×

Die aufgeblasene Expertokratie

Uhr
UNSPLASH
Andrea
Masüger

In seiner Kolumne «Masüger sagts» widmet sich Andrea Masüger aktuellen Themen, welche die Schweiz und die Welt bewegen (oder bewegen sollten). Der heutige Publizist arbeitete über 40 Jahre bei Somedia, zuerst als Journalist, dann als Chefredaktor, Publizistischer Direktor und zuletzt als CEO.

Gegen den offiziellen, weltweit anerkannten Befund, dass es sich beim Coronavirus um eine gefährliche Infektionskrankheit handelt, gab es von Anfang an Widerstand. Seit Mitte Dezember letzten Jahres behauptet eine bizarre Front von Rechtsradikalen, Impfgegnern, Antisemiten, Linksautonomen, Kapitalismuskritikern, Esoterikern, 5G-Gegnern und Evangelikalen das Gegenteil.

Deren seltsamer Kampf für die wahre Wahrheit lief in drei Phasen ab. Die erste begann so Anfang März. Es waren Politiker und teilweise sogar Ärzte, die behaupteten, Corona sei eine Art normale Grippe und alle Massnahmen dagegen reiner Panik geschuldet. Sie empfahlen dagegen grosse Mengen an Vitamin D, Birchermüesli, Bleichmittel und heisse Bäder. Es war die Zeit der Verharmloser.

Ab Ende März schlug die Stunde der Spinner und Wirrköpfe. Ein Weihbischof sagte, eine Hostie könne gar keine Viren tragen. Der junge Esoterik-Star Christina von Dreien wollte mit Massenmeditationen und einer gigantischen Lichtsäule aus dem Himmel den Planeten desinfizieren. Homöopathen schworen auf Globuli aus dem Harz des Kampferbaums, die schon gegen die Spanische Grippe erfolgreich gewesen seien.

Im Mai begann dann die dritte und gefährlichste Phase. In Deutschland demonstrierten anscheinend aus heiterem Himmel plötzlich Tausende gegen die behördlichen Einschränkungen. In der Schweiz waren es am vergangenen Wochenende Hunderte in verschiedenen grösseren Städten. Zentrales Thema aller Demos im In- und Ausland: Die Demokratie soll ausgehebelt werden, der Staat will die endgültige Macht übernehmen, ja, es droht eine neue Weltordnung mit einer zentralen Weltherrschaft. In Deutschland sprach man gar von einem neuen «Ermächtigungsgesetz». Mit diesem hatte Hitler 1933 die volle Macht an sich gerissen.

«Die Intellektuellen bestärkten die Wirrköpfe noch.»

Man muss sich aber nicht wundern, dass es so weit gekommen ist. Die These vom heimlichen Staatsstreich der Mächtigen wurde nicht einfach von ein paar Wirrköpfen erfunden, sondern von Intellektuellen sorgfältig vorbereitet. Schon bald nach der Ausrufung der «ausserordentlichen Lage» durch den Bundesrat meldeten sich besorgte Staatsrechtler zu Wort. Mitten im Höhepunkt der Ansteckungswelle, als es darum ging, die Infektionskurve flachzudrücken, war von einem «Notrechtsexzess» die Rede, von bundesrätlichen Kompetenzen, die nicht verfassungsmässig abgestützt seien und von einer gigantischen Beschädigung der Demokratie.

Als sich dann innerhalb der Rechtsgelehrten endlich Widerspruch regte und manche Professoren nachwiesen, dass die Notrechtskompetenzen der Regierung sehr wohl verfassungsrechtlich abgestützt sind, tauchten Soziologen und Politologen auf, die den gesellschaftlichen Niedergang durch Corona-Verordnungen proklamierten. Die Menschen hätten sich quasi über Nacht widerstandslos von allen Werten verabschiedet, konnte man lesen. Virologen würden über die Zukunft der Demokratie entscheiden. Die Vernunft würde an die Mächtigen delegiert. Die freie Selbstbestimmung sei im Eimer.

Die Verbreiter dieser Thesen machten sich damit zu wissenschaftlichen Handlangern all jener Verschwörungstheoretiker, die im Kampf gegen Corona einen von den Pharmafirmen gesteuerten jüdisch-imperialistischen weltweit koordinierten europäisch-chinesischen Staatsstreich sehen. Gemäss einer Umfrage sind 20 bis 25 Prozent der Deutschen anfällig für solche Verschwörungstheorien, weil sie, wie Sozialpsychologen sagen, die Krise als Kontrollverlust wahrnehmen. In der Schweiz dürfte es ähnlich sein. Doch man half den Menschen nicht, die Kontrolle zu erlangen, man vergrösserte ihre Ängste noch.

Man muss es leider feststellen: Während sich die Politiker, vor allem jene der Exekutive, in dieser Krise bewährt haben – und zwar unbesehen der Parteizugehörigkeit – hat die begleitende Wissenschaft ein armseliges Bild geboten. Man muss sich fragen, weshalb Hochschulen und andere Institutionen ihre gelehrten Fachkräfte für solche Wühlarbeit auch noch bezahlen.

Kommentar schreiben

Kommentar senden