. Mit einem guten Gefühl startete ich zusammen mit dem Trainer auf dem Stilfserjoch. Ab dem dritten Schwung spürte ich: «Das ist es!». Keine Schmerzen und das vertraute Gefühl, das war einfach nur geil. Mittlerweile ist der erste richtige Skikurs mit dem Team schon Geschichte. Ich blicke auf einen gelungenen Start zurück, so darf es gerne weitergehen. Gas geben und geniessen ist mein Ziel für die kommende Zeit.

«Zu lange habe ich mich in solchen Blasen verloren.»

Oft ist man im Sport so vertieft ins Leisten, dass man die Dinge herum nicht mehr wirklich realisiert. Es ist wie eine Blase, in der es nicht genug schnell gehen kann, man immer noch mehr und mehr will, wo die kleinen Aufregungen zu grossen Problemen gemacht werden und die Gedanken oft schon weit vorauseilen. Zu lange habe ich mich in solchen Blasen verloren, doch durch die langen Absenzen aufgrund von Verletzungen, Misserfolgen, prägende Erlebnissen und vielleicht einfach auch durchs Älterwerden, habe ich gelernt, das Hier und Jetzt in den Vordergrund zu stellen. Der Moment ist alles was zählt. Ziemlich simpel wenn man es so liest und doch so schwierig. Natürlich gelingt es mir nicht immer, doch ich arbeite daran.

Vom Typ her bin ich jemand, den man eher bremsen statt anfeuern muss, jemand der bereit ist, auch über seine Grenzen zu gehen, jemand, für den sein Umfeld entscheidend ist und dem egoistisch sein schwerfällt, jemand der seine Emotionen nicht immer im Griff hat, jemand der sein inneres Gleichgewicht gefunden hat und der mit dem Bauch entscheidet, jemand der unglaublich dankbar durch den Tag geht und wohl den tollsten Beruf auf der Welt hat. Jemand, der Euch einen kleinen Einblick in eine so grosse Gedankenwelt schafft.

Luana Flütsch aus St. Antönien ist Skirennfahrerin im B-Kader von Swiss Ski. Während der Saison 2019/20 schreibt die 24-Jährige, die in ihrer bisherigen Karriere immer wieder durch Verletzungen ausgebremst worden war, über ihre Mission, sich im Weltcup zu etablieren.

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