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Liebeserklärung

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Pesche
Lebrument

In dieser Kolumne von Pesche Lebrument gehts um nichts Besonderes. Einfach Leben.

Der breite Bus kämpft sich durch die von Schneewällen verengten Strassen. Langsam aber sicher bringt er uns auf den Hügel, mich und meine Freundin. Unerwartet rief sie an: «Kunsch go schlittla?» Überrascht sagte ich zu. Wann waren wir das letzte Mal zusammen schlitteln?

Kniehoch schichtet sich der Schnee, verwebt Wiesen, Wege und Wälder zu einer endlos weissen Landschaft. Alles wirkt wie ein wahr gewordenes Wintergemälde, umrandet von dumpfen Rufen der Raben. Ein Winter, wie für die Erinnerung gemacht.

Ich ziehe ihren Holzschlitten hinter mir her, er stammt aus Kindertagen. Ihr Heimatdorf liegt unter uns, die Dächer tragen weisse Hüte. Ein einzelner Kinderhandschuh liegt am Rande des Weges.  

Auf einer Anhöhe toben Eiszapfen nuckelnde Kinder. «Uf d’Sita!» ruft ein Junge mit schriller Stimme.  Er kann kaum laufen, trägt mehrere Schichten Kleider, wie eine Kugel rollt er hinab. Schon folgt der nächste: «Platz do!» Ununterbrochen brausen sie auf ihren Hintern den Hang hinunter. Die Angekommenen werden von Schneebällen in Empfang genommen. Das weisse Pulver ist für die aufgekratzten Kinder formbares Spielzeug, Schlittelunterlage, Schmelzgetränk. Eltern stehen plaudernd abseits, recken ab und an ihre Köpfe, prüfen, ob ihre Kleinen unverletzt sind. Unten blutet einer aus der Nase. Die Geschichten unserer Kindheit stehen vor uns.

Etwas weiter weg führt der Weg ins Dorf. Wir setzen uns auf den kleinen Schlitten, er sinkt sofort ein. Wir sind viel zu schwer, lachen Tränen im Tiefschnee. Wann habe ich das letzte Mal Tränen gelacht? Selten sah ich meine Freundin so ausgelassen, ich entdecke einen unbekannten Gesichtszug, ein Strahlen wie ein Schulmädchen. Ich kenne sie so gut und habe doch keine Ahnung.

Ich ziehe mein Mädchen zum nächsten Abhang. «Hüh», ruft sie und macht Zischlaute, als knallte eine Peitsche. Das historische Transportmittel führt uns zurück in die Vergangenheit.  Schnee knirscht im Takt meiner Schritte. Wir singen. Wann habe ich das letzte Mal gesungen?

Streckenweise trägt der Untergrund, der Schnee wird immer schneller, ich springe auf den Schlitten auf. «Brems!» schreit sie. «Wenn miar saisch wia», rufe ich zurück. Wir fahren links in den Graben, wir fahren rechts in den Graben, schon liegen wir wieder auf dem kalten Untergrund. Wieder lachen wir Tränen im Tiefschnee, wieder liegt dieser unbetrübte Ausdruck in ihrem Gesicht.

Weiter, immer weiter, während der Fahrt klammert sie sich fest an mich. Partner helfen dabei, weniger alleine zu sein. Wenn ich mit meiner Freundin zusammen bin, denke ich anders, belangloseres, weniger. Zusammen ist alles andere weiter weg. Gedankenlos gleiten wir auf dem fahrenden Sitz durch die weisse Landschaft.

Schlitteln ist eine Liebeserklärung an die Kindheit. Immer wieder blicke ich in ihr Gesicht.

Die Sonne folgt uns in sicherem Abstand, verschwindet hinter Bäumen und taucht wieder auf. Schnee haftet hartnäckig in meinen Hosenbeinen. Meine Freundin trägt die Strickmütze, ich den Häkelschal, sie hat ihn mir geliehen. Frost macht Finger taub, trotzdem fühlen sie den Schmerz. Irgendwann kommt die Kälte, doch noch trägt uns der Schnee.