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Lichter im Nebel

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PIXABAY

In dieser Kolumne von Pesche Lebrument gehts um nichts Besonderes. Einfach Leben.

Tropfen zerschlagen schäumend auf dem Asphalt der Autobahn. Strassenmarkierungen verschwimmen, der Verkehr kriecht, gegenseitig gebremstes Tempo. Vorsicht ist verständlich, doch der Vordermann übertreibts. Ich überhole ihn mit Leichtigkeit.

Panik. Plötzlich sehe ich mich das Lenkrad krampfhaft festhalten, der Wagen bricht aus, die Leitplanke stürzt auf mich zu. Ich bin hellwach, stehe unter Hochspannung. Ich denke, das reicht nicht. Ich reisse das Steuer herum, ein letztes Ausscheren, dann kriege ich die Kurve, der Wagen hält sich wieder in der Spur. Ich schnaufe, als wäre ich gerannt. Langsam kommt die Erleichterung, ich bin dankbar für diesen Moment.

Zunehmender Regen verteilt die Fahrzeuge über die ganze Strasse. Die Wagen ziehen dichten Sprühnebel hinter sich her. Meine Scheibenwischer sind nicht für die Sintflut gemacht.  Die Nacht verwandelt Vertrautes in Fremdes. Oft fahre ich diese Strecke, doch im Moment habe ich keine Ahnung, wo ich bin, es ist wie eine Fahrt ins Unbekannte.

Donner, ich ducke mich am Steuer. Mir ist, als wäre das Wetter wütend, als wollte es mich an der Heimfahrt hindern.

Gespenstische Leere auf der Gegenfahrbahn, nicht ein einziges Fahrzeug. Mich erfasst ein ungutes Gefühl.

Weit voraus blinken blaue Lichtkegel. Krankenwagen, Feuerwehr, die Polizei hält die stehenden Fahrzeuge in Schacht. Die Wagen vor mir verlangsamen, rollend recke ich meinen Kopf zur Seite. Ein Fahrzeug ist mit der Leitplanke verkeilt. Das Auto hat die gleiche Farbe wie meins.  Scheibenwischer kratzen in der Stille.

Unbeabsichtigte Konfrontation mit dem Unabwendbaren, für einen Moment steht alles still. Blaulicht widerspiegelt sich tausendfach in den Regentropfen auf den Autoscheiben. Eine Sirene zerreisst den Moment.

Tage später werde ich von ihm in der Zeitung lesen. Sein Foto, sein Name, die Familie dankt Ärzten und Helfern. Er ist nach mir geboren und vor mir gestorben. Nach welchen Regeln spielt das Leben?

Gleissende Scheinwerfer beleuchten das Unglück, ich sehe es noch von weitem im Rückspiegel. Die Kolonne zieht sich in den Horizont hinein, alle müssen sich einreihen, am Ende der Schlange ist Schluss. Was ist, wenn nichts mehr ist?

Dunst zieht auf. Rote Rücklichter färben die Luft. Menschen in ihren Wagen werden zu Lichter im Nebel.

Die Nacht überschattet den Tod. Am darauffolgenden Tag funkeln Fahrzeuge farbenfroh in der Sonne. Abgewaschen ist der Regen. Freier Tag am Feiertag, ich fahre in den Frühling. Die Temponadel schiesst nach oben. Das Leben nimmt wieder Fahrt auf.

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