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Per Swipe in die Friendzone

Per Swipe in die Friendzone

Single
Bock
vor 1 Monat in
PEXELS / PEXELS

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Ich habe mich in die Friendzone getindert. Wie das geht? Naja… man hält sich zuallererst als Singlebock nicht an die eigene Maxime, immer auf die Profiltexte zu achten, und swiped gedankenverloren und repetitiv nach rechts, auf die Finde-ich-interessant-Seite. Das habe ich in den vergangenen Wochen vermehrt getan, wenn das Netflix-Programm dann doch nicht ganz so spannend war. Asche auf mein Haupt! Ich gelobe Besserung. Schliesslich hoffe ich ja darauf, dass mein eigenes Tinderprofil nicht alleine nach optischen Aspekten, also den Bildern beurteilt wird, sondern, dass ich den einen oder anderen Swipe mit dem subtil-humoristischen und hintergründig-intellektuellen Inhalt meiner Profilbeschreibung provozieren kann.

Soweit so gut.

Letzte Woche hat mein Handy mir also nach gefühlten 13 Monaten Match-Lockdown wieder mal mitgeteilt, dass mich da draussen eine mag, deren Profil mir bereits zugesagt hatte. Eifrig und mit zittrigen Fingern entsperrte ich mein Handy (ja, oldschool. Ich brauche dafür noch einen Fingerabdruck, ihr Face-ID-Hipster) und fand bei Tinder auch schon eine Nachricht: «Ich musste rechts swipen, nur schon wegen der... ». Details werden hier keine genannt, sonst erkennt ihr mich ja noch an meinem Tinderprofil. Es ging aber darum, dass ich auf die korrekte Rechtschreibung eines Eigenschaftswortes hinweise, bei dem viele Profil-Ausfüllerinnen – die männlichen Profile kann ich nicht beurteilen – gerne mal Fehler machen.

Wie dem auch sei. Ich freute mich über einen Match. Über einen Match mit einer attraktiven Frau. Über einen Match mit einer attraktiven Frau, die korrekte Rechtschreibung zu schätzen weiss. Ich freute mich aber nur kurz. Als ich ihren Profilbeschrieb studierte, stand da: «Ich bin in einer Beziehung. Nur zu Recherchezwecken hier». Na wunderbar. Da matchts und ich bin von Anfang an schon in der Friendzone. Dafür habe ich früher, im echten Leben, meist einige Monate oder Jahre gebraucht. Nichts, was man sich auf ein T-Shirt drucken würde… aber so schnell gefriendzoned zu werden, fühlte sich irgendwie noch blöder an.

Ich fragte sie also, wie ihre Recherche so laufe und welche These sie zu beweisen oder zu entkräften versuche. Ihre These war offenbar mal gewesen, dass sich auf Tinder nur absolut niveaulose Menschen bewegen. Dem sei nun aber nicht so und ich hätte auch mit dazu beigetragen. Da war ich dann schon wieder etwas stolz. Im Kleinen hatte ich also eine Lanze für uns männliche Tinderer gebrochen. You can call me «Swipe-Winkelried».

Wir schrieben also weiter hin und her, tauschten uns über unsere Berufe aus und wurden uns immer sympathischer. Das Friendzone-Damokles-Schwert schwebte dabei ständig über uns und wurde auch zum Thema unseres Dialogs.

Uns ist klar, dass aus uns nichts werden wird. Dennoch flirten wir (mal heftiger, mal weniger) seither hin und her. Wir haben Nummern ausgetauscht und mittlerweile die Flirt-Plattform gewechselt. Wir führen einen witzig-herausfordernden Dialog, machen uns über Klischee-Tinderprofile lustig und haben digital eine verdammt gute Zeit. Das ist schön.

Ich ertappe mich hin und wieder dabei, wie ich mir vorstelle, sie wirklich zu treffen. Dann holt mich Kollege Damokles aber immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es fuchst mich schon etwas, dass ich es sogar auf Tinder geschafft habe, direkt in der Friendzone zu landen. Mir ist auch bewusst, dass der Kontakt irgendwann wohl etwas versanden wird. Dass die Kadenz unserer Nachrichten nachlassen wird und dass wir uns gegenseitig irgendwann einmal wohl nur noch eine schöne Erinnerung an einen platonischen Tinder-Match sein werden.

Bis dahin geniesse ich den Austausch auf Augenhöhe, tindere weiter und hoffe, dass ich irgendwann mit einer ähnlich attraktiven Frau matche, die eine korrekte Rechtschreibung zu schätzen weiss – und nicht im Auftrag der Wissenschaft auf Tinder unterwegs ist.

Madame, je vous attends.

Passt auf euch auf.

Euer Singlebock

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