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Die Kunst des Loslassens

Die Kunst des Loslassens

Single
Böckin
20.10.21 - 16:30 Uhr
Bild Pixabay

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Ich habe letztens mit einer guten Freundin die Diskussion begonnen, wie leicht es ihr fällt loszulassen. Dabei habe ich mich an Situationen erinnert, bei denen ich mich – was dieses Thema angeht – nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe.

Ich bin nicht die Person, die sich gerne von materiellen oder emotionalen Dingen trennt. Viel eher verstaue ich alles fein säuberlich beschriftet in meinem Schrank oder packe Erinnerungen in Boxen in meinem Kopf. Eine Art Archivierungssystem, um das Erlebte nicht zu vergessen. Ich hänge an Erinnerungen, an Personen, an Erlebnissen, die ich mit ihnen verbinde. Einfach mal schnell alle Fotos und Videos löschen nachdem eine Beziehung zu Bruch geht? Unmöglich.

Meine Freundin sah das ein wenig pragmatischer. Nachdem sie ihren Partner verlassen hatte, dauerte es keine zwei Tage und sämtliche Festplatten waren geleert, gegenseitige Habseligkeiten wieder an ihren rechtmässigen Besitzer zurückgegeben. Ein klarer Schnitt, ein Haken hinter den Lebensabschnitt gesetzt. Fertig, aus.

Ich muss ehrlich zugeben, auf eine Art hat es mich ein wenig beindruckt. Die Disziplin und Rationalität mit der sie etwas so Emotionales angegangen ist, erschien mir anfangs ein wenig fremd, denn für mich sind Beziehungen und deren Ende nicht schwarz oder weiss. Es gibt da diese ganz grosse Grauzone, in der sich die Phrase «Was wäre, wenn» befindet. Eine kleine Hoffnung, an die man sich klammert. Eine kleine Hoffnung, die es schwierig gestaltet, effektiv den Schlussstrich zu ziehen. Man dreht sich bis zu einem Punkt immer im Kreis, kommt wieder an den Anfang, man wünscht sich das Verlorene zurück, nur um zu realisieren, wieso es verloren gegangen ist. Dann wird man wieder an die schönen Seiten der Vergangenheit erinnert und das Karussell geht wieder von vorne los.

Somit, rational gesehen, wäre es wohl das schlauste, tatsächlich reinen Tisch zu schaffen. Den Ballast abzuwerfen und nach vorne zu schauen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Zu sagen: «Es war schön, aber es ist jetzt Zeit für etwas Neues.» Simpel, sollte man denken. Hingegen finde ich es auch etwas übervoreilig, die Person gleich komplett aus dem Leben zu radieren. Klar, Erinnerungen bleiben. Aber Erinnerungen schwinden auch mit der Zeit. Ich möchte etwas, auf das ich mit einem gewissen zeitlichen Abstand zurückschauen und sagen kann: «Hey, weisst du noch? Es war schön.»

Ich denke, wir können beide voneinander lernen. Ich dadurch, etwas schneller loszulassen, mich nicht so an Vergangenes zu klammern und sie, sich nicht Hals über Kopf von Erinnerungen zu trennen, bloss weil sie im Moment noch schmerzen. Die goldene Mitte, sozusagen. Ich für meinen Teil werde dieses beim nächsten Mal wohl definitiv versuchen, vielleicht dauert es dann nicht mehr ein Jahr, bis ich darüber hinweg bin. Es kann ja auch ganz therapeutisch sein, symbolisch einige Fotos zu verbrennen oder eben digital aus dem Leben zu löschen.

Passt auf euch auf!

Eure Singleböckin

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