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Aller Anfang ist schwer

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Licht und Schatten wechseln sich auf Mauro Lorenz' Schweden-Abenteuer ab. COLLAGE SO/PRIVATARCHIV MAURO LORENZ
Südostschweiz

Spitzensport – für die meisten Athletinnen und Athleten bedeutet dies harte Arbeit, Entbehrungen und eine grosse Portion Leidenschaft. Im Format «Sportlerblog» schreiben junge Bündner Sporttalente über ihren Weg an die Spitze.

von Mauro Lorenz

«suedostschweiz.ch» begleitete Mauro Lorenz auf seinem Weg als junger Eishockeyspieler in Schweden. In regelmässiger Folge berichtete der 20-jährige Bündner in der Saison 2017/18 über die Ereignisse seiner Saison.

Helsingborg, 12. August 2017. Der schwedische Sommer zeigt sich nach durchzogenem Start endlich mal von der guten Seite, die Sonne steht am Himmel und viele Leute zieht es an den Strand. Ich hingegen sitze in meinem Zimmer und telefoniere mit meiner Mutter: «Mama ich weiss einfach nicht, ob Eishockey das Richtige für mich ist», versuche ich ihr verzweifelt beizubringen. Nach einer kurzen Pause antwortet sie: «Eishockey ist dein Leben seitdem du klein warst, gib dir noch etwas Zeit.» Mürrisch verabschiede ich mich kurz und lege auf.

Wie wenig ich damals doch wusste. Doch beginnen wir von vorne.

Die Anfangseuphorie

Die ersten Wochen nach meiner Ankunft im Juli 2017 vergehen wie im Flug. Die Leute behandeln mich super, die Wohnung ist schön und die Stadt gefällt mir. Ja sogar die Arbeitsstelle ist gar nicht so schlecht, obwohl es für mich ziemlich streng ist, da ich noch nie zuvor körperlich gearbeitet habe. Ich arbeite nämlich als Zeltbauer. Ihr kennt bestimmt die riesigen weissen Zelte, in welchen jeder von uns schon mal ein gutes Fest erlebt hat. Naja, ich weiss nun, wie man die auf- und abbaut. Ich fühlte mich wie so viele 20-Jährige einfach unaufhaltbar.

Die ersten Zweifel

Nach einem Monat geht es dann endlich aufs Eis. Darauf hatte ich gewartet. Endlich kann ich mich beweisen. Doch schon im ersten Training merke ich, das geht nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte, denn die sind ziemlich gut. Das Problem ist nicht nur, dass das Niveau höher als erwartet ist, sondern auch die Art und Weise, wie Eishockey gespielt wird (taktischer & systematischer), ist für mich Neuland. «Das kommt dann schon», rede ich mir ein.

Die Krise

Weitere zwei Wochen und die ersten beiden Testspiele später sitze ich nun also hier, völlig verzweifelt und keine Ahnung was ich machen soll. Die Tatsachen, dass ich an freien Tagen nicht weiss, was ich tun soll und dass ich hier niemanden richtig kenne, sind dabei nicht sehr hilfreich. Diese Mischung aus Verzweiflung, Einsamkeit und Langeweile legen sich wie ein giftiger Nebel über meine Gedanken. So bildet sich langsam ein Teufelskreis in meinem Kopf. «Du schaffst es nicht. Was machst du eigentlich hier?»

Der Wendepunkt

Einige Stunden sitze ich da und folge meinen Gedanken. Ich male mir meine Zukunft aus. Von Trainerkarriere bis zu Barkeeper auf Bali ist alles dabei. Nur etwas nicht, nämlich mein grosser Traum des Profieishockeys. Ich nehme mir einen Stift und ein Blatt Papier und beginne die Zukunftsszenarien zu skizzieren.

Da trifft es mich plötzlich wie ein Blitz. Ich bin in Schweden und spiele Eishockey. Träumt man davon nicht als kleiner Junge? Klar, es ist nicht die höchste Liga aber trotzdem kommen bis zu 3000 Leute an unsere Spiele. Zuhause habe ich die besten Freunde und Familie der Welt. Ich bin in der Schweiz geboren und gehöre alleine damit schon zu den vielleicht privilegiertesten Menschen auf der Erde. Mein Leben ist super! Wenn es im Moment nicht so läuft wie geplant, bedeutet dies vielleicht einfach, dass ich noch härter arbeiten muss. Und stell dir vor wenn du es hier schaffen kannst. Hier, wo dir keiner hilft. Dann kannst du es überall schaffen.

Heute

Dieser Moment hat alles verändert, nicht nur meine Einstellung zu dieser einen Krise oder zum Eishockey, sondern auch meine Einstellung im Alltag und teilweise zum Leben. Ich würde sogar sagen, dass ich extrem froh bin, dass es diese Krise gab, denn ohne sie hätte ich diese Lektion wahrscheinlich nicht gelernt. Danach habe ich das Gespräch mit meinem Trainer gesucht und begonnen, noch mehr zu trainieren und einfach nur von Tag zu Tag zu leben, ohne mir gross Sorgen zu machen. Dies hat mir auf und neben dem Eis geholfen. Seitdem hatte ich nie wieder grössere Zweifel.

ich denke, viele von uns kennen solche Momente der Dunkelheit, in denen man nur noch schwarz sieht. Gelernt habe ich, geduldig zu bleiben und für die kleinen Dinge im Leben dankbar zu sein – und im Zweifelsfall auf die eigene Mutter zu hören. 

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