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Was uns die Schweden voraus haben

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Die schwedischen Junioren mussten sich an der U20-WM erst im Final den Kanadiern geschlagen geben. KEYSTONE/SO
Südostschweiz

Spitzensport – für die meisten Athletinnen und Athleten bedeutet dies harte Arbeit, Entbehrungen und eine grosse Portion Leidenschaft. Im Format «Sportlerblog» schreiben junge Bündner Sporttalente über ihren Weg an die Spitze.

von Mauro Lorenz

«suedostschweiz.ch» begleitete Mauro Lorenz auf seinem Weg als junger Eishockeyspieler in Schweden. In regelmässiger Folge berichtete der 20-jährige Bündner in der Saison 2017/18 über die Ereignisse seiner Saison.

Anlässlich der soeben zu Ende gegangenen U20-WM in Buffalo möchte ich meine Einsichten in das schwedische sowie das schweizerische Junioreneishockey mit Euch teilen und versuchen, die Unterschiede darzustellen.

Die Zahlen sprechen für sich: 87 Schweden spielen in der NHL und nur 15 Schweizer. Jedes Jahr werden 20 bis 30 neue Schweden in die beste Liga der Welt gedraftet. Schweizer sind es zwei bis vier. An der U20-WM blieb die Schweiz gegen Schweden chancenlos und verlor mit 2:7. Doch wieso? Was machen sie so viel besser?

1. Förderung der Kreativität

Besonders fällt mir dies bei Verteidigern auf, denn im Eishockey sind kreative Offensivverteidiger gefragter denn je. Die  Zeiten, in welchen alle Verteidiger 1.95 m gross und 100 kg schwer waren, sind vorbei (da hab ich Glück gehabt). Natürlich gibt es diese immer noch, doch kleinere, flinkere und technisch bessere Spieler, die mit einer kleinen Täuschung die gegnerischen Stürmer stehenlassen können, übernehmen immer mehr das Zepter. Genau da gehören viele Schweden zu den Besten (Erik Karlsson, Oliver Ekman-Larsson, John Klingberg – oder beim HC Davos Magnus Nygren). In der Schweiz dagegen ist Roman Josi die Ausnahme.

Erik Karlsson: Der Prototyp des modernen Verteidigers

Den Hauptgrund für das Vakuum an Schweizer Kreativverteidigern sehe ich im Resultatwahn. Das Schweizer Junioreneishockey wird von Resultaten dominiert, das schwedische aber von Entwicklung und Fortschritt der Spieler.

Treffen sich zwei Schweizer Juniorentrainer, dann kommt die Frage: «Wie viele Meisterschaften hast du schon gewonnen?» In Schweden lautet die Frage: «Wie viele deiner Spieler haben den Schritt zu den Profis geschafft?»

Was hat nun der Resultatwahn mit der Kreativität der Spieler zu tun? Ganz einfach: Um Kreativität zu fördern, braucht man als Spieler die Freiheit, Dinge einfach auszuprobieren, auch wenn sie am Anfang vielleicht noch einige Male schief gehen. Doch durch den Resultatwahn zwingen Trainer die Spieler dazu, die einfache und risikolose Variante zu wählen, also den Puck einfach wegzuschiessen, anstelle einer kleinen Köpertäuschung, um so einige Meter an Eis zu gewinnen.

Probiert ein Spieler in der Schweiz etwas und es geht schief, wird er vom Trainer zusammengestaucht. Nächstes Mal entscheidet er sich für die «sichere» Variante. In Schweden hingegen werden die Spieler ermutigt, es nächstes Mal wieder zu versuchen oder vielleicht eine andere Lösung zu finden. Dies führt mich direkt zum nächsten Punkt.

2. Lösungen selber finden und Kommunikation

Wenn ein Trainer in der Schweiz in die Garderobe kommt und einen Matchplan diktiert, werden in Schweden zuerst die Spieler gefragt: «Was wissen wir über den Gegner?», «Wie spielen sie und was könnten wir dagegen tun?» So muss sich der Spieler einbringen und sein Hirn auch anstrengen. Es ist wie früher im Mathe-Unterricht. Das Resultat einfach abschreiben ist bequem. Aber nur wer den Lösungsweg selber findet, lernt etwas. Und ganz nebenbei lernen die Spieler so auch gleich noch, vor einer grösseren Gruppe zu sprechen und seine eigene Meinung zu vertreten.

Ein weiteres Beispiel: Videositzungen in der Schweiz. Alle Spieler sitzen zwar physisch da, aber gedanklich haben die meisten nach dem dritten Clip den Raum bereits verlassen. Der Trainer erklärt zwar, wie man es machen soll, doch die Spieler werden nicht involviert. In Schweden wird der Film vor einem Schlüsselmoment auch einmal angehalten und gefragt: «Was könnte man hier tun?» So sind die Spieler ständig dazu angehalten, eigene Entscheidungen zu treffen.

Müssen Schweizer Spieler auf Juniorenstufe zu wenig mitdenken? KEYSTONE

3. Vertrauen im Erwachsenen-Eishockey

Wenn in Schweden Spieler der Juniorenstufe mit der ersten Mannschaft zum Zug kommen oder an ein Farmteam ausgelehnt werden, dann kriegen sie auch eine echte Chance mit viel Eiszeit, meist sogar in Über- und Unterzahl.

In der Schweiz ist es normal, dass Spieler mitgenommen werden und vielleicht einen Einsatz haben. Dafür wird der Spieler meist für einen Tag aus der Schule genommen, verliert 20 bis 30 Minuten Eiszeit, die er mit den Junioren gehabt hätte. Und nicht zuletzt leidet sein Selbstvertrauen enorm. Wenn sie dann endlich in die NLB ausgeliehen werden, passiert da oftmals dasselbe. Es ist in etwa so, als wenn eine Stelle ausgeschrieben ist mit den Kriterien jung talentiert, motiviert und mit 15 Jahren Berufserfahrung.

Junge Spieler brauchen das Vertrauen des Trainers und vor allem viel Eiszeit. Wenn dann Fehler passieren, werden sie dadurch besser.

Der 17-jährige HCD-Verteidiger Julian Payr kam am Sonntag gegen Zug zu seinem National-League Debüt. KEYSTONE

Tragen also die Trainer der National und Swiss League Schuld daran, dass sich junge Schweizer Spieler nicht optimal entwickeln können? Nein! Die Trainer haben einen enormen Druck, denn die Schweizer Liga gilt nach wie vor als eine mit enorm hohem Trainerverschleiss. Dies kostet nicht nur viel Geld und Energie, es verunmöglicht auch Kontinuität.

Meine Bitte an die Sportchefs und Präsidenten wäre es, einen Trainer einzustellen, dem sie vertrauen und dem sie von Anfang an Zeit geben. Denn nur so kann sich eine Mannschaft richtig einschwören und es kann ein roter Faden entstehen. Die Gewinnermentalität, die etwa den HC Davos in den 2000er Jahren so auszeichnete, kann nicht von heute auf Morgen entstehen. Zudem können sich so junge Spieler ohne Druck entwickeln und es kann viel Geld gespart werden.

Schweiz auf dem Vormarsch

Die drei Erklärungsansätze für das im Vergleich zu Schweden hinkende Leistungsvermögen der jungen Schweizer Spieler sollen nicht so verstanden werden, dass in der Schweiz alles falsch läuft. Im Gegenteil. Begeistert beobachte ich die Entwicklung von jungen Schweizer Trainern, die vieles richtig machen.

Patrick Fischer ist nur ein Vorreiter. Hinter ihm steht eine ganze Truppe ehemaliger Spitzenspieler in den Startlöchern. Allesamt verfügen sie über enorme Erfahrung und gutes Menschengespür. Reto von Arx und Thierry Paterlini in der U18-Nati etwa. Oder Jan von Arx und Michel Riesen beim HCD-Nachwuchs.

Patrick Fischer steht für eine neue Generation von Schweizer Trainern. KEYSTONE

Wir machen grosse Schritte in die richtige Richtung. Zum Beispiel hat die vergangenen vier Jahre die Zahl der Schweizer in der NHL gegenüber dem Vorjahr immer zugenommen. Und auch die diesjährige U20-WM stimmt mich positiv. Denn die Schweiz gehörte zu den jüngsten Teams der WM und hat gleich mit sechs Spielern des Jahrgangs 2000 gespielt. Mit Spielern also, die dieses Jahr auch noch an der U18-WM teilnehmen werden.

Und trotzdem ist es dem Schweizer Team gelungen, gegen grosse Nationen wie Russland oder eben auch den mir so gut bekannten Schweden über 40 bis 50 Minuten mitzuspielen. Dass am Ende die Kraft und die Erfahrung fehlt, ist klar.

Schritt für Schritt nähern wir uns den Topnationen an. Trotzdem müssen wir uns stets hinterfragen, um sicherzugehen, dass wir noch in die richtige Richtung gehen. Oder um es in Xavier Naidoos Worten zu sagen: «Dieser Weg wird kein leichter sein.»

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