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Bündnerland

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Christian
Ruch

In «Ruchs Rubrik» beleuchtet Christian Ruch Bedenkliches, Merkwürdiges und Lustiges aus der Region Südostschweiz. Das alles einmal wöchentlich und mit viel Esprit und Humor. Ob Politik, Kultur, Wirtschaft oder Sport – in Ruchs Rubrik hat all das Platz, was sich mit einem Augenzwinkern betrachten lässt.

Neun Jahre Aufenthalt in Graubünden haben bei mir durchaus Spuren hinterlassen. So ärgere ich mich immer über das Wort Bündnerland. Es verrät den ahnungslosen Unterländer, der Trun mit Trin verwechselt und glaubt, dass selbst die Dorfjugend von Igis immer noch sehr schön romanisch spricht. Äusserst bedenklich ist der Begriff auch unter dem Aspekt der Political Correctness – denn wenn nicht ein paar fortpflanzungsfreudige Bündnerinnen existierten, gäbe es im Bündnerland bald keine Bündner mehr, sondern nur noch Land. Wenn schon, müsste also vom Bündnerinnen- und Bündnerland die Rede sein. Und auch das ist problematisch – fühlen sich denn vegan lebende, lactoseintolerante und Surmiran sprechende Transmenschen mit Adoptionswunsch wirklich berücksichtigt, wenn man einfach von Bündnerinnen und Bündnern spricht?

Der Begriff Graubünden ist da weitaus weniger problematisch. Allerdings ist es immer wieder schwierig zu erklären, wo das eigentlich liegt. Neulich wollte ich das einem reizenden norwegischen Ehepaar näherbringen. Ich sagte ihnen also, dass ich in der Südostschweiz lebe. – Ah, also im Tessin? – Nein, eher Richtung Österreich. Das „Richtung“ müssen sie überhört haben und fragten daher etwas irritiert, ob ich denn nun in der Schweiz oder in Österreich wohne. – Nein, nein, in der Schweiz. – Also bei Genf? – Nein, sagte ich, in der Nähe von Davos, wo das WEF stattfindet. Vom WEF hatten sie schon mal gehört, doch trug das nichts zur genaueren Lokalisierung von Graubünden bei. Ich machte dann den Fehler und schilderte ihnen im Verlauf des Gesprächs den fjordhaften Walensee, was sie vollends verwirrte – Fjorde in der Schweiz?

Mit Menschen aus Grossbritannien ist das alles viel einfacher. Die kennen wenigstens Klosters wegen Prinz Charles. „I live in Chur near Klosters“ wird zwar der Bedeutung Churs nicht wirklich gerecht, aber so ahnen die Briten wenigstens ungefähr, woher ich komme. Und mir ist es lieber, sie wissen nichts von Graubünden, als dass sie meinen, ich käme aus dem Bündnerland.