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Pesche
Lebrument

In dieser Kolumne von Pesche Lebrument gehts um nichts Besonderes. Einfach Leben.

Die weissen Berge werfen die Kälte hinunter ins Tal. Sie zwingt Menschen in Mütze und Schal. Der Schnee begräbt Fahr- und Fusswege.

Ein altes Pärchen läuft direkt vor mir. Der glatte Untergrund drosselt ihre Schritte. Weisses Haar umhüllt ihr Haupt, ein grauer Kranz das seine. Ihre Mode ist mit ihnen gealtert. Gemeinsam trotzen sie der Unwegsamkeit. Er stützt sie und sie stützt ihn.

Stunden vorher. Ich stehe vor meinem Auto in der Kälte, aus Solidarität mit meinem langjährigen Freund. Er raucht. Ich nicht mehr. Ich frage, wieviel er denn rauche. Er lässt seinen Glimmstängel aufglühen, zögert. Dann macht der austretende Rauch seine Stimme sichtbar: «Waisch, i möcht sowieso nit alt werda». Er sieht mir meine Verblüffung an und fügt rasch hinzu: «Högschtens 10 Zigis pro Tag». Kein besonders starker Tobak, wie mir scheint. Vor nicht allzu langer Zeit rauchte ich täglich das Vierfache. Locker.

«I möcht nit alt werda». Diesen Satz habe ich in meinem Umfeld schon einige Male gehört. Achtlos ausgeworfener Ausspruch. Herausfordernd frag ich meinen gleichaltrigen Freund: «Wia würdschas denn macha?». Er: «Was macha?». Ich: «Wia würsch us da Welt goh, wenns sii müasst?» An dieser Stelle erwarte ich, dass das Gespräch ins Stocken gerät. «Erschüssa», antwortet er ebenso umgehend wie ungerührt. Jetzt bin ich wirklich verblüfft. «Natürli nu, wenn öppis schlimmes passiert», ergänzt er sofort. Würde mich auch wundern, in ihm lodern die Lebenslichter stark, vom Typ her ist er Daueroptimist.

Als seine Zigarette verglimmt, fahre ich meinen Freund nach Hause. Der Schnee verbirgt Strassenmarkierungen und schafft Orientierungslosigkeit. Langsames Vorwärts. Ankunft. Endlich.

Er: «Witsch sie gseh?». Ich: «Was?» Er: «D’Wohnig.» Schon länger lebt er hier. Noch nie war ich bei ihm. Genau so habe ich mir sein Zuhause vorgestellt. Er hat es selbst eingerichtet. Ich muss nicht hier leben. Alle Zimmer besichtigt, führt er mich in den Keller. Wir stehen vor einem Tresor. Wer hat schon einen Tresor zuhause?

Er: «Witsch sie gseh?»  Ich: «Was?» Ich frage, obwohl ich genau weiss, was er meint. Klar will ich sie sehen.  Er müht die schwere Tresortüre auf und sagt: «Das isch mini Läbensversicherig».

Eine echte Pistole. Ungeladen in einem kleinen, ausgekleideten Waffenkoffer. Daneben liegt eine Patronenschachtel. Stille. Einen langen Moment lang.

Er habe den Waffenschein wegen seines deutlich älteren Halbbruders gemacht. In seinen letzten Jahren habe sein Verwandter alles vergessen: Seine Frau, seine Kinder, sich selbst. Ein solches Ende wolle er sich ersparen. Ich erzähle ihm von meinem Grossonkel. Schicksalsschlag, Schlaganfall, Pflegeheim, ein volles Jahrzehnt. Sprache weg, schreiben weg, lesen weg, weggetreten.

Er werde als nächstes seinen Nachlass regeln. Jetzt hätte ich definitiv Lust auf eine Zigarette. Während ich aus Holz geschnitzt bin, scheint er aus Stahl gegossen zu sein. Nachlass, Sterbehilfe, Patientenverfügung, Patrone, nichts habe ich geregelt. Ich nehme mir vor, mir wenigstens die Frage zu stellen, weshalb ich mir all diese Fragen nicht stellen will. Mein Freund beeindruckt mich. Er beschäftigt sich mit seiner letzten Stunde, während ich noch nicht einmal weiss, wie ich meine Tage lebe. Er hat Bewusstsein, wo ich Bewusstlosigkeit habe.

Stunden später. Das alte Paar müht sich durch den Schnee. Er strauchelt, sie hält ihn. Eisiger Wind legt seine Worte an mein Ohr: «Waisch, früaner han i miar d’Socka no sälber könna im stoh alegga.» Ich seh den beiden die Beschwerlichkeit an, die mir nicht die geringste Mühe bereitet. Ich blicke ihnen nach. Hand in Hand, noch halten sie sich fest.