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Das Geheimnis der Schönheit

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PIXABAY
Pesche
Lebrument

In dieser Kolumne von Pesche Lebrument gehts um nichts Besonderes. Einfach Leben.

Blumen blühen in Beeten, der Frühling bringt Farbe ins Freie und setzt die Strassen in Bewegung. Wie auf einem Laufsteg schreiten Passanten auf und ab. Schmucke Schäle schlingen sich um Hälse, Köpfe tragen trendige Frisuren, die Gesichter sind den Auslagen der Geschäfte zugewandt.  

Perfekt proportionierte Schaufensterpuppen starren mit leerem Blick zurück, sie tragen bunte Kleider. Wir stehen vor dem Modehaus. Ich und meine Freundin. Sie versichert, es daure nur kurz, nimmt mich bei der Hand und zieht mich in den Laden.

Beim Gang durch die Korridore lässt sie sich über die aktuelle Kollektion aus: «Dia Muschter gönd gar nöd. Furchtbari Farbe.» Ich trotte hinterher, vorbei an vollbehängten Kleiderstangen. Woher wissen Modehäuser eigentlich, was jedes Jahr in ‚Mode‘ ist? Bunt liegt offensichtlich im Trend. Auch die 90er waren bunt. Mode prägt Jahrzehnte, Bilder bleiben haften. Die 70er Jahre sind meiner Vorstellung nach karierte Hemden, Hornbrille und Schnäuzer. Wer setzt bloss die Welt in Mode?

Vor den Umkleideräumen sitze ich auf der kleinen Bank, blicke zu Boden, ich möchte nicht, dass mich die umziehenden Frauen für einen Spanner halten. Ich bin verdammt dazu, die Kleidungsstücke meiner Freundin zu begutachten. Wieder und wieder ruft sie mich zur Kabine. Durch den halb geöffneten Vorhang sehe ich bereits an ihrem Blick, dass ihr dieses Kleid nicht gefällt. Ich schüttle zustimmend den Kopf, sie presst bestätigend die Lippen zusammen und zieht den Vorhang zu. Wieder sitze ich mit niedergeschlagenem Blick auf der kleinen Bank und warte auf ein Zeichen von ihr.

Eine Mutter zieht ihren Jungen an der Hand durch den Laden. Die Kleider des Kleinen erscheinen mir moderner als meine. Ich kann mich nicht kleiden, konnte ich noch nie, ich mache mir nichts aus Mode. Zuhause habe ich eine Standardkollektion, Kleider von denen mir gesagt wurden, ich könne sie gefahrlos tragen. Wenn meine Freundin möchte, dass ich ein bestimmtes Kleidungsstück anziehe, dann legt sie es zuoberst auf den Stapel, heimlich, sie hat es mir einmal gestanden.  

Mode ist zweifellos Geschmacksache, doch soll sie wohl die Schönheit steigern. Ich mache mich jeweils noch so schön wie möglich. Das Aussehen wird mehr und mehr zur Fassade, bereits bröckelt sie da und dort. Der Köper reift wie ein Stück Käse, bis er schliesslich wie alter Parmesan zerbröselt. Vielleicht ist es gar nicht so falsch, ihn ab und an mit schönen Stoffstücken zu behängen.  

Fertig ist die Einkaufstour. Mein Konto und ich sind erleichtert. Wir stehen vor dem Kleiderladen. Ich und meine Freundin. Sie hat etwas vergessen, versichert, es daure nur kurz. Ich sage, ich warte im Café gegenüber auf sie.

Tee steht auf dem Tisch, mein Blick liegt auf der Straße. Wie verschieden doch die Menschen gehen. Der Mann im Anzug stürmt seiner Aktentasche hinterher. Der Jüngling mit Strickjacke und zerzaustem Haar geht ganz gemächlich. Die hübsche Frau trägt sich selbst zur Schau. Ich muss sie einfach ansehen. Sie betritt das Café, bewegt sich durch die Massen, als wäre sie der Mittelpunkt. Liegt es an den perfekten Proportionen, den bunten Kleidern? Männer wie Frauen richten sich an ihren Tischen merklich auf. Es gibt etwas zu sehen im Rudel, die ganze Meute starrt. Was zieht Schönheit an? 

Der junge Mann am Nachbartisch sieht immer wieder zu ihr hinüber. Ich sehe es genau, ich blicke in dieselbe Richtung. Noch manches Mal betrachte ich sie verstohlen. Ich glaube nicht an Schönheit, aber ich bewundere sie. Das Kleid alleine macht es nicht.