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Wenn zwei Tage vor Semesterstart das Stipendium platzt

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Südostschweiz

Spitzensport – für die meisten Athletinnen und Athleten bedeutet dies harte Arbeit, Entbehrungen und eine grosse Portion Leidenschaft. Im Format «Sportlerblog» schreiben junge Bündner Sporttalente über ihren Weg an die Spitze.

von Linard Kindschi

Der 25-Jährige Davoser Langläufer ist ehemaliger Swiss-Ski-Kaderathlet und seit dem Sommer 2018 Business-Marketing-Student an der Montana State University in Bozeman, Montana. Dort trainiert er weiterhin intensiv in der Loipe – jedoch nicht unter den Bedingungen, die er sich vor der Reise in die USA erhoffte.

Der Frühling ist für einen Langläufer immer die Zeit in, der man die Saison reflektieren und die richtigen Schlüsse ziehen muss. Der Frühling 2018 war für mich jener nach einer etwas anderen Saison. Deshalb berichte ich an diese Stelle zunächst über die Saison 2017/18. Es war die Saison, in der ich nach einiger Zeit als Swiss-Ski-Kaderathlet keinen Kaderstatus mehr besass. Trotzdem hatte ich mich entschieden, als Langläufer weiterzumachen.

Das Sommertraining absolvierte ich mit dem Bündner Skiverband und grösstenteils mit meinem Mitbewohner Fabio Lechner. Langläufer beginnen mit dem Training und den Vorbereitungen traditionell anfangs Mai. Nun, für mich war der Start denkbar schlecht. Bereits am 5. Mai brach ich mir bei einem Sturz auf dem Rennrad das linke Schlüsselbein. Während meine gesundheitlichen Probleme bis anhin immer aus langweilenden Krankheiten bestand, war eine Verletzung neu für mich. Bereits am nächsten Tag konnte ich in St. Gallen operiert werden. Die ersten Trainings, die ich danach wieder absolvieren konnte, waren ironischerweise auf dem Indoor-Bike. Es gibt aus meiner Sicht nicht vieles, dass langweiliger ist, als zwei Stunden auf dem Rad zu sitzen, ohne sich dabei auch nur einen Zentimeter fortzubewegen. Die Verletzung spürte ich noch lange und sie war nicht förderlich für meinen Kraftaufbau.

Nicht nur auf den Langlauf-Ski ist Linard Kindschi flott unterwegs. PRESSEBILD

In der Saison angekommen wusste ich, dass ich meine Chance früh packen muss, wenn ich mich für Weltcuprennen aufdrängen wollte, die einem die Möglichkeit geben, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Der Weltcup in Davos gelang mir nicht optimal und auf der zweithöchsten Stufe im Alpencup lief ich in einem Rennen zwar sehr gut, es fehlte aber das letzte Quäntchen, um mich ganz vorne zu klassieren. Ich entschied mich, vermehrt auf Marathonrennen zu konzentrieren – diese haben mir immer sehr gut gefallen. Zusammen mit Fabio war ich an einigen Rennen in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich, Estland und sogar in den USA. Die Rennen haben uns sehr viel Spass gemacht, obwohl wir des öfteren feststellen mussten, dass unsere Fähigkeiten im Skiwachsen im Vergleich zu den grösseren Teams noch nicht ganz ausreichten. Es war somit eine Saison mit sehr vielen neuen und guten Erfahrungen, in der wir auch organisatorisch viel dazu gelernt haben.

Meine Reflexion im Frühling 2018 ergab dann, dass meine Entwicklung in den letzten Jahren, in denen ich immer wieder durch gesundheitliche Rückschläge gebremst wurde, nicht jene war, die ich mir erhofft hatte. Auch im Vergleich mit anderen Läufern aus anderen Nationen konnte ich nicht schritthalten. Als «Nicht-Kaderathlet» war die Finanzierung zudem bedeutend schwieriger. Ich wusste, dass meine nächsten Ziele nicht mehr Weltcup, Weltmeisterschaften und Olympische Spiele hiessen. Ich wollte mich stattdessen stärker auf meine akademische Laufbahn konzentrieren.

Bereits im Winter 2017/18 stand ich in Kontakt mit dem Trainer der Montana State University. Ich wusste, dass ich altersbedingt noch ein Jahr College-Rennen bestreiten kann. Die Regeln der National Collegiate Athletic Association (kurz NCAA) sind sehr komplex und grösstenteils undurchschaubar. Der Gedanke, für ein Jahr in den Staaten zu studieren und gleichzeitig noch Langlauf-Wettkämpfe zu bestreiten, reizte mich sehr. Ich entschied mich also im April 2018 dazu, diesen Schritt machen zu wollen. Die NCAA verlangte in den nächsten Monaten unzählige Dokumente, Tests und Informationen über mich. Zeugnisse ab der Primarschule mussten ins Englische übersetzt und beglaubigt werden. Quittungen von Ausgaben für den Sport in den vergangenen drei Jahren und vieles mehr nahm viel Zeit und auch Geld in Anspruch. Der Entscheid, ob ich von der NCAA für die Wettkämpfe zugelassen werde, verzögerte sich und die Zeit rannte mir davon.

Schock im Athletic Office

Ich musste mich entscheiden, ob ich in den USA oder doch in der Schweiz studieren wollte. Ohne den Bericht der NCAA war es aber beinahe unmöglich, diesen Entscheid zu treffen. Der Trainer in den USA sagte mir, dass es mit der Bewilligung klappen werde. Also organisierte ich mir im letzten Moment ein Visum und ein Flugticket nach Bozeman, Montana. Als ich eine Woche vor Semesterbeginn angekommen war, war noch nicht klar, wo ich während des Semesters wohnen würde. Die Studentenheime waren voll und die Wohnungen ziemlich ausgebucht. Ich wohnte vorübergehend im Haus zweier Teamkolleginnen, die ich noch nicht kannte und die erst im späteren Verlauf der Woche anreisten. Da sich ein Teamkollege aus Schweden bei einem Radunfall zwei Wochen zuvor so schwer verletzt hatte, dass er nicht zurückkehren konnte, wurde ein Zimmer in einer Studentenwohnung mit anderen Langläufern frei. Dieses konnte ich dann übernehmen. Es dauerte nicht lange und ich konnte den Mietvertrag unterschreiben.

Nur zwei Tage später und gleichzeitig zwei Tage vor dem Semesterstart wurde ich ins Athletic Office gebeten und mir wurde mitgeteilt, dass die NCAA mich nun nicht akzeptiert habe, was gleichzeitig bedeutete, dass ich mein Stipendium verlor. Ich könne nun selbst entscheiden, ob ich wieder nach Hause fliegen oder bleiben wolle. Die Enttäuschung war natürlich riesig. Nach dem ganzen Aufwand, der Exmatrikulation in der Schweiz sowie dem unterschriebenen Mietvertrag war meine Entscheidung zu bleiben dann die logische Folge. Ich konnte mich mit dem Team darauf einigen, dass ich als Volunteer Assistent Coach fungiere, dabei kleinere Aufgaben im Team übernehmen und dafür mittrainieren und auch Wettkämpfe bestreiten kann, bei denen die Kosten übernommen werden. Nun konnte ich also nicht für die Universität laufen und Punkte sammeln, aber immerhin Wettkämpfe bestreiten.

Mittlerweile habe ich gerade das erste Semester hinter mich gebracht. Durchschnittlich dreieinhalb Stunden pro Tag besuche ich Vorlesungen und Klassen, dann wird mit dem Team rund zwei Stunden trainiert. Der Trainingsaufwand ist natürlich kleiner als er noch zu Hause war. Nichtsdestotrotz komme ich auf acht bis neun Einheiten in der Woche. Täglich fallen dann noch rund vier Stunden Hausaufgaben an.

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