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Redundantes Pingen ins Tinderland

Single
Bock
10.11.21 - 16:30 Uhr
Wischen in die leeren Weiten des Internets.
Wischen in die leeren Weiten des Internets.
Symbolbild Pexels

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Chur ist ein Dorf. Das macht mir die Single-App meines Vertrauens regelmässig wieder bewusst. Natürlich, der Kantonshauptstadt das Attribut «Dorf» zu verpassen, ist eine Frage der Perspektive. Perspektiven verändern sich. Ich bin in einem mittelgrossen Dorf im Oberland aufgewachsen. Damals war Chur für mich die grosse, böse Stadt. Ein seelenfressender Moloch, den man sich nur länger antut, wenn man masochistisch veranlagt und/oder unvernünftig ist oder etwas braucht, das es im Oberland nun einfach nicht gibt. Mit der Zeit gewann das vermeintliche Sodom natürlich an Reiz und ich begab mich als Teenager durchaus öfter nach Chur - in die grosse Stadt.

Aus dem Oberland zog es mich später etwas weiter in die Welt hinaus. Ich habe ausserkantonal studiert und einige Jahre in grösseren Schweizer Städten gearbeitet, bevor ich vor wenigen Jahren erst wieder in mein Heimatdorf und danach in die unmittelbare Nähe von Chur gezogen bin. Ich habe sozusagen viel grössere und bösere, seelenfressende Moloche mittel- und unmittelbar miterlebt.

Meine berufs-, militärdienst- und ausgehbedingten Streifzüge durch Zürich, Basel, Bern, Winterthur und Luzern und die Tatsache, dass ich in zweien dieser Städte gelebt habe, haben meine Perspektive auf Chur verändert. Kein seelenfressender Moloch. Ein beschauliches Städtchen inmitten hoher Berge. Man kennt sich – wenn nicht direkt, dann über eine oder zwei Ecken. Man läuft sich immer mal wieder über den Weg. Wenn nicht im echten Leben, dann auf Online-Singleplattformen, sofern man den Match-Radius nicht mit einer liegenden Acht festgelegt hat.

Als regelmässiger «Swiper» treffe ich immer wieder auf bekannte Gesichter – geschuldet der Tatsache, dass Chur eben mehr Dorf als Metropole ist. Entweder kenne ich die Damen persönlich und aus dem echten Leben, oder sie sind meinem «Swipe»-Daumen schon mehrmals vor die Linse geraten. In solchen Situationen stellen sich mir zwei Herausforderungen.

Starten wir mit der ersten: Was tut man, wenn man auf Tinder ein bekanntes Gesicht sieht?

Eine Ex-Freundin hat mir mal gesagt – nachdem wir trotz Ex-Status «gematcht» hatten –, dass sie im Bekanntenkreis immer nach rechts wische. Bei einem Match grüsst man sich, tauscht ein paar kollegiale Floskeln aus und löst den Match dann wieder. Das ist eine nett gemeinte Idee. Nun gibt es aber in meinem Bekanntenkreis aber durchaus die eine oder andere Frau, mit der ich sehr gerne Mal ein Date hätte. Mit der Regelung, die meine Ex verfolgt, kann man ein Match mit jemandem, den man kennt, aber einfach nicht richtig einordnen. Gilt das jetzt oder ist das nur ein Aus-Prinzip-Match?

Eine andere Lösung ist die Funktion, die Tinder vor Kurzem eingeführt hat: Man kann im Vorfeld definieren, wer aus dem eigenen Bekanntenkreis einem nicht gezeigt werden soll oder wem man selbst nicht gezeigt werden will. Vermutlich ist diese Lösung eher für Fremdgeher gedacht, die sicherstellen wollen, dass die beste Freundin der eigenen Partnerin ihr Profil nicht zu Gesicht bekommt.

Kommen wir zur zweiten Herausforderung: Was kann man tun, wenn man immer wieder auf ein Profil trifft, mit dem man gerne matchen würde?

Auf meiner räumlich begrenzten Tinder-Odyssee begegnet mir seit einigen Wochen immer wieder eine Frau, die ich sehr gerne näher kennenlernen würde. Immer wieder, weil die Anzahl weiblicher Tinderprofile in Chur und Umgebung halt wirklich eingeschränkt ist. Hat man alle Profile durch, startet das Tinderkarussell von Neuem. Ich «swipe» bei besagter Dame regelmässig in die unendlichen Weiten des Internets. Als würde ich ein Sonar-Ping aussenden, das nirgends anstösst. Ich gehe davon aus, dass sie den Richtigen noch nicht gefunden hat. Sonst wäre sie ja nicht noch auf Tinder. Ich merke auch, dass sie immer Mal wieder andere Profilbilder hat. Ein Superlike, so viel weiss ich, würde wohl auf mich aufmerksam machen, gleichzeitig schreit nichts mehr «Desperate» als ein Superlike. Die verteilt man höchstens aus Versehen. Oder wenn man seine weiblichen, vergebenen Arbeitskolleginnen das eigene Tinderprofil bedienen lässt. Es ist eine Krux.

Beide umrissenen Herausforderungen sind der Tatsache geschuldet, dass Chur – wie eingangs erwähnt – halt einfach vergleichsweise klein ist. Wo man früher im Dorf einem Schwarm vor dem Volg begegnete und sich verstohlen aus dem Staub zu machen versuchte, trifft man sich heute auf dem digitalen Tummelplatz für Singles immer und immer wieder. Früher hatte ich die Möglichkeit, meinen ganzen Mut zusammenzunehmen und die Angebetete anzusprechen, oder ihr zumindest ein Willst-Du-Mit-Mir-Gehen-Zettelchen zuzustecken. Auf Tinder kann ich nur per Verzweiflungs-Button aka Superlike auf mich aufmerksam machen und mich dadurch auch direkt ins Abseits manövrieren.

Ich versuche jetzt also meine Reichweite als Singlebock zu nutzen und starte hier und jetzt einen Aufruf an die Damen aus Chur, die ein Tinderprofil haben: Wischt doch in den kommenden Wochen einfach öfter Mal nach rechts. Wenn wir matchen, gebe ich mich gerne auch als Singlebock zu erkennen und löse auf, ob ihr die gemeinte Dame seid oder nicht. Versprochen. Wird dann auch nichts daraus, so habe ich zumindest noch die Hoffnung, dass ich für meine männlichen Tinder-Compadres den Winkelried gegeben habe. So kann ich dann – sollte es mit meinem präferierten Tinderprofil nicht geklappt haben – immerhin noch mein oberflächlich-altruistisches Haupt einsam auf ein Kissen betten und mir einreden, für mehr Liebe oder zumindest Tindermatches in meinem liebsten grossen Dorf gesorgt zu haben.

Passt auf euch auf.

Euer Singlebock

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